Dogmatiker Wintzek: Sakramente in der Kirche aktualisieren
Der Mainzer Dogmatiker Oliver Wintzek hat sich dafür ausgesprochen, die Sakramente in der Kirche zu aktualisieren. "Gerade weil die sieben Sakramente historisch gewachsen sind, lasst sich fragen, ob nicht auch eine Weiterentwicklung auf der Höhe der Zeit sinnvoll wäre. Die Kirche kann und musste sich meines Erachtens die Sakramente geben, die sie braucht, um Zeichen und Werkzeug des Heils in der Welt sein zu können", sagt Wintzek in einem Interview in einem aktuellen Themenheft der "Herder Korrespondenz". Die Siebenzahl der Sakramente sei mit der Bulle "Exultate Deo" 1439 festgelegt worden. "Wir sollten nicht meinen, dass es in der Kirche genau diese sieben Sakramente in ihrer heutigen Gestalt immer gegeben hat", sagte Wintzek. "Auch die Zwölfzahl ist sakral-biblisch aufgeladen – warum also nicht zwölf Sakramente?"
Wintzek deutet ein Sakrament für den Umgang mit Scheitern an. "Wenn Sakramente etwas Befreiendes haben sollen, dann bräuchten wir Formen, die gerade mit dem Scheitern von Lebensentwürfen umgehen können – ein Rite de Passage von einer verfahrenen Situation in eine gelöste Situation." Dazu ließe sich etwa die Krankensalbung neu justieren. Dabei gehe es nicht um das Gesundwerden eines Menschen, sondern um Zuspruch und Begleitung. "Könnte die Krankensalbung nicht Potenzial haben hinsichtlich unserer Fragilitäten?"
"Letztlich könnten Frauen dann auch nicht erlöst werden"
Damit sei auch die Ämterfrage verbunden. Es sei "dringend angezeigt", die sakramentale Qualität von Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten ernst zu nehmen. "Diese gehören de facto zum Clerus minor", so Wintzek. "Wir widersprechen doch unserer eigenen Ämterstruktur, indem wir viele Ämter nicht sakramental ausdeuten, obwohl sie sakramentaler Art sind." Es müsse "endlich vom Tisch", dass Frauen im Hinblick auf die Ordination "falsche Marterie" seien, fordert der Dogmatiker. "Die Begründungsfigur, Jesus sei ein Mann gewesen und deswegen könnten nur Männer ihn repräsentieren, trägt dogmatisch nicht und ist eigentlich häretisch", so Wintzek. "Letztlich könnten Frauen dann auch nicht erlöst werden, denn nur das kann erlöst werden, was auch angenommen wurde."
Der Fribourger Fundamentaltheologe Joachim Negel betonte im Doppelinterview, es brauche Rituale, um pastorale Mitarbeitende in ihr Amt einzuführen. "Wieso bekommen Lektor oder Lektorin keine Investitur mit Einkleidung und Übergabe des Lektionars, vielleicht sogar mit einer Handauflegung?" Zugleich sprach Negel sich aus sakramententheologischer Perspektive für Ämter in der Kirche aus. "Es gibt bestimmte Dinge im Leben, die kann man sich nicht selbst sagen, die muss man sich sagen lassen", so der Theologe. Als Beispiel nannte er die Taufformel, die Lossprechung im Rahmen der Beichte oder die Einsetzungsworte bei der Eucharistiefeier. "Hier spricht der Zelebrant – das lateinische celebrans kann sowohl männlich als auch weiblich sein – in persona Christi, das heißt für den Moment schlüpft er oder sie gleichsam in die Rolle Christi", sagte Negel. "Ich halte dieses Spannungsgefüge, dieses Kommunikationsgeschehen von Christus hier und Gemeinde dort für elementar. Dazu braucht es das Amt."