"Ein Bewusstseinswandel muss her"
Frage: Frau Höß, wie beurteilen Sie die Situation in den deutschen Bistümern hinsichtlich der Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Mitarbeitern?
Höß: Die Statistik zeigt, dass in der Diözese Würzburg zirka 70 Prozent der Beschäftigten Frauen sind. Da liegt zunächst der Schluss nahe, dass Männer gefördert werden sollten. Diese Zahl relativiert sich jedoch sehr schnell, wenn man prüft, an welchen Stellen Frauen beziehungsweise Männer tätig sind. Der Großteil der Frauen ist in der Hauswirtschaft, der Raumpflege oder in Sekretariaten und Pfarrbüros tätig. Rund 67 Prozent der Mitarbeiterinnen sind in den Entgeltstufen 1 bis 6 des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst und geringfügig eingruppiert, bei den Männern sind dies gerade mal 23 Prozent.
Frage: Und wie ist das Mitarbeitern in der Kirche, die mehr Geld verdienen?
Höß: Am oberen Ende der Hierarchie kehrt sich das Verhältnis radikal um: In den Führungsebenen – also Hauptabteilungs- oder Abteilungsleitungen – sind von 64 Personen mittlerweile zehn weiblich. Entsprechend des Anteils an der Mitarbeiterschaft sollten es aber etwa 44 Frauen sein. Hier wird sichtbar, dass es bei der Gleichstellung nicht nur um die Anzahl von Frauen und Männern gehen kann, sondern dass weitere Faktoren eine Rolle spielen.
Frage: Wie ist das in anderen Diözesen?
Höß: Grundsätzlich sieht es in den anderen deutschen Diözesen ähnlich aus, auch wenn einige schon viel bewegt haben und in den Bistumsleitungen auch Frauen zu finden sind.
Frage: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Höß: Frauen und Männer sollten in den Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind, gefördert werden. Ein erster Schritt besteht für mich dabei in einem Bewusstseinswandel. Leider ist unser Denken und Handeln oftmals sehr in alten Mustern verhaftet – der Mann ist der Hauptverdiener und Leistungsträger, die Frau ist "Zuverdienerin" und hauptsächlich für die Kinderbetreuung zuständig. Ein erster Schritt ist es, zu informieren, worin Geschlechtergerechtigkeit besteht. Das zu verinnerlichen ist aber ein längerer Prozess. Ein realer Bedarf wird sich in den kommenden Jahren ergeben, wenn eine Vielzahl von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen das Rentenalter erreicht und aus dem Dienst ausscheiden wird.
Frauen sollten nach Worten von Kardinal Walter Kasper in der römischen Kurie Leitungsaufgaben übernehmen, die nicht unbedingt an die Priesterweihe gebunden sind. Es sei etwa "absurd", dass Frauen in den Päpstlichen Räten für Familie, Kultur, Soziale Kommunikation und Laien bislang keine wichtige Rolle spielten, sagte der frühere Ökumeneminister des Vatikan.
Frage: Könnten dann mehr Frauen zum Zuge kommen?
Höß: Wenn Frauen rechtzeitig gefördert und ermutigt werden, entsteht ein größeres internes Potenzial, um auch Führungspositionen zu besetzen. Dabei geht es nicht darum, Frauen zu bevorzugen. Verfügen Frauen jedoch über die gleichen Qualifikationen und Kompetenzen wie ihre Mitbewerber, ist eine Entscheidung zu Gunsten einer Frau möglich. Das gilt übrigens auch für Männer in den Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert oder benachteiligt sind. Drittens müssen die Voraussetzungen für eine praktische Umsetzung der Geschlechtergerechtigkeit vorhanden sein. Stellenausschreibungen, Anforderungsprofile, Bewerberauswahl, Bewerbungsgespräche sollten auf ihre Geschlechtergerechtigkeit hin überprüft und bei Bedarf angepasst oder ergänzt werden.
Frage: Was sollten Ihrer Ansicht nach die nächsten Schritte sein?
Höß: Ich glaube, es ist wichtig, dass sich die Bistumsleitung das Thema zu eigen macht. Nur dann kann tatsächlich etwas bewegt werden und Veränderungen können stattfinden. Dass die deutschen Generalvikare der Diözesen, in denen es eine Gleichstellungsbeauftragte gibt, in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal mit den Gleichstellungsbeauftragten tagten, ist ein Schritt in diese Richtung. Wenn die Bistumsleitung dann auch ihre Führungskräfte einbezieht und schult, zum Beispiel Workshops initiiert, in denen Wissen und Erfahrungen vermittelt werden, wird das Thema auf eine breitere Basis gestellt.