Ein neuer Exodus
Oder bildlich gesprochen: Diese drei Tage können wie ein Triptychon gesehen und erlebt werden - als ein dreiflügeliges Bild mit dem Osterwunder in der Mitte und dem vorösterlichen Abendmahl und dem Kreuz Jesu zu beiden Seiten. Nicht weniger eindrücklich ist das urbiblische Bild des Weges in der Gründonnerstags-Liturgie, als Weg des Übergangs vom Tod in neues Leben, den Jesus geht: in die Tischgemeinschaft und in den Verrat durch einen engen Freund, in die Verurteilung und Kreuzigung und endlich durch den Tod hindurch in das österliche Leben.
Diesen Jesus-Weg feiert die Liturgie des Gründonnerstags als einen neuen Exodus, als Auszug der neuen Mose-Gruppe aus dem Todesland Ägypten in das Lebensland der göttlichen Verheißung, darum wählt sie auch als Lesungstext den Exodus-Bericht (Ex 12,1-14).
Den Gründonnerstag "begehen" Christen im wörtlichen Sinn in drei Stationen: in der Fußwaschung, im österlichen Abendmahl und im Weg zum Ölberg – in die Nacht des Verrats. Das Johannes-Evangelium erzählt als einziges Evangelium von der Jesus-Tat der Fußwaschung (Joh 13,1-20); die Liturgie wählt diesen Text als Tagesevangelium. Während des Abschiedsmahls steht Jesus auf und wäscht seinen Freunden die Füße. Das ist keine sonst übliche Reinigung, das ist eine Programmaktion. Darum der Jesus-Auftrag: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Joh 13,12).
"Wo Güte und Liebe ist, da wohnt Gott!"
Der Johannes-Evangelist will damit ein Zweifaches zeigen: wer Jesus ist und worum es Jesus geht - wie in einem Vermächtnis: sich Gottes Heil, ganz persönlich vermittelt durch Jesus, den geglaubten Messias Gottes, gefallen zu lassen und zugleich diesen Heilsdienst weiterzutragen. Es macht betroffen und es ist zugleich beglückend, wenn die Gemeinde zur liturgischen Fußwaschung immer wieder die Antiphon singt: "Wo Güte und Liebe ist, da wohnt Gott!" Das ist ein Glücksruf für alle Menschen.
Wenn Christen das Abendmahl feiern, dann wird die Vergangenheit des Paschamahls Jesu mit seinen Freunden zur Feier der Gegenwart des österlichen Jesus Christus heute. Diese äußere Feier der Vergangenheit zieht die ganze Gemeinde in die innere Gegenwart Jesu Christi in der Gemeinde. "Jesus nimmt ein Stück Brot, spricht das Dankgebet, bricht das Brot und sagt: 'Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!' Ebenso nimmt er den Kelch und sagt zu ihnen: 'Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für euch und für alle vergossen wird...'".
Diese Worte und Gesten gewinnen ihr Gewicht durch den Tag, an dem sie gesprochen werden: am Paschafest mit seinem Blutritus und seinem Essen des Paschalamms. Und die eigentliche Tiefenschärfe erhalten diese Gesten und Worte des Sich-Verschenkens aus dem Rückblick auf die Kreuzigung und die Auferweckung Jesu Christi, denn jetzt wird erkennbar: in und durch Jesus Christus handelt Gott, er verschenkt sich in seinem Sohn zum Heil der Menschen, zum Heil aller Menschen. So glauben die Christen – seit dem ersten Ostertag bis heute. Und gerne hört man heute die Worte des Priesters: "Das ist ein Geheimnis unseres österlichen Glaubens."
Ein unvorstellbarer Vertrauensbruch!
Aber die Sonne der dankbaren Freude über diese Glücksofferte Gottes an alle Menschen strahlt nicht ungetrübt. Denn mitten in diesem Liebeserweis Gottes durch Jesus Christus an uns bricht schon der Verrat des Judas Iskariot herein, des engen Freundes und Apostels. Wer darum das eucharistische Brot in seiner Hand ernst nimmt, kann entdecken, was Gott und Jesus und der christliche Glaube uns schenken. Und zugleich ist zu erkennen, wie weit menschlicher Vertrauensbruch gehen kann. Unvorstellbar! Unerträglich!
Darum haben die frühen Christen in Judas einen Überwältigten von der dunklen Macht des Bösen gesehen. Und es verwundert nicht, dass die Liturgie des Gründonnerstags so düster endet wie an keinem anderen Tag im Kirchenjahr: die eucharistischen Gaben werden weggetragen, und der Tisch, an dem gerade noch Jesus Christus mit den Seinen das Ostermahl gefeiert hat, wird entkleidet, die Altardiener lassen allen Schmuck verschwinden.
Kahl steht der Tisch da, das Zeichen, dass Jesus Christus sich selbst als Speise des Lebens verschenkt. Manche Christen gehen in eine Seitenkapelle, um gleichsam wie einige Apostel Jesus an den Ölberg zu begleiten, in den Garten der Angst vor dem Verrat, vor der drohenden Katastrophe. Der verhüllte Kelch mit dem eucharistischen Brot steht zur Anbetung auf einem geschmückten Tisch. Es ist tiefe Nacht ringsum, Nacht des Verrats.
Von Gottfried Bitter
Professor Dr. Gottfried Bitter CSSp (76) ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Spiritaner und war von 1980 bis zu seiner Emeritierung 2002 Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Bonn. Heute ist er als Seelsorger an der Pfarreiengemeinschaft Remagen-Kripp tätig.
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