Eine Oase in der Wüste
Frage: Herr Kardinal, wenn ein Berliner Sie auf der Straße fragt, was denn dieser "Vorhof der Völker" ist? Was antworten Sie?
Woelki: Es ist eine große Einladung der katholische Kirche zum Dialog. Sie geht zurück auf Papst Benedikt XVI. Wir möchten damit ein Forum schaffen, um mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich die Fragen nach Orientierung und dem Sinn ihres Lebens, nach Freiheit, nach Herkunft und Zukunft des Menschen stellen.
Frage: Warum eine solche Veranstaltung ausgerechnet in Berlin?
Woelki: Berlin ist sicherlich ein Ort in Europa, der mit Blick auf die Säkularisierung seiner Bewohner weit vorangeschritten ist. Ein Ort der Multikulturalität, wo viele heterogene Gruppen präsent sind. Mit ihnen wollen wir darüber sprechen, was uns als katholische Christen trägt und was unserem Leben Halt und Orientierung schenkt.
Frage: Der vatikanische "Kulturminister" Kardinal Gianfranco Ravasi hat unlängst gesagt, Berlin sei in religiösen Dingen "fast so etwas wie eine Wüste". Sehen Sie das auch so?
Woelki: In der Wüste gibt es auch immer Oasen, und ich entdecke hier in Berlin sehr, sehr viele davon. Christliche Gemeinden bilden solche Oasen. Ebenso die vielen Projekte von Caritas und Diakonie. Dann die muslimischen und jüdischen Gemeinden, die hier ihren Glauben offen leben. Insofern stehe ich Kardinal Ravasis Einschätzung skeptisch gegenüber. Es gibt natürlich in Berlin auch Orte, an denen Glaube und Religion nur eine geringe Rolle spielt. Aber ich glaube nicht, dass man das so flächendeckend behaupten kann. Es gibt hier eine üppige religiöse Vegetation.
Frage: Welche Gesprächsforen interessieren Sie besonders?
Woelki: In der ersten Veranstaltung im Roten Rathaus setzen wir uns mit der Begründung eines ethischen Humanismus auseinander. Mit der Frage nach der Freiheit mit oder ohne Gott. In der Charite gibt es dann ein Forum zu medizin- und bioethischen Fragen. Es gibt Foren zu Kunst und Kultur. Ich finde, das sind alles wichtige Themen, die die Gesellschaft bewegen und die das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden befördern - weil es existenzielle Fragen sind.
Frage: Was ist denn das Ziel? Bloß ein absichtsloser Meinungsaustausch?
Woelki: Nein, das wäre zu wenig. Es ist zunächst grundsätzlich wichtig, dass wir uns austauschen über die Hoffnungen, die unser Leben tragen. Es muss aber auch darum gehen, dass ein gesellschaftliches Miteinander möglich ist in einer so multikulturellen und multireligiösen Stadt wie Berlin. Dazu gehört eine gemeinsame ethische Basis.
Frage: Was können Sie, Herr Kardinal, von einem Atheisten lernen?
Woelki: Dass auch er eine ethische Grundlage hat. Schließlich muss jeder seine Grundentscheidungen begründen. Ich denke, dass es gerade auch unter den Atheisten viele gibt, die ein hohes menschliches Ethos haben, die sich für unser Gemeinwesen aufgrund dessen sehr einsetzen. Das ist etwas, das ich respektiere und würdige.
Frage: Wie groß ist das Interesse von politischer Seite an den Gesprächen des "Vorhofs"?
Woelki: Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir gerade bei der Auftaktveranstaltung zu Gast im Berliner Rathaus sein dürfen und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit zum «Vorhof der Völker» eingeladen hat.
Frage: Was sind Ihre eigenen Erfahrungen: Womit kann man Konfessionslose packen?
Woelki: Packen kann man sie immer, wenn man authentisch ist. Wenn man bereit ist, die eigene Position zu klären und zu verdeutlichen. Und wenn man das dann nicht nur theoretisch oder intellektuell tut, sondern auch klar wird: Das wofür ich stehe, versuche ich auch zu leben.
Frage: Welche Themen bieten besonders gute Anknüpfungspunkte?
Woelki: Ich glaube, dass es die grundlegenden Fragen sind: Was ist der Mensch? Woher kommt er? Ebenso der Blick auf das Ende. Darf der Mensch seinem Leben selber ein Ende setzen? Ist also Sterbehilfe möglich und erlaubt? Dann natürlich die Fragen nach dem Bösen, nach Schuld, die Menschen bewegen. Was uns verbindet, ist die Sehnsucht nach Frieden, nach sozialer Gerechtigkeit. Ich glaube, es sind diese großen Menschheitsfragen, die im Dialog miteinander ausgelotet werden müssen.
Das Interview führten Karin Wollschläger und Gregor Krumpholz (KNA)
Katholisch.de überträgt die dreitägige Veranstaltung "Vorhof der Völker" live. Dienstag, 26. November um 15.00 — 18.00 Uhr live aus dem Berliner Rathaus I. „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“ (Dostojewski) – Über ethischen Humanismus mit und ohne Gott Mittwoch, 27. November um 10.00 — 12.00 Uhr live aus der CHARITÉ II. Siehe, der Mensch! – Gottes schöpferisches Geschöpf oder Designer seiner selbst Mittwoch, 27. November um 15.00 — 17.00 Uhr live aus dem Deutschen Theater III. Religion auf der Bühne – Über Ehrfurcht, Blasphemie und künstlerischer Freiheit Mehr zur Veranstaltung finden Sie unter www.vorhofdervoelker.de .