Entspannung ja, Entwarnung nein
Dass weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, wirkt sich auch auf die Arbeit katholischer Hilfsorganisationen aus – aber von leeren Unterkünften und unterbeschäftigten Helfern sind sie weit entfernt, im Gegenteil.
"Wir merken das insbesondere in den Notunterkünften, die überwiegend der Malteser Hilfsdienst betreut", erklärt Patrick Hofmacher, Geschäftsführer der Malteser Werke. "Von diesen wurde schon ein gutes Drittel geschlossen." Die Notunterkünfte, manche davon in Turnhallen, seien von vorneherein auf kurze Laufzeiten angelegt gewesen. "Uns war klar, dass diese nicht mehr benötigt werden, wenn sich die Situation entspannt."
In der Flüchtlingsunterkunft der Malteser in Hamm sind Christen und Muslime zusammen untergebracht. Die religiösen Feste werden gemeinsam gefeiert, die Gebetsräume für Muslime und Christen liegen jedoch getrennt. katholisch.de hat sich vor Ort umgesehen.
In den sogenannten Regeleinrichtungen – darunter fallen zum Beispiel dauerhaft angelegte Landeseinrichtungen, in denen Flüchtlinge wohnen, bevor sie auf die Kommunen aufgeteilt werden – zeige sich der Rückgang jedoch weniger deutlich. "In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sind wir gut belegt. Und die Flüchtlinge bleiben mitunter deutlich länger dort, manchmal bis zu drei Monate oder mehr." Das liege an den oft mangelnden Aufnahmemöglichkeiten der Gemeinden und Städte. "Dort gibt es zu wenig Unterkünfte und Wohnraum." Für die Malteser hat das durchaus auch positive Seiten. "Wir müssen jetzt nicht mehr nur für das Dach über dem Kopf sorgen, sondern wir können uns wieder stärker auf die integrativen Inhalte, zum Beispiel den Sprachunterricht und die zielgruppenspezifische Förderung konzentrieren."
Kapazitäten für die Hinterhand
Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist ebenso gesunken. "Das gibt uns jetzt die Möglichkeit, Mitarbeiter zu schulen und so zum Beispiel gezielter auf die unterschiedlichen Traumatisierungen der Jugendlichen einzugehen", meint Hofmacher. "Im Landkreis Mainz-Bingen haben wir hingegen beobachtet, dass punktuell mehr minderjährige Flüchtlinge auftauchen. Wir vermuten, dass es diejenigen sind, die vor zwei Monaten noch als vermisst galten." Sie hätten wahrscheinlich versucht, sich, einmal in Deutschland registriert, allein durchzuschlagen, aber gemerkt, dass sie auf diese Weise doch nicht durchkommen. Ob die niedrigen Flüchtlingszahlen in Deutschland von Dauer seien, vermag Hofmacher nicht zu sagen. "2015 und Anfang 2016 hatten wir einen Höchststand erreicht." Dass die Bundesländer zurzeit wieder verstärkt Landeseinrichtungen für mehrere Jahre ausschrieben, bestätige das. "Die Länder machen das sicherlich auch mit der Maßgabe, Kapazitäten in der Hinterhand zu haben, falls die Zahlen doch noch einmal steigen."
Die Malteser sind Träger von 29 Landeseinrichtungen, 28 kommunalen Gemeinschaftsunterkünften, 25 Notunterkünften und sechs Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland (Stand: 31. Mai 2016). Außerdem setzen sie sich mit Zugbegleitungen, ambulanter Hilfeleistung und im Katastrophenschutz für Flüchtlinge ein.
"Es sind erheblich weniger Flüchtlinge gekommen", meint auch Claudia Beck, Pressesprecherin des Deutschen Caritasverbands. "Die Caritas ist nur vereinzelt selbst Trägerin einer Einrichtung. Wir bieten eher Maßnahmen wie Asylberatung, Begleitung, Kinderbetreuung oder Sprachkurse in den Einrichtungen an." Da sei der Druck durch die vielen Menschen, die schnell versorgt werden müssten, tatsächlich weggefallen. Aber die Arbeit werde nicht geringer: "Die Flüchtlinge, die da sind, müssen weiterhin versorgt und begleitet werden. Jetzt können Mitarbeiter wieder ganz normal ihre Arbeit machen, ohne zahlreiche Überstunden."
Die Fluchtursachen sind nicht beseitigt
Beck glaubt nicht, dass dauerhaft weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen. "Auch, wenn die Flüchtlingszahlen im Moment niedriger sind als letztes Jahr: Die Fluchtursachen, wie der Krieg in Syrien, sind ja in keiner Weise beseitigt." Zwar seien bestimmte Fluchtwege, wie die Balkanroute, zurzeit gesperrt. "Aber, das merkt man jetzt schon, die Menschen wählen wieder verstärkt den Weg über das Mittelmeer. Insofern könnten es wieder mehr Flüchtlinge werden." Schon deshalb will die Caritas ihr Angebot für die Flüchtlinge nicht zurückfahren. "Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis man diese Kapazitäten überhaupt hatte. Mit Blick darauf, dass die Not in den Herkunftsländern nach wie vor groß ist, sollte das, was jetzt da ist, gehalten werden." Und: "Mit Blick auf Integration brauchen wir auch zukünftig Kapazitäten, zum Beispiel Räume für Sprachkurse."
Neben der unmittelbaren (Erst-)Versorgung beraten die Migrations- und Flüchtlingsdienste der Caritas bei Anträgen zu Asylverfahren, vermitteln Sprach- und Integrationskurse, helfen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und einer Wohnung.Die Caritas-Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer berät an 241 Standorten Migranten und Flüchtlinge. An 118 Standorten beraten und begleiten Jugendmigrationsdienste in katholischer Trägerschaft junge Zuwandernde bis 27 Jahre. Außerdem koordiniert die Caritas das Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher beispielsweise in Patenschaften.