Erzählte Zeitgeschichte
"Den Anwalt, der mich vertreten sollte, sah ich das erste Mal vor meiner Haftentlassung. Hinzu kam noch der ständige Schlafentzug. Das Licht wurde dauernd an- und ausgeschaltet. Ich war ja immer in dem gleichen Raum: 1,50 breit, vier Meter lang", berichtet ein Mann, der wegen der Republikflucht einer Freundin in der DDR ins Gefängnis kam.
"Katholiken in der DDR – zwischen Ausgrenzung, Anpassung und Opposition" heißt die Ausstellung, die der Frankfurter Verein "my life – erzählte Zeitgeschichte" konzipiert hat. "Unser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichten von Menschen zu dokumentieren", erklärt Helga Grune. Die Ausstellung könne nicht alle Aspekte katholischen Lebens in der DDR abbilden, die persönlichen Erinnerungen ermöglichten allerdings viele unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben katholischer Christen zwischen 1945 und 1989, sagt Helga Grune.
Kirchen boten ideologiefreie Räume
Das Verhältnis zwischen SED, Blockparteien und Kirchen war schwierig. Das beschreibt die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe in ihrem Vorwort zum Begleitband zur Ausstellung. Als Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur hat sie die Ausstellungsmacher unterstützt. "Die Kirchen boten ideologiefreie Räume, in denen sich unabhängiges Denken, ein mehr oder weniger resistentes Geistesleben entfalten konnte", schreibt Poppe. Für die religiös Gläubigen sei das Leben in der DDR, in dem religionsfeindlichen und repressiven Umfeld, eine Prüfung und eine Bewährung gewesen.
Das umschreibt nur sehr abstrakt, wie schwierig das Leben in der DDR für bekennende Christen tatsächlich war. Wer bei den Thälmann-Pionieren, der kommunistischen Jugendorganisation der DDR, nicht mitmachte, schlug schon als Schüler einen Weg ein, bei dem eine berufliche Karriere im Erwachsenenalter von vornherein nahezu ausgeschlossen war. Auch die Teilnahme an Erstkommunion und Firmung statt der staatlichen Jugendweihe wurde nicht gerne gesehen. Wer dann noch die Mitgliedschaft in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) verweigerte, der konnte sicher sein, dass er keinen Studienplatz in der DDR bekommen würde. Viele katholische Familien legten aber großen Wert darauf, sich dem System nicht zu sehr zu nähern. Wer dennoch studieren wollte, der musste sich zumindest nach außen hin anpassen und in die FDJ eintreten oder einen verlängerten Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) leisten.
Caritas war Anlaufstelle für politisch Unbequeme
Eine Sonderrolle innerhalb der DDR spielten die Caritas und katholische Krankenhäuser. Institutionen wie das St.-Hedwig-Krankenhaus in Berlin waren ideologiefreie Inseln inmitten der real existierenden sozialistischen Arbeitswelt. Weitere katholische Krankenhäuser gab es in Görlitz, Halle, Heiligenstadt, Leipzig und Potsdam. Hier konnten Katholiken nur ohne SED-Parteibuch aufsteigen. Die Behinderten- und Altenpflege-Einrichtungen der Caritas boten vielen politisch Unbequemen Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten ohne politische Indoktrination. Auf die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen konnte der sozialistische Staat, der ständig unter den Mängeln der Planwirtschaft litt, nicht verzichten. Dementsprechend war die konfessionelle Ausbildung von Krankenpflegern und Krankenschwestern die einzige kirchliche Ausbildung in der DDR, die staatlich anerkannt wurde. In staatlich nicht anerkannten Ausbildungsstätten wurden unter anderem Erzieherinnen, Seelsorgehelferinnen, Sozialarbeiter, Altenpfleger und Kirchenmusiker ausgebildet, die mit ihren Abschlüssen anschließend nur in kirchlichen Einrichtungen arbeiten durften.
Das Verhältnis der Kirche zum sozialistischen Staat ist aber nur ein Aspekt der Ausstellung, die demnächst auch in anderen Diözesen zu sehen sein soll. 2016 soll sie sogar während des Katholikentages in Leipzig gezeigt werden. Weitere Schautafeln und Texte widmen sich der Frage, wie das Zweite Vatikanische Konzil in der katholischen Kirche in der DDR aufgenommen wurde, dem Kontakt zur katholischen Kirche in Westdeutschland oder den Studentengemeinden. Eine Stärke der Ausstellung und des Begleitbandes sind die vielen Zeitzeugenberichte. Schade ist es, dass diese Berichte auch jetzt, 25 Jahre nach der Wende, fast ausnahmslos nur anonym veröffentlicht wurden.
Von Markus Kremser
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. August 2014 in der St. Marienkirche Frankfurt (Oder) zu sehen. Ab dem 31. August wird sie im Kathedralforum St. Hedwig in Berlin gezeigt. Vom 8. bis 17. November gastiert sie in der Schweriner Propsteikirche. Weitere Informationen über die Ausstellung "Katholiken in der DDR zwischen Ausgrenzung, Anpassung und Opposition", zukünftige Ausstellungstermine und Bestellmöglichkeiten für den Begleitband zur Ausstellung finden Sie unter http://www.mylife-online.eu/ oder bei www.facebook.de/Katholiken.