"Es geht um die Glaubwürdigkeit"
Frage: Herr Erzbischof, nach Ihrer überraschenden Wahl im Mai leiten Sie nun seit gut fünf Monaten das Erzbistum mit knapp zwei Millionen Katholiken. Sind Sie bislang vor allem als Manager oder als Seelsorger gefordert?
Burger: Das Management steht - bei aller Liebe zur Seelsorge - ganz eindeutig im Vordergrund. In vielen Gesprächen versuche ich, den Überblick über die unterschiedlichen Arbeitsbereiche zu bekommen. Im nächsten Jahr will ich damit beginnen, alle Dekanate vor Ort zu besuchen, um ein ungeschminktes Bild davon zu gewinnen, welche Stärken, aber auch welche Probleme oder Herausforderungen in den Gemeinden bestehen.
Frage: Welche Themen wollen Sie als erste anpacken?
Burger: Zunächst möchte ich die Strukturen der Bistumsverwaltung im Ordinariat in den Blick nehmen. Da wünsche ich mir, dass wir stärker als Dienstleister für die Gemeinden auftreten und gezielter für die Bedürfnisse vor Ort arbeiten.
Frage: Zu Ihren ersten Personalentscheidungen zählt, dass eine weitere Frau die Leitung einer Abteilung der Bistumsverwaltung übernimmt. Zufall oder Strategie?
Burger: Frauen in Verantwortungspositionen zu bringen ist mir wichtig. Davon können wir alle nur profitieren. Bei der Bistumsleitung möchte ich nicht auf den Rat und die Kompetenz von Frauen verzichten.
Frage: Ein Thema, das derzeit Politik wie Bürger umtreibt, ist die Frage, wie und wie viele Flüchtlinge wir bei uns aufnehmen können. Was tut Kirche für Flüchtlinge?
Burger: Zum Glück ist für die Not der bei uns Schutzsuchenden eine sehr hohe Sensibilität entstanden. Wir stellen an vielen Orten Gebäude als Flüchtlingsunterkünfte bereit. Vor allem erlebe ich eine große Hilfsbereitschaft in den Kirchengemeinden, die sich engagieren, um Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Dafür bin ich sehr dankbar. Umgekehrt hoffe ich, dass es den Flüchtlingen gelingt, sich bei uns zu integrieren, dass sie bereit sind, unsere Gesellschaft zu bereichern. Für mich ist der Umgang mit Flüchtlingen ein Test, dass Christentum nicht eine bloße weltfremde Theorie bleibt, sondern zu konkreten positiven Folgen im Leben der Menschen führt.
Frage: Viele Kommunen klagen über die enormen finanziellen Herausforderungen. Bringt die Aufnahme von Flüchtlingen eher Belastungen oder Chancen für Deutschland?
Burger: Es mag manchen zunächst als Belastung erscheinen, aber für mich stehen eindeutig die Chancen für und durch die Flüchtlinge im Vordergrund. Wir müssen uns den Herausforderungen stellen. Im Mitmenschen begegnet uns Christus, das gehört zu unserem Glaubensverständnis. Und das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.
Frage: Was ist mit internationaler Hilfe? Freiburg ist Sitz des katholischen Hilfswerks Caritas international, Sie sind als "Misereor-Bischof" für das zweite große kirchliche Hilfswerk engagiert...
Burger: Mich bringt die große Zahl von Flüchtlingen weltweit dazu, noch einmal neu über unseren Wohlstand nachzudenken. Die Hilfswerke der Kirche haben in vielen Ländern beeindruckende Netzwerke für Menschen in Not aufgebaut. Auch das Erzbistum Freiburg hat zusätzlich eine Million Euro aus dem Bistumshaushalt für Hilfsprojekte für Menschen bereitgestellt, die aus Syrien und dem Irak geflohen sind. Wir können mit unserer Solidarität und Hilfswerken wie caritas international, Misereor, missio und Adveniat weltweit Nähe zu Armen und Notleidenden zeigen.
Frage: Spenden sind das eine, was aber ist mit den Folgen von Konsum und Ressourcenverschwendung in den reichen Staaten?
Burger: Als Misereor-Bischof möchte ich auf die Folgen unseres Lebensstils für die Ärmsten der Welt aufmerksam machen. Da ist jeder gefordert. Und wichtig ist, daran zu erinnern, dass es auch jenseits der in den Medien berichteten akuten Katastrophen in vielen Ländern der Erde anhaltende Not gibt. Hier langfristig und nachhaltig zu helfen, ist ein wichtiges Ziel von Misereor.
Die Entwicklung zu mehr Kommerz kann ich nicht aufhalten. Aber die Frage ist, ob es uns dennoch gelingt, die christliche Botschaft zu den Menschen zu bringen.
Bischof Burger über Konsumrausch
Frage: Für entwicklungspolitisches oder soziales Engagement ernten die Kirchen in Deutschland Lob. Scharfe Kritik gibt es zum Beispiel am Einmischen in das Privatleben von kirchlichen Mitarbeitern. Sei es mit Blick auf Wiederheirat nach Scheidung, sei es etwa Homosexualität. Ist das kirchliche Arbeitsrecht noch zeitgemäß?
Burger: Gerade hat das Bundesverfassungsgericht die Autonomie der Kirchen in diesen Fragen bestärkt. Aber gleichwohl bin ich davon überzeugt, dass wir unser Arbeitsrecht weiterentwickeln müssen. Es geht um die Glaubwürdigkeit von Kirche und ihrer Botschaft - das bringt Herausforderungen für Alle mit sich. Klar ist: Je mehr eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter für Kirche steht und je mehr er oder sie direkt an der Verkündigung des Glaubens mitwirkt, desto höher werden die Erwartungen an die Loyalität sein - auch in der privaten Lebensführung.
Frage: Wie ist Ihre Linie, wenn es im Freiburger Ordinariat zu Konfliktfällen käme?
Burger: Wir suchen in Ruhe das Gespräch mit Betroffenen und schauen im Einzelfall genau hin, was wir tun können.
Frage: Weihnachten naht, wie an durch die Innenstädte ziehenden Glühweinschwaden unschwer zu erkennen ist. Wie werden Sie Ihr erstes Weihnachten als Bischof feiern?
Burger: Das wird eine Umstellung. Höhepunkt ist sicher, erstmals als Bischof den festlichen Weihnachtsgottesdienst am Weihnachtstag im Münster zu feiern. Bestimmte Familientraditionen hoffe ich aber auch als Freiburger Erzbischof hoch halten zu können. Nach jetziger Planung werden meine Eltern an Heiligabend zu mir kommen - wir werden im kleinen Kreis feiern. Und zum Essen wird es - wie immer - Schäufele mit Kartoffelsalat geben!
Frage: Sie trotzen Weihnachtstrubel und Konsumrausch?
Burger: Die Entwicklung zu mehr Kommerz kann ich nicht aufhalten. Aber die Frage ist, ob es uns dennoch gelingt, die christliche Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Erfahrung lehrt, dass nach wie vor sehr viele offen für unsere Botschaft sind. Sie kommen in die Weihnachtsgottesdienste, weil ein religiöses Bedürfnis da ist. Deshalb freue ich mich über jeden, der den Weg in unsere Gotteshäuser findet und sich die Zeit nimmt, sich auf das ganz besondere Weihnachtsgeheimnis neu auszurichten.
Von Volker Hasenauer (KNA)