"Es trifft die Seele"
Die Geschichte beginnt 1961. Die katholische Bevölkerung wächst, eine neue Kirche muss her. Es entsteht ein Backsteinbau mit freistehendem Glockenturm auf der grünen Wiese. Sie erhält den Namen "Maria Hilfe der Christenheit". Knapp 50 Jahre später übernimmt Pfarrer Thomas Braunstein die Gemeinde. Da konnte von einem Zuviel an Gläubigen schon lange keine Rede mehr sein. "Es saßen noch 20 bis 30 Leute im Gottesdienst", erinnert sich der Pfarrer an dunkle Zeiten. "Das Kirchengebäude war dringend sanierungsbedürftig." Es drohte der Abriss.
Die Kirche in Goldscheuer ist nur eine von vielen. Sankt Lambertus in Immerath, Sankt Bruder Konrad in Hannover, Sankt Georg in Gelsenkirchen - nur drei von vielen hundert Kirchen, die keine Kirchen mehr sind. Alle sind sie profaniert, wurden verkauft, abgerissen oder umgewidmet. Sie beherbergen heute Kolumbarien, kulturelle Zentren oder Seniorenheime. Das Kirchensterben betrifft katholische wie evangelische Kirchengebäude. Oft sind es die hohen Betriebskosten, verbunden mit verwaisten Kirchenbänken. Nicht selten sind die Gebäude einfach nicht mehr nutzbar, weil ein Einsturz droht und die Instandhaltung nicht mehr bezahlbar ist.
Kirche bleibt Kirche
Kirchen, die profaniert und verkauft wurden sind zwar keine Gotteshäuser mehr, bleiben es im Herzen vieler aber doch. Und so entzünden sich immer wieder emotionale Diskussionen über Umnutzungen, die mit dem ursprünglichen Charakter vereinbar sind. Wo früher gebetet wurde, wird jetzt geklettert, Badminton gespielt, geschlemmt oder gewohnt. In Amsterdam befindet sich der Club Paradiso in einem ehemaligen Gotteshaus. Das lässt auch Menschen schlucken, die sonst nur wenig Nähe zur Kirche empfinden.
Und auf diese kommt es an, wenn es um die Rettung gefährdeter Gotteshäuser geht, so zeigt die Geschichte der Goldschauer Pfarrei. Zurück ins Jahr 2009: Es ist klar, diese Kirche steht vor dem Aus. Da schlägt Pfarrer Braunstein dem Pfarrgemeinderrat einen Deal vor: "Ich habe ihnen gesagt, ich mache mich nur für diese Kirche stark, wenn ihr es schafft, in drei Monaten 25.000 Euro Spenden zu sammeln", erzählt er.
Die Männer und Frauen nehmen die Herausforderung an, ziehen mit gedruckten Flyern von Tür zu Tür und schafften das Unmögliche. "Es haben Menschen gespendet, mit denen ich nie gerechnet hätte", freut sich Pfarrer Braunstein. "Auch viele, die gar nichts mit Kirche am Hut hatten." Das Geld war da, der Zuschuss vom Erzbistum Freiburg bewilligt.
Nachhall über die Landesgrenzen hinaus
Nun hätte die Gemeinde ihre Kirche wie geplant für 60.000 sanieren können. Es kommt jedoch anders: "Als ich gesehen habe, mit welchem Feuereifer sich die Menschen einsetzten, habe ich den Offenburger Künstler Stefan Strumbel ins Gespräch gebracht", berichtet Pfarrer Braunstein und bringt damit etwas ins Rollen, das Nachhall bis weit über die Landesgrenzen hinaus findet.
Denn was der provokante Künstler mit dem Innenraum der Kirche veranstaltet, hat so gar nichts mit dem altbackenen Image der katholischen Kirche zu tun. Ein riesiges Marien-Graffiti mit der Mutter Gottes in regionaler Tracht und einem ernstblickenden Jesuskind, schmückt heute den hinteren Teil der Kirche. Ein mächtiger, pink leuchtender Strahlenkranz, der mehr an Disko als an Kirche erinnert, umrahmt das Kreuz im Altarraum.
Die ungewöhnliche Umgestaltung löst ein riesiges Medienecho aus. "In wenigen Tagen hatten wir hunderte von Anfragen und den Luxus, uns die Medien auszusuchen", berichtet Pfarrer Braunstein. Sogar BBC, einige französische Medien und die New York Times berichten über die Kirche, die so ganz anders ist, als alles bisher Dagewesene. "Die meisten Reporter, die hier anriefen, nahmen selbstverständlich an, ich sei ein evangelischer Pfarrer, der katholischen Kirche trauten sie so was nicht zu", schmunzelt Braunstein.
Doppeltes Wagnis
Für die Gemeinde war es ein doppeltes Wagnis, sich auf die Ideen des Stefan Strumbels einzulassen. Nicht nur seine Kunst sondern auch die Person selbst scheidet die Geister, bezeichnet er sich selbst doch als "Anti-Theist" und ist aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Kein Problem für den Pfarrer? "Dieser Künstler hat ein tiefes theologisches Verständnis für katholische Symbolik und kann praktisch in einer Kirche lesen", begründet Braunstein seine Entscheidung. Und: "Gerade wenn jemand etwas anderes glaubt oder Gott kritisch gegenübersteht, sollte man ihm zuhören", sagt er und ist sich sicher, dass Strumbel kein klassischer Atheist ist. "Im Gegenteil, er empfindet Kirchen als etwas Heiliges und überlegt sogar, seinen Sohn in unserer Kirche taufen lassen."
Eine Erfolgsstory, nahezu ohne Wehrmutstropfen. Mit ein paar Ideen Strumbels konnte sich der Gemeinderat nicht anfreunden, die Schafe dagegen bekamen an Ostern grünes Licht und durften die Kirche von innen sehen. Ist Goldscheuern Vorbild für andere Gemeinden, die ihre Kirche erhalten wollen? "Ich denke, dass eine Kirche viel mehr ist, als Mauern und Turm", sagt Pfarrer Braunstein und macht anderen Gemeinden Mut, kreativ mit finanziellen Zwängen und dem drohenden Verlust ihrer Kirche umzugehen.
Es gibt eine tiefe Empfindung bei den Menschen, dass es falsch ist, eine Kirche abzureißen. Es trifft die Seele.
Pfarrer Thomas Braunstein
Die abrissreife Kirche "Maria Hilfe der Christenheit" hat durch den Mut und das Herzblut vieler eine Renaissance erlebt. "Als wir anfingen, dachte unsere Stammgemeinde, wir machen Witze", erinnert sich Pfarrer Braunstein. Heute identifizieren sich die Leute in der Region mit "ihrer Kirche". Die Gottesdienste sind voll, es gibt so viele religiöse, spirituelle und kulturelle Veranstaltungen, dass ein Belegungsplan eingeführt wurde. Touristen, Ausflügler und Kunsthistoriker buchen Führungen durch das extravagante Gotteshaus. "So fünf bis sechs Busse pro Woche sind es schon", sagt Pfarrer Braunstein.
Er ist sicher: "Es gibt eine tiefe Empfindung bei den Menschen, dass es falsch ist, eine Kirche abzureißen. Es trifft die Seele." Dass so viele sich für eine Kirche einsetzen, sei ein geniales Zeichen, so der Pfarrer: "Das lässt mich unglaublich hoffen."
Von Janina Mogendorf