Etwas bewegen
Frage: Bruder Tim, wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, einem Orden beizutreten?
Bruder Tim: Das war im Jahr 2002, ist also schon etwas länger her. Ich habe zuerst das Abitur und dann den Zivildienst gemacht. Danach kam ich an den Punkt, an dem ich überlegt habe, was ich mit meinem Leben machen möchte.
Frage: Sie waren ja noch sehr jung. Ist der Eintritt in den Orden - zumindest in der heutigen Zeit - nicht ein radikaler Schritt?
Bruder Tim: Ich habe mir gesagt, Glaube ist mehr als beten oder mal sonntags in die Kirche zu gehen. Man muss das Ganze auch mal praktisch umsetzen. So ist langsam dieser Gedanke entstanden, das in einem Orden zu tun. Ich habe mich dann einfach ein bisschen informiert; die Auswahl ist ja groß: Es gibt Gemeinschaften vom "strengen Schweigen" bis hin zu "sehr sozial engagiert". Die Amigonianer haben mir von der Beschreibung her sehr zugesagt, weil es darum geht, benachteiligten Jugendlichen zu helfen.
Frage: Wie ging es nach dem Sammeln erster Informationen weiter?
Bruder Tim: Als erstes habe ich Kontakt zu den Amigonianern aufgenommen. Am Anfang waren es kurze Besuche, nach denen ich direkt wieder nach Hause gefahren bin. Dann bin ich einmal zwei Wochen geblieben, um dort Exerzitien zu machen. So lernt man den Orden Stück für Stück kennen. Und irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man sagt: "Ich bleibe jetzt da."
Frage: Ihren christlichen Glauben hatten Sie ja sicher schon vor ihrem Eintritt in den Orden. Wurden Sie religiös erzogen?
Bruder Tim: Meine Eltern sind beide katholisch – wobei sie nicht streng religiös sind. Seitdem ich zur Erstkommunion gegangen bin, ist mein Vater auch wieder regelmäßig mit mir in die Kirche gekommen. Er hat es quasi durch mich wiederentdeckt. Und irgendwann wird man dann zum Teil der Pfarrgemeinde. Bei mir war es so, dass ich Messdiener geworden bin. Neben den Gottesdiensten gab es natürlich auch wöchentliche Gruppenstunden und andere Aktionen, die einen integriert haben. Für mich war aber ein wichtiger Aspekt, dass es nicht nur eine Freizeitbeschäftigung ist. Ich wollte mich mehr auf dieses Leben einlassen.
Frage: Der Schritt vom Messdiener zum Ordensmann ist ja dann doch noch einmal ein gewaltiger. Was haben Familie und Freunde dazu gesagt?
Bruder Tim: Meine Eltern standen meinen Plänen nicht ablehnend gegenüber, auch wenn sie anfangs ziemlich überrascht waren. Aber mit der Zeit haben sie die Ordensgemeinschaft selbst auch besser kennengelernt.
Frage: Sie haben neben Familie und Freunde auch das Leben im Orden. Hat man da überhaupt noch Freizeit? Und wenn ja, was machen Sie dann?
Bruder Tim: Ob und wie viel Freizeit ich habe, hängt immer davon ab, wo ich mich gerade aufhalte. Im Augenblick habe ich etwas mehr Zeit für mich als die Jahre davor. Und wenn ich die habe, gehe ich beispielsweise klettern oder schwimmen. Für das Klettern hoffe ich bald meinen Übungsleiterschein zu bekommen. Meinen Rettungsschwimmer habe ich bereits gemacht. Das kann man dann beides auch für Ausflüge mit Jugendlichen nutzen. Außerdem fotografiere ich gerne.
Frage: Sie haben bereits gesagt, dass die Amigonianer eher sozial eingestellt sind. Können Sie noch etwas mehr über ihren Orden erzählen?
Bruder Tim: Der Orden wurde 1889 in Spanien gegründet. Er ist also noch nicht so alt wie viele große Orden und größtenteils im spanisch-sprachigen Raum verbreitet. Der Kernpunkt ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die es schwer haben im Leben. Ich persönlich bezeichne es gerne als „Mitleben“ mit den Kindern und Jugendlichen. Wir wollen sie nicht bekehren oder ihnen zeigen, wo es langgeht, sondern uns auf ihr Leben einlassen.
Frage: Braucht man für den Umgang mit den Jugendlichen eine spezielle Ausbildung?
Bruder Tim: Im Normalfall macht man eine pädagogische Ausbildung. Ich selbst habe „Soziale Arbeit“ studiert, andere machen eine Erzieherausbildung. Wichtig ist jedenfalls, dass man im pädagogischen Bereich etwas lernt.
Frage: Sie sind jetzt seit 10 Jahren Amigonianer, haben aber erst jetzt die Ewige Profess abgelegt. Warum hat das so lange gedauert?
Bruder Tim: Es gibt ja schon einen festen Ablauf. Zunächst macht man ein Aspirantat, dann folgen Postulat und Noviziat – also die Einführungsjahre. Und dann gibt es noch das Juniorat als weitere Vorbereitung. Das dauert natürlich alles seine Zeit. Das Ewige Gelübde kann man nicht einfach nach drei Jahren ablegen.
Frage: Was bedeutet das Gelübde jetzt für Sie?
Bruder Tim: Im Prinzip lebe ich nach der Ewigen Profess nicht anders als davor. Es hat also wenige praktische Auswirkungen. Jetzt ist es aber eine definitive Entscheidung, die bedeutet: "Ja, ich mache das jetzt für immer." Und ich gehöre jetzt voll dazu.
Frage: Wie unterscheidet sich das Ordensleben von dem in der säkularen Welt?
Bruder Tim: So sehr unterscheidet sich das Leben gar nicht. Ich würde es jedenfalls nicht als Gegensatz definieren. Natürlich hat man da gewisse Fixpunkte, die es woanders nicht gibt. Morgens beten wir zusammen die Laudes, abends die Komplet und feiern natürlich auch gemeinsam die Heilige Messe. Außerdem essen wir mittags zusammen, wenn wir nicht gerade extern arbeiten. Aber solche Gemeinschaftspunkte haben Familie ja auch. Nur das wir eben aus dem gleichen religiösen Geist heraus zusammenleben.
Frage: Ordensleben bedeutet ja auch Verzicht. Vermisst man manchmal irgendetwas?
Bruder Tim: Diese Frage stellt sich für mich so eigentlich nicht. Denn ich denke nicht, dass wir mehr oder weniger vermissen, als anderen Menschen auch.
Frage: Dafür erleben Sie vielleicht mehr als der Durchschnittsbürger, wenn Sie tagtäglich mit den benachteiligten Jugendlichen zu tun haben. Können Sie vielleicht zum Abschluss mal ein besonderes Erlebnis schildern?
Bruder Tim: Also da fällt mir ein Beispiel aus Spanien ein, wo ich zwei Jahre gelebt und im Jugendstrafvollzug gearbeitet habe. Auf einem Ausflug mit unserer Jugendlichen im offenen Vollzug waren wir im Gebirge unterwegs. Wir haben sie dort frei die Umgebung erkunden lassen. Als einer der Jugendlichen dort kurioserweise Häftlinge samt Betreuer aus einem anderen Gefängnis getroffen hat, konnten die gar nicht glauben, dass wir unseren Schützlingen so viel Vertrauen schenken. Ich glaube, wenn man die Jugendlichen ernst nimmt und sich auf sie einlässt, bekommt man auch ganz viel zurück. Das ist ein Ereignis, das sich sicher schwer in wenige Worte fassen lässt. Aber für mich ist es ganz eindrücklich. Mal ist man mehr, mal weniger erfolgreich. Man sollte aber immer Hoffnung haben. Denn ein bisschen was bewegen kann man eigentlich immer.
Das Interview führte Björn Odendahl
Die Amigonianer wurden am 12. April 1889 durch den Kapuziner P. Luis Amigó gegründet und werden auch "Kapuzinerterziarier" genannt. Sie betätigen sich hauptsächlich in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die erzieherische Hilfe benötigen. Die Kongregation hat weltweit etwa 400 Mitglieder in über 70 Niederlassungen und 19 Ländern der Erde. Sie sind aktiv in Jugend- und Kinderheimen, in der offenen Jugendarbeit, in Drogentherapieeinrichtungen, in Schulen, aber auch in Pfarrgemeinden. Gelsenkirchen und Köln sind die deutschen Standorte der Amigonianer. Dort leben insgesamt acht Ordensbrüder.