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Magdeburgs Bischof blickt auf Amtszeit zurück

Feige: Es gab schwierige Phasen, und ich habe durchaus gelitten

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Magdeburg - Magdeburgs Bischof Gerhard Feige steht kurz vor dem altersbedingten Rücktritt. Im Interview spricht er über Höhen und Tiefen seiner Amtszeit.

Seit über 21 Jahren leitet Bischof Gerhard Feige das Bistum Magdeburg. Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 19. November und dem erwarteten altersbedingten Rücktritt spricht er im katholisch.de-Interview über Gelungenes und Missglücktes, die Herausforderungen für seinen Nachfolger und seine Pläne für den Ruhestand.

Frage: Bischof Feige, am 19. November werden Sie 75 Jahre alt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Tag und Ihren bevorstehenden Ruhestand?

Feige: Große Gefühle habe ich im Moment noch nicht. Aber ich sehne mich danach, Verantwortung abgeben zu können und weniger Druck zu erfahren. Und ich hoffe, dass ich dem Leben nach dem Rücktritt vom Bischofsamt noch andere Aspekte abgewinnen kann.

Frage: Ihr Rücktritt fällt in eine politisch heikle Phase: In Sachsen-Anhalt steht die erste AfD-geführte Regierung in Deutschland kurz bevor. Haben Sie das Gefühl, zum falschen Zeitpunkt zu gehen und Ihr Bistum in dieser schwierigen Situation zurückzulassen?

Feige: Mich tröstet ein wenig der bekannte Spruch aus dem Buch Kohelet: "Alles hat seine Zeit." Der Erfurter Neutestamentler Heinz Schürmann hat uns Studenten zudem schon in den 1970er Jahren den Rat gegeben, uns nicht zu überschätzen. "Sie sind nicht an allem schuld und können nicht alles bewirken." Von daher: Einer sät, einer gießt, einer pflegt, einer erntet. Ich gehöre zu denen, die bislang Verantwortung getragen haben. Andere werden diese Verantwortung gut weitertragen.

Frage: Haben Sie Sorge, dass die politische Situation in Sachsen-Anhalt die Suche nach einem neuen Bischof erschwert, etwa weil mögliche Kandidaten wegen der AfD absagen könnten?

Feige: Ich hoffe, dass es mutige, vielleicht auch kämpferische Kandidaten gibt, die bereit sind, sich den Herausforderungen hier zu stellen. Als ich Bischof wurde, wusste ich auch nicht, was alles auf mich zukommen würde – das hat sich erst im Laufe der Zeit gezeigt. Zudem regelt der 1998 geschlossene Staatsvertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Land Sachsen-Anhalt Gott sei Dank, dass das Land kein Mitspracherecht bei der Bestellung eines neuen Bischofs hat; der Ministerpräsident wird lediglich über den Kandidaten informiert. Auch einen Treueeid vor dem Ministerpräsidenten muss der neue Bischof hier nicht ablegen.

Frage: Sie stehen seit 21 Jahren an der Spitze des Bistums Magdeburg. Was haben diese Jahre physisch und psychisch mit Ihnen gemacht?

Feige: Meine schwarzen Haare sind weiß geworden (lacht). Einerseits gab es in den 21 Jahren natürlich manche Ernüchterung und Enttäuschung. Andererseits denke ich, dass mein Glaube in all den Jahren reifer und tiefer geworden ist. Zudem staune ich über das, was ich als Bischof alles erleben und welchen Menschen ich begegnen durfte – das hätte ich mir als Kind aus einfachen Verhältnissen vorher nicht vorstellen können.

Wenn mich heute manche Kritiker als "links" beschimpfen, kann ich nur herzhaft lachen.

Bischof Gerhard Feige

Frage: Haben Sie sich in all den Jahren verändert?

Feige: Das müssen andere beurteilen. Nur so viel: Früher galt ich als konservativ, ich meine aber, dass ich mich im Laufe der Zeit moderat entwickelt habe. Dazu beigetragen hat meine Beschäftigung mit der Kirchengeschichte, die meinen Blick auf manche Themen unserer Zeit verändert hat. Hinzu kamen die persönlichen Herausforderungen und die Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Allerdings: Wenn mich heute manche Kritiker als "links" beschimpfen, kann ich nur herzhaft lachen.

Frage: Als Diözesanbischof waren Sie mit großen Herausforderungen konfrontiert: etwa den Millionenverlusten der Gero AG, dem Missbrauchsskandal sowie dem kontinuierlichen Verlust an Gläubigen, Priestern und Ressourcen. Eine solche Aneinanderreihung von Krisen und Problemen kann einen Menschen erschöpfen. Wie haben Sie diese Belastungen erlebt?

Feige: Es gab schwierige Phasen, und ich habe durchaus gelitten, weil ich ziemlich dünnhäutig bin und Dinge sehr sensibel wahrnehme. Einer meiner größten Kritiker sagte einmal zu mir: "Wenn Sie das nicht verkraften, dann hätten Sie nicht Bischof werden dürfen." Als ob es so einfach wäre! Ich habe Dinge erlebt, die ich früher nicht für möglich gehalten hätte, darunter massive Angriffe, vor allem per E-Mail. Das war manchmal fast nicht auszuhalten. Aber ich habe es doch immer wieder geschafft, auch aus Tiefen herauszukommen. Dabei haben mir viele Menschen geholfen, dafür bin ich dankbar. Als Bischof ist man Gott sei Dank nie allein, ich konnte mich immer auch auf ein Team von verantwortungsvollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlassen.

Frage: Zuletzt sind mehrere Ihrer Mitbrüder auch wegen der Belastung durch das Bischofsamt vorzeitig zurückgetreten. Haben Sie auch mal darüber nachgedacht?

Feige: Nein. Ich staune allerdings selbst, dass ich durchgehalten habe. Das ist nicht allein meine Leistung. Offenbar habe ich eine gewisse Kondition mitbekommen. Von meiner Mutter stammen wohl mein starkes Pflichtbewusstsein und mein Hang zur Perfektion, von meinem Vater die Freude am Leben und der Humor. Das habe ich mir bewahren können.

Frage: Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Gibt es etwas, auf das Sie stolz sind?

Feige: Ich war kein großer "Erbauer", wie das manche andere Bischöfe sind. Mein Vorgänger Leo Nowak etwa hat in seiner Amtszeit sieben katholische Schulen gegründet und mit der Stiftung "Netzwerk Leben" und dem Hilfswerk "Partnerschaftsaktion Ost" zwei wichtige Initiativen ins Leben gerufen. Mein Beitrag ist bescheidener: Ich habe in meiner Amtszeit noch eine katholische Schule – die Sekundarschule Sankt Mauritius in meiner Heimatstadt Halle – und die "Flüchtlingshilfe Sachsen-Anhalt" gegründet; beides war mir wichtig. Mit Blick auf meine Biografie bin ich zudem stolz darauf, dass ich meine Rolle im vereinten Deutschland gefunden habe. Das hätte ich mir unmittelbar nach der Wiedervereinigung so nicht vorstellen können.

Ein Mann verlässt eine Kirche
"Möglicherweise war ich nicht immer so überzeugend, dass Menschen durch mich zum Glauben gefunden hätten oder gar in die Kirche eingetreten wären", so Bischof Feige. (Symbolbild)

Frage: Gibt es auch etwas, wo Sie sagen: Da bin ich als Bischof gescheitert?

Feige: Ich denke, dass ich in mancher Hinsicht zu verständnisvoll und nachgiebig war. Bei der Personalentwicklung und beim Personaleinsatz hätte ich gegen verschiedene Widerstände entschiedener vorgehen müssen.

Frage: Der starke Rückgang der Zahl der Katholiken in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist kein singuläres Problem des Bistums Magdeburg. Sehen Sie in diesem Zusammenhang trotzdem persönliche Versäumnisse?

Feige: Möglicherweise war ich nicht immer so überzeugend, dass Menschen durch mich zum Glauben gefunden hätten oder gar in die Kirche eingetreten wären. Vielleicht hat mancher auch aus Ärger über mich die Kirche verlassen; in letzter Zeit habe ich jedenfalls E-Mails zu meiner politischen Positionierung bekommen, in denen mir Menschen mitteilten, sie würden deshalb austreten. Manche Kritiker unterstellen mir süffisant, ich hätte das Bistum abgewirtschaftet: von 97.000 Katholiken zu meinem Amtsantritt auf heute 68.000. Diesen Schuh ziehe ich mir aber nicht an. Religionssoziologen sagen klar, dass es Entwicklungen gibt, die man nicht aufhalten kann. Dazu gehören Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung und Digitalisierung. In unserer Region kommt noch die demografische Entwicklung hinzu, die durch Abwanderung und eine zunehmende Überalterung der Gesellschaft gekennzeichnet ist.

Frage: Sie haben den Begriff der "schöpferischen Minderheit" geprägt: Die Katholiken in Ihrem Bistum sollten sich trotz der extremen Diasporasituation aktiv in die Gesellschaft einbringen und lebendig das Evangelium bezeugen. Ist das aus Ihrer Sicht gelungen?

Feige: Ich denke schon. Es stand und steht die grundsätzliche Frage im Raum: Wie positioniert sich eine Minderheit in einer so ausgeprägten Diasporasituation? Sie kann sich zurückziehen, zur Sekte verkommen und nur auf den eigenen Bestand bedacht sein. Oder sie erinnert sich an ihren Sendungsauftrag. Kirche ist kein Selbstzweck, sondern hat eine Aufgabe in dieser Welt. Das verbinde ich mit dem Begriff der "schöpferischen Minderheit". Ein Blick in die Welt zeigt, dass Kirche unter ganz unterschiedlichen Bedingungen lebendig sein kann. Also ist das auch bei uns möglich, selbst wenn unsere Mitgliederzahlen weiter sinken.

Frage: Was meinen Sie konkret?

Feige: Wenn ich mich in unserem Bistum umschaue, staune ich, was sich alles entwickelt hat. Ein Beispiel sind unsere Leitungsteams. Dass Ehrenamtliche in so großer Zahl bereit sind, Verantwortung für ihre Pfarrgemeinde zu übernehmen, finde ich bewundernswert. Auch an unseren Schulen und in unseren sozial-caritativen Einrichtungen geschieht viel. Zudem ist erfreulich, welche Bereicherung wir inzwischen durch die zugenommene Zahl ausländischer Christen unter uns erfahren. Nicht zuletzt möchte ich die Aktion "Bewusst wählen" zur jüngsten Landtagswahl nennen. Mit wenigen Menschen und durch gute Vernetzung ist es gelungen, sich stark in die Öffentlichkeit einzubringen. Natürlich stoßen wir auch an Grenzen, wir können nicht alles machen und nicht allen Standards gerecht werden. Aber ich glaube fest daran, dass wir auch künftig eine schöpferische Minderheit sein können.

Unser Gestaltungsspielraum war schon immer schmal, und er wird nicht größer werden.

Bischof Gerhard Feige

Frage: Die Herausforderungen werden in den kommenden Jahren nicht kleiner, gerade mit Blick auf Finanzen und Personal. Wie viel Gestaltungsspielraum wird Ihr Nachfolger noch haben?

Feige: Unser Gestaltungsspielraum war schon immer schmal, und er wird nicht größer werden. Aber ich glaube fest an die Solidarität der anderen Bistümer mit uns, mit denen wir sicher auch noch mehr Kooperationen eingehen können. Ich bin überzeugt: Es wird weitergehen.

Frage: Sie sagen "Es wird weitergehen". Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wird es das Bistum Magdeburg in zehn oder zwanzig Jahren noch in seiner heutigen Form geben?

Feige: Das Bistum wird es dann sehr wahrscheinlich noch geben, aber sicher nicht mehr in seiner heutigen Form. Wir erleben derzeit in der ganzen katholischen Kirche in Deutschland einen großen Umbruch. Es laufen viele Transformationsprozesse, und es wird sich noch viel verändern – auch in den großen westdeutschen Bistümern.

Frage: Sind auch Zusammenlegungen von Bistümern denkbar?

Feige: Das ist in Deutschland ja nicht so einfach, weil die Bistumsgrenzen mit Staatskirchenverträgen zusammenhängen, die mit dem Heiligen Stuhl geschlossen wurden. Als 1994 die neuen Bistümer Erfurt, Görlitz und Magdeburg errichtet wurden, hätte man vielleicht die Gelegenheit nutzen sollen, die Bistumsstruktur in ganz Deutschland zu reformieren. Schließlich gibt es aufgrund historischer Entwicklungen einige geografische Ungereimtheiten: Frankfurt am Main etwa gehört zu drei Bistümern, Nürnberg zu zweien. Aber an dieses Thema hat sich damals niemand herangetraut, und auch jetzt sehe ich nicht, dass es bald zu entsprechenden Initiativen kommen könnte. Man muss allerdings auch fragen, was durch die Zusammenlegung von Bistümern gewonnen würde: die Entfernungen wären enorm, ein Stück Identität ginge verloren und vermutlich würde man nicht mal viel Geld einsparen.

Frage: Sie sind der dienstälteste Bischof Ostdeutschlands und die prominenteste Stimme der Kirche im Osten. Nach Ihrem Rücktritt wird es mit dem Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt nur noch einen gebürtigen Ostdeutschen im Kreis der Diözesanbischof geben. Ist das ein Problem?

Feige: Ich möchte die Ostproblematik nicht übermäßig in den Vordergrund rücken. Und doch ist sie wichtig, gerade gesellschaftlich und politisch. Ich glaube, dass auch die jüngste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Reaktion auf die Entwicklungen seit der Wiedervereinigung war. Man muss die Unterschiede zwischen Ost und West nicht künstlich pflegen, aber man muss sie zur Kenntnis nehmen und ein Gespür dafür haben. Wer im Osten aufgewachsen ist und noch die DDR oder die dramatischen Umbrüche danach erlebt hat, kann vermutlich besser einschätzen, wie die Menschen hier empfinden und denken. Ich glaube aber, dass man das inzwischen auch in der Kirche erkannt hat und ein Bewusstsein dafür entstanden ist, verstärkt auch Menschen aus dem Osten mit Führungsaufgaben betrauen zu sollen.

Bischof Feiges Haushälterin Petra Schwerin (l.) im Dezember 2021 mit Cocker Spaniel Willi auf dem Arm, mit dem der Bischof im Ruhestand wieder ausgieber unterwegs sein möchte.

Frage: Viele Menschen aus Ihrem Bistum wünschen sich einen Sachsen-Anhalter als neuen Bischof. Was wünschen Sie sich?

Feige: Ich würde mir tatsächlich jemanden mit ostdeutscher Sozialisation wünschen. Ein Sachsen-Anhalter muss es aber nicht unbedingt sein. Zudem erstreckt sich unser Bistum übrigens auch auf Teile Sachsens und Brandenburgs. Es kann durchaus gut sein, dass jemand von außen kommt, weil unser Bistum doch sehr familiär und überschaubar ist. Da kann es hilfreich sein, wenn jemand etwas Distanz mitbringt, aber zugleich mit den Verhältnissen hier verbunden ist.

Frage: Gibt es unter den ostdeutschen Priestern jemanden, den Sie sich als Ihren Nachfolger vorstellen könnten?

Feige: Es gibt durchaus einige Priester, denen ich diese Aufgabe zutrauen würde.

Frage: Worauf freuen Sie sich mit Blick auf Ihren bevorstehenden Ruhestand am meisten?

Feige: Große Pläne habe ich noch nicht. Auf jeden Fall möchte ich versuchen, das Leben etwas gemütlicher anzugehen. Außerdem möchte ich den Kontakt zu Freunden und Familie wieder intensivieren, mehr ins Theater und in Konzerte gehen, aber auch mit Willi – einem kleinen Jagdhund – ausgiebiger in der Natur unterwegs sein. Und zuletzt: Ich habe zu Hause noch ein Klavier stehen, das ich jahrelang nicht gespielt habe. Vielleicht fange ich damit wieder an.

Frage: Was wünschen Sie sich, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt von Ihnen als Bischof in Erinnerung behalten?

Feige: Dass ich zwar Feige heiße, es aber nicht war (lacht). Und ernsthaft: Wichtiger als eine besondere Erinnerung an mich ist mir, dass die Menschen unser Leitwort von der "schöpferischen Minderheit" als bleibenden Auftrag annehmen.

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