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Pia Bender (62), Nicola Boers (69) und Paulo Maria Pfeiffer (70) haben sich auf dieses Wagnis eingelassen. "Eigentlich war es der Heilige Geist", nennt Schwester Pia den Ideengeber für das ungewöhnliche Projekt. Bei Exerzitien habe sich die Ordensfrau - damals in einem gehobenen Bonner Viertel zuständig für die Novizenausbildung ihrer Gemeinschaft - gefragt, ob sie geistlich noch "auf der Spur" sei. Ihr Gefühl sagte ihr: "Als Schwester vom armen Kinde Jesu gehöre ich hier nicht hin." Sie suchte nach einer neuen Herausforderung. Mit Einverständnis der Ordensleitung ging sie auf die Suche nach Mitstreiterinnen für einen kleinen Konvent im sozialen Brennpunkt.
Ihre Mitschwestern konnten sich nicht für das Projekt begeistern, "sie hatten Angst oder fühlten sich zu alt". Schließlich suchte sie auch in anderen Gemeinschaften - und traf Nicola Boers von den Armen Dienstmägden Jesu Christi in Dernbach. Diese hatte selbst ähnliche Pläne und sagte noch am selben Tag zu. Die Dritte im Bunde, Schwester Paulo Maria, stieß in diesem Frühjahr zu dem Projekt, nachdem ihr Mutterhaus in den Niederlanden aufgelöst worden war.
Für die 70-Jährige war es wohl die größte Umstellung. In ihrer alten Kommunität hat sie als Ökonomin gearbeitet und Religionsunterricht erteilt. "Dort war für alles gesorgt", erinnert sich die Ordensfrau. Es wurde für alle gewaschen, geputzt und gekocht. "Jetzt muss ich das alles selbst machen", sagt die Ordensfrau und lacht. Dass sie sich noch mal für das Kochen begeistern und Marmeladenrezepte ausprobieren würde, hätte sie sich "nie träumen lassen".
In den Niederungen des Lebens
Willkommen in den Niederungen des Lebens. Die Klingel ist defekt, der Aufzug riecht streng nach Urin und funktioniert nicht - für die drei Ordensfrauen gibt es keinen Bonus. Gerade das scheinen auch ihre Nachbarn aus 120 Nationen zu spüren. Die zuvor aufgrund von Vandalismus zwangsgeräumte Wohnung hat Nicola Boers mit einer Mitschwester grundgereinigt und auf Ordenskosten renoviert. Da klingelte es an der Tür: "Unsere türkische Nachbarin brachte und Kaffee und Kuchen", erinnert sich die Ordensfrau an den warmherzigen Empfang.
"Wir werden sehr beobachtet - mit Abstand, aber positiv", sagt Schwester Nicola. Der Schwesternkonvent in Tannenbusch hat sich rumgesprochen, genauso wie das selbstlose Engagement. Schwester Pia hilft im benachbarten Arbeitslosenzentrum Arbeitssuchenden beim Schreiben von Bewerbungen am PC. "Die Arbeitslosen fühlen sich vom Jobcenter oft wenig verstanden und ernst genommen", so die Beobachtung der Ordensfrau. Schwester Nicola bietet ehrenamtlich Kinderbetreuung und Nachhilfe an - und liest dafür in einer schlaflosen Nacht schon mal ein Mathebuch zum Auffrischen der eigenen Kenntnisse. Auch beim Ausfüllen von Formularen, Behördengängen und bei der Wohnungssuche sind die Schwestern behilflich.
So bekommen sie auch die schlechte Behandlung ihrer Nachbarn mit. Bei einem Sparkassen-Besuch habe Schwester Pia bemerkt, wie der Angestellte viel freundlicher wurde, als sich die Ordensfrau als Begleitperson zu erkennen gab - "das ist schrecklich". Auch auf Politiker ist sie nicht gut zu sprechen: "Oft frage ich mich, ob sie wirklich wissen, wie die Menschen hier wohnen, was sie bewegt und woran sie leiden, etwa unter den oft menschenunwürdigen Wohnbedingungen."
"Politiker haben uns nicht wirklich geholfen", findet auch Schwester Paulo Maria. Sie unterstützt Schwester Pia bei Familienbesuchen, gibt Migrantenkindern Blockflötenunterricht und demnächst Erstkommunionunterricht in der benachbarten Gemeinde. Die 70-Jährige habe "noch nie so viele Kinder mit traurigen Gesichtern" gesehen, sagt sie betroffen. Ihre Sorgen kann sie nur erahnen. Eingreifen können die Schwestern nicht, für die Kinder beten können sie durchaus, nicht nur in der kleinen Kapelle ihrer Wohnung. "Gut, dass ich hier sein darf", sagt die Ordensfrau, die sich nun im Haushalt einsetzt.
Verbunden mit dem alltäglichen Leben
Nicht nur beim Ausprobieren von Koch- und Backrezepten gilt es, Neuland zu betreten. "Ich mache ganz viel, was ich noch nie gemacht habe", sagt Schwester Pia und grinst. So hat sie schon Kontakt zu einem Staatsanwalt aufgenommen, um die Haft eines Nachbarn zu verhindern. Auch im Verhandeln beim Möbelkauf sei sie inzwischen ziemlich gut, wie sie schmunzelnd bemerkt: "Montage und Lieferung bekomme ich inzwischen umsonst."
Und auch die Hausbewohner wissen die Nähe der drei Schwestern zu schätzen. Sie spüren offenbar die würdevolle Art des Umgangs und geben die ihnen entgegengebrachte menschliche Wärme gerne zurück - so wie der somalische Nachbar, ein Bär von einem Mann, der die Ordensfrauen immer mit einem "Riesenschmatz" begrüßt und mit "Mama" anspricht.
"Unsere Ordensgründerinnen waren im 19. Jahrhundert mit dem alltäglichen Leben verbunden und von der Not der Menschen damals bewegt. Genau da sind wir wieder gelandet", freut sich Schwester Nicola. Auch Schwester Pia fühlt sich in der Oppelner Straße 53 genau am richtigen Ort. Mitunter werde sie gefragt, warum sie ausgerechnet in das heruntergekommene Hochhaus gezogen sei. "Weil ich mit Ihnen hier leben will", antwortet die Ordensfrau dann. Und weil sie das Gefühl habe, dass ihre Anwesenheit das Leben ihrer Nachbarn aufwerte.
Von Angelika Prauß (KNA)