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Gemeinsam an einem Strang ziehen

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Osnabrück - Spätestens seit dem Ergebnis der Pisastudie sorgen vergleichende Leistungstests für Schüler für öffentliches Interesse. Diese Woche wurden zwei Studien veröffentlicht, die das Lese- und Matheniveau von Grundschülern weltweit vergleichen. Deutschland schneidet recht gut ab und doch sind die Bildungschancen schon bei Schulstartern ungleich verteilt. Claudia Sturm ist Schulaufsicht für katholische Grundschulen in Bremen. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Migrantenfamilien und erfolgreichen Ideen zur Förderung von Schülern.

Frage: Frau Sturm, Sie betreuen als Schulrätin fünf katholische Grundschulen in Bremen. Was unterscheidet diese von kommunalen Grundschulen?

Sturm: An unseren Schulen wird positive Religionsfreiheit gelebt. Das bedeutet Religion zieht sich bei uns durch den gesamten Schulalltag. Anders als an öffentlichen Schulen in Bremen, wo das Fach Religion durch Biblischen Geschichtsunterricht ersetzt wurde, gibt es bei uns konfessionellen Religionsunterricht. So erfahren die Schüler Religion aus der Teilnehmerperspektive, vermittelt durch praktizierende Christen. Außerdem arbeiten wir eng mit den Gemeinden zusammen, unsere Schüler gestalten dort zum Beispiel Gottesdienste mit.

Frage: Haben katholische Schulen überhaupt einen signifikanten Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund?

Sturm: Tatsächlich kommen an unseren Schulen in Bremen sogar 49 Prozent der Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund. Etwa aus Polen, Russland, Spanien und zu einem geringeren Teil auch aus arabischen Ländern oder der Türkei.

Frage: Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Sturm: Man muss einerseits sehen, dass Mehrsprachigkeit ein Ziel schulischer Bildung ist, andererseits eben auch Konflikte in den Schulalltag bringt. Wir versuchen die Problematik vor allem durch intensive Elternarbeit anzugehen und Eltern aus anderen Kulturen da abzuholen wo sie stehen. Wichtig ist uns zum Beispiel eine offene Willkommenskultur, so haben wir Hinweisschilder in unterschiedlichen Sprachen und beraten Eltern bei der Anmeldung, wo sie kostenlos Deutschkurse belegen können.

Zur Person

Schulrätin Claudia Sturm ist Schulaufsicht für fünf Grundschulen in Bremen, die von der Schulstiftung im Bistum Osnabrück getragen werden. Mehr zu diesen Schulen erfahren Sie unter www.kshb.de

Frage: Geht es vor allem um die Sprachbarrieren?

Sturm: Nicht nur. Viele Eltern bringen aus ihren Heimatländern konkrete Erwartungen an den Schulunterricht mit und wissen nur wenig über das deutsche Schulsystem. Sie kennen meist den klassischen Frontalunterricht, Projektarbeit und selbständiges Lernen sind für sie neu. Wir versuchen, sie in die schulische Lebenswelt der Kinder mit einzubeziehen und eine Erziehungsgemeinschaft mit den Eltern zu bilden, denn wichtig ist vor allem, dass alle an einem Strang ziehen.

Frage: Wie nehmen die Eltern das an?

Sturm: Bei vielen spielen zunächst auch Ängste mit. Mischen sich die Lehrer in meine Erziehung ein? Entfremdet die Ganztagsschule mir die Kinder? Wird meine elterliche Autorität in Frage gestellt? Passen die Werte und Normen, die an der Schule vermittelt werden, überhaupt zu meinen Ansichten? Da muss man sensibel mit umgehen und die Eltern unterstützen.

Frage: Ergebnis zweier aktueller internationaler Leistungstests an Grundschulen war unter anderem, dass Schüler am unteren Leistungsrand nicht genug gefördert werden. Wie wird das an den katholischen Stiftungsgrundschulen in Bremen gehandhabt?

Sturm: Wir beginnen mit der Förderung schon bevor das Kind überhaupt bei uns anfängt. Bei der Anmeldung ein halbes Jahr vor dem Schulbeginn analysieren wir den individuellen Bedarf. Lehrer und Schulleitung gehen dann in die Kitas und schauen sich die Kinder vor Ort an. Die sechs Monate bis zur Einschulung werden dann genutzt, um die Kinder soweit zu fördern, dass sie im besten Fall mit den gleichen Chancen starten wie andere. Das ist besonders wichtig, denn gerade am Anfang wird die Basis für die weitere schulische Entwicklung gelegt.

Frage: Und wenn die Kinder dann in der Schule sind?

Sturm: … haben wir für jede Schule Förderlehrer, die mit in den Klassen sitzen und sich die Schüler anschauen. Zum Teil unterrichten sie im Team mit den Fachlehrern kleine Gruppen nach unterschiedlicher Leistungsstärke. In anderen Fällen erhalten die Schüler parallel zum normalen Unterricht Förderunterricht. Wichtig ist uns dabei, einzelne Schüler nicht bloß zu stellen, sondern in der Gruppe zur unterstützen.

Frage: Bei der Iglu-Studie stehen alle fünf Jahre Lesegewohnheiten und Leseverständnis auf dem Prüfstand. Welchen Stellenwert hat die Leseförderung an Ihren Schulen?

Sturm: Lesen ist für uns die Basiskompetenz schlechthin. Deshalb sind wir froh über die ehrenamtlichen Lesepaten an unseren Schulen. Viele Eltern, die berufstätig sind, kommen gar nicht mehr dazu, regelmäßig mit ihren Kinder zu lesen oder vorzulesen. Unsere Lesepaten sind Eltern, Großeltern oder Freiwillige aus der Gemeinde, die sich mit den Kindern ein- bis zweimal in der Woche zusammensetzen, um zu lesen.

Frage: Nicht nur lernschwächere Schüler haben Förderbedarf, laut Studie werden häufig auch Talente übersehen.

Sturm: Wir versuchen über Selbstlernzeiten die Talente der Schüler zu erkennen und zu fördern. Jeder Schüler hat ein eigenes Ablagefach, in dem Aufgaben liegen, die er über die Woche hinweg in seinem persönlichen Tempo bearbeiten kann. Da merkt man sehr schnell, welche Schüler zusätzliche Aufgaben übernehmen können. Sie bekommen dann zum Beispiel noch extra kniffelige Rechenaufgaben und können zum Beispiel auch an der Mathe-Olympiade teilnehmen.

Frage: Eine Kritik an vergleichenden Leistungstests ist, dass sie häufig auf die "harten" Kompetenzen, wie Mathe oder Deutsch abzielen. Aber Schule ist ja noch viel mehr. Wie sieht es denn zum Beispiel bei musischen Fächern aus?

Sturm: Bei uns haben solche Fächer einen hohen Stellenwert. Es gibt zum Beispiel Bläserklassen an weiterführenden Stiftungsschulen in denen die Schüler ab Klasse fünf ein Instrument lernen. Gerade für leistungsschwächere Schüler ist das eine gute Möglichkeit, sich zu beweisen und Erfolge zu haben. Bereits an den Grundschulen gibt es außerdem die Werkstattarbeit. Dabei wird ein Thema auf unterschiedliche Arten fächerübergreifend bearbeitet. In Mathe und Deutsch genauso, wie in Kunst oder Musik.

Das Interview führte Janina Mogendorf

Schulleistungsstests

Iglu: Internationale-Grundschul-Lese-Untersuchung erfasst Leseverständnis und Lesegewohnheiten von Schülern am Ende der Grundschulzeit. Im Jahr 2011 haben weltweit 45 Staaten daran teilgenommen. In Deutschland waren es 4.000 Schüler aus 197 Schulen. Timss: Die "Trends in International Mathematics and Science Study" testet alle vier Jahre mathematische und naturwissenschaftliche Leistungen von Grundschülern. 2011 nahmen 50 Staaten daran teil. In Deutschland waren es 3.995 Schüler aus 197 Schulen. In beiden Tests bewegen sich Schüler aus Deutschland im oberen Drittel des Rankings.

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