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Papst Benedikts XVI. ehemalige Schule

Gewalt im Jungeninternat Traunstein: Schon wieder die gleichen Gewaltstrukturen?

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Das Studienseminar Sankt Michael in Traunstein mit weißen Gebäuden und Turm.
Traunstein/Frankfurt am Main - Die Missbrauchsstudie zum Jungeninternat in Traunstein hat Gewaltstrukturen offengelegt – ähnlich wie in anderen Missbrauchsstudien. Doch es gibt auch Unterschiede.

Jugendlichen wurde wahllos mit dem Rausschmiss gedroht, sie mussten teils ihr eigenes Erbrochens essen: Das erzählten ehemalige Seminaristen des Jungeninternats Sankt Michael in Traunstein von ihrer Schulzeit zwischen 1960 und 1990 laut einer jüngst veröffentlichten Aufarbeitungsstudie. Auch von teils massiver körperlicher Gewalt und in einzelnen Fällen sexuellen Übergriffen war die Rede.

Das System "hat uns nicht geschützt", sagte der Betroffene Johannes Koch bei der Vorstellung der Studie. Doch welches System stand dahinter? Und war es anders als zum Beispiel im Klosterinternat Ettal – in dem über Jahrzehnte lang Jungen misshandelt und missbraucht wurden – oder am bischöflichen Internat Albertinum Gerolstein, in dem Gewalt zur Tagesordnung gehörte? Ein Blick in das System hinter der Gewalt.

Das gute Image der Schule als Grundlage für die Gewaltspirale

In Traunstein wurde Gewalt an Seminaristen von 1960 bis 1980 toleriert oder ignoriert, das ergab das Gutachten. Erstmal wurde eine Tat 2020 bekannt. Sie war der Auslöser für die Studie. Die Voraussetzungen für das Wegschauen ähneln denen, die aus früheren Aufarbeitungsstudien bekannt sind. Dazu zählt zunächst das Image der Schule. Das Studienseminar in Traunstein galt besonders seit Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. (2005–2013) dort zur Schule ging, als katholische Kaderschmiede. Im untersuchten Zeitraum hatte die Schule das Ziel, Jungen für das Priesteramt und kirchliche Berufe zu gewinnen und darauf hinzuerziehen. Die religiöse Inszenierung und das Bild des Seminars nach außen hätten häufig Priorität vor dem Wohlergehen der Jungen gehabt, berichteten nun ehemalige Seminaristen. Ein früherer Seminarist erzählte von einer Verletzung durch einen Präfekten, die nach dem Besuch bei der Krankenschwester vertuscht wurde. Auch seine Mutter habe ihm nicht geglaubt.

Die übermächtigen Geistlichen im Studienseminar

Schon in der ersten Aufarbeitungsstudie in einem katholischen Jungeninternat in Deutschland – im Klosterinternat Ettal im Jahr 2013 – hieß es: Der Eliteanspruch einer Institution führe "zu erhöhten Angstniveaus der Schüler und zu einem gesteigerten Machtpotential des pädagogischen Personals, sodass Aufdeckungsprozesse erheblich erschwert werden".

Dieses "enorme Machtgefälle zwischen geistlichen Angestellten, den Schülern und ihren Familien" war laut der Studie auch im Seminar in Traunstein zu sehen. Das Studienseminar hatte im untersuchten Zeitraum zwischen 1960 und 1990 den Ruf, Jungen aus dem bäuerlich geprägten Umland eine höhere Bildung zu ermöglichen. Dadurch standen sich Geistliche mit gesellschaftlich hoher Autorität und Jungen aus oft einfachen volkskirchlich sozialisierten Familien gegenüber. Beides ermöglichte es, dass die Gewalt der Geistlichen nicht nach außen kommuniziert oder den Jungen nicht geglaubt wurde. Zusätzlich war das Leben im Internat in Traunstein weitestgehend von der Außenwelt abgeschirmt, Freundschaften zu Leuten außerhalb der Internatsmauern gab es kaum.

Fehlende Pädagogik und der Grund für die Gewalt

Im Studienseminar Traunstein sei die Gewalt, wie Ohrfeigen und Drohungen, meist von den Aufsichts- und Erziehungspersonen – Präfekten – und Direktoren ausgegangen. Bis 1982 waren dies nur Geistliche. Auch andere Geistliche, die beispielsweise für Besinnungstage und spirituelle Angebote mit dem Seminar zusammenarbeiteten, wurden teils gewalttätig gegenüber den Jungen, so die Studie. In Traunstein wurden zudem auch psychische und spirituelle Gewalt intensiver als in früheren Studien untersucht. Durch Drohungen, Einschüchterungen und Erniedrigungen der Jungen durch die Präfekten berichteten einige ehemalige Seminaristen von Schuldgefühlen und Angst.

Akten liegen gestapelt im Regal eines Bistumsarchivs
Für die Aufarbeitung im Studienseminar in Traunstein wurden Akten ausgewertet – aber vor allem mit Betroffenen und ehemaligen Angestellten gesprochen. (Symbolbild)

Dass es so oft zu Sanktionen genannten Gewalttaten kam, führt das Forschungsteam vor allem auf die fehlenden pädagogischen Fähigkeiten der Präfekten zurück. Nur wenige von ihnen seinen freiwillig im Schuldienst gewesen. Es habe kein pädagogisches Konzept gegeben. Und ein Präfekt sei teils für 50 Seminaristen zuständig gewesen. Die Studie schließt hier auf Überforderung und fehlende Ausbildung der Präfekten. Ob auch andere Faktoren wie bewusster Machtmissbrauch eine Rolle spielten, darüber spricht die Studie nicht. Sie benennt aber, dass es andere Möglichkeiten gegeben hätte. Bereits in den 1960er Jahren gab es auch innerkirchlich Diskussionen über andere Erziehungsformen. Es habe Empfehlungen für Veränderungen direkt an das Studienseminar gegeben. Diese Schritte seien nur unzureichend umgesetzt worden. Auch seien viel zu lange nur Geistliche ohne pädagogische Ausbildung als Präfekten eingesetzt gewesen, statt ausgebildete Pädagogen einzustellen.

Damit ähneln auch die Gründe für die Gewalt im Studienseminar Traunstein denen aus früheren Aufarbeitungsstudien. Im Klosterinternat Ettal und am bischöflichen Internat Albertinum Gerolstein war ebenfalls die Rede von fehlender Pädagogik. "Wenige Beschäftigte vor 1973 hatten nach Aktenlage allenfalls Grundlagenkenntnisse in der Vermittlung von schulischem Lernstoff vorzuweisen", hieß es 2022 über die Abläufe in Gerolstein. Wobei auch bei Gerolstein auf ein „ausbleibendes Engagement des Trägers bei der Akquise von geeigneten Fachkräften“ erwähnt wurde.

In Folge der fehlenden pädagogischen Ausbildung konnten die Präfekten in Traunstein – wie in anderen Jungeninternaten – sich ein eigenes, oft autoritäres Werte- und Normensystem bauen, nach dem gelehrt wurde, so die Studie. Es habe auf "Disziplin, Gehorsam und die Abwendung von weltlichen Einflüssen am Seminar" gezielt. Disziplin stand an oberster Stelle. So mussten einzelne Seminaristen in Traunstein auch nach Unfällen weiter ohne Behandlung am Unterricht teilnehmen. Kritik an Lehrpersonen wurde als "respektloses Verhalten" abgetan. Eigene oder andere Grenzen zu respektieren und Grenzüberschreitungen zum Beispiel bei körperlicher Gewalt zu benennen, habe kaum stattgefunden.

Gewalt unter Seminaristen

Dass Grenzen nicht respektiert wurden, übertrug sich auch auf den Umgang der Jungen untereinander. Seminaristen aus dem Jungeninternat in Traunstein berichteten von Ohrfeigen und teils massiven Schlägen durch Mitseminaristen. Auch von sexualisierter Gewalt durch gleichaltrige Seminaristen schreiben die Studienverantwortlichen. Die Präfekten hätten darauf nicht reagiert und wiederum weggeschaut.

Einige ehemalige Seminaristen vermuten zudem, dass das System der Lehrkräfte zur Gewalt zwischen den Jungen beigetragen habe. Ältere Seminaristen hatten die Aufsicht für die Schlafsäle jüngerer übertragen bekommen. Aus der Studie aus Gerolstein ist bekannt, dass dort dieses System gezielt eingesetzt wurde. Ältere Jungen hatten auch dort Aufsichten. Sie hätten sich ein Beispiel an den Präfekten genommen, die sie geschlagen hatten. Die Älteren wollten ihre eigene Macht testen und schlugen die Jüngeren. In Ettal wurden Schläge zwischen Schülern zudem teils explizit erlaubt. Eine Gemeinschaft, die sich selbst kontrolliere, sei einfacher zu handhaben, hieß es dort. Dieses aktive Befeuern ist aus Traunstein nicht bekannt.

Sexuelle Gewalt im Jungeninternat

Bei sexueller Gewalt unterscheiden sich die Erzählungen aus Traunstein stark von den Aufarbeitunsgprozessen zum Beispiel im Klosterinternat Ettal und Gerolstein. Aus dem Studienseminar in Traunstein sind drei Fälle von sexueller Gewalt bekannt. Zwei davon ereigneten sich im Seminar selbst, einer passierte durch einen Geistlichen außerhalb des Klosters. Der Betroffene Koch erzählte in der Studie, dass er den Geistlichen bei einem Besinnungsangebot im Kloster Maria Eck kennengelernt hatte. Er habe sich damals Sorgen um einen depressiven Mitseminaristen gemacht. Da die Präfekten im Seminar sich nicht darum kümmerten, wandte er sich an den Geistlichen in Maria Eck. Dabei kam es zu sexualisierter Gewalt. Er habe nicht darüber sprechen können, da Sexualität im Studienseminar als Tabuthema galt. Aus Traunstein ist laut der Studie kein Fall von einem Täter bekannt, der mehrfach sexualisierte Gewalt einsetzte.

Schatten eines Kreuzes
Aus dem Studienseminar in Traunstein sind drei Fälle von sexueller Gewalt bekannt. Zwei davon ereigneten sich im Seminar selbst, einer passierte durch einen Geistlichen außerhalb des Klosters

In früheren Aufarbeitungsstudien zeigten sich teils jahrzehntelange Systeme sexualisierter Gewalt. So missbrauchten in Gerolstein die leitenden Priester bewusst Schüler, die keinen familiären Rückhalt hatten – Halbwaisen oder Kinder, deren Eltern nicht zu Besuch kamen. In Ettal erschuf ein Täter über Jahre Situationen, in denen er Jungen sexuell nahekommen konnte – beim Duschen oder im Schwimmunterricht. Dass das Thema Sexualität tabuisiert wurde, war in allen drei Jungeninternaten ein Problem, da die Jungen die Übergriffe entweder nicht einordnen oder nicht darüber sprechen konnten.

Vernachlässigung und Gewalt aber kein gezieltes System

Es bleibt das Bild, dass die Voraussetzungen der Gewalt im Studienseminar in Traunstein die gleichen waren, die auch in anderen Jungeninternaten die Gewalt und die Mauer des Schweigens ermöglichten. Während besonders im Klosterinternat Ettal, aber auch in Gerolstein, Systeme der Gewalt bewusst aufgebaut wurden und Möglichkeiten für sexuelle Übergriffe geschaffen, scheint es sich im Studienseminar in Traunstein häufiger um Vernachlässigung zu handeln. Gewalt unter den Jungen wurde hingenommen, ärztliche Versorgung teils verwehrt, Fürsorgepflichten vernachlässigt. Dazu kamen die "Erziehungsmaßnahmen" durch die einige Jungen zusätzlich massive Gewalt durch die Präfekten erlebten und von Angst berichteten.

Es ist also nicht nur das aktive Handeln und Misshandeln, das in Jungeninternaten zu Missbrauch führte. Auch Wegschauen, nicht Handeln und Vernachlässigung war Teil des Missbrauchs im Studienseminar in Traunstein.

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