"Gott lässt das Leben blühen"
Frage: Professor Werbick, was bedeutet die Bitte im Vaterunser um "unser tägliches Brot" im ursprünglichen Wortlaut und Zusammenhang?
Werbick: Der erste Teil des Vaterunsers besteht aus den Bitten um Gottes Herrschaft - darum, dass sein Name "Ich bin für euch da" geheiligt werde und dass wir mit seiner Zusage fest rechnen können. Die ersten Beter des Vaterunsers sind mutig in diese große Zukunft hinein aufgebrochen - mit all den Nöten, die sie im Heute erleiden mussten. Sie halten sich an Gott fest und bitten ihn, sie in ihrer Not nicht allein zu lassen. Das Vaterunser ist ursprünglich das Gebet von Menschen, die sich bereits an der Schwelle zur von Gott erfüllten neuen Welt sehen, die jedoch eine unerfüllte Sehnsucht in sich tragen und deshalb Not leiden. Im Vaterunser ringen sie darum, dass ihre große Hoffnung trotz der Not lebendig bleibt.
Frage: Ist die Bitte um das tägliche Brot die elementarste Bitte überhaupt? Welchen Stellenwert hatte und hat sie für Menschen?
Werbick: Gott lässt das Leben blühen und wachsen - für Gerechte und Ungerechte. Menschen sind es, die ihre Mitmenschen zum Hunger verurteilen, die ihnen das Lebensnotwendige streitig machen. Wollen wir Gott hier als Ersatzmann einwechseln, weil wir selbst nicht weiter wissen? Ja, wir ziehen ihn hinein in ein Heute voller Zwiespältigkeit und Ratlosigkeit. Und wir beten in der Nachfolge der Jünger, die ihn hineingezogen haben in ihre Alltagsnot.
Sie brauchten Mut für jeden neuen Tag, den sie nicht im Geringsten überschauen konnten. Und sie hofften auf die Hilfe des Herrn. Das ist eine Gebetsverwegenheit, in die wir uns heute kaum noch hineintrauen. Doch Gott ist nicht nur unsere Zukunft. Wir dürfen ihn auch auf das Heute ansprechen.
Im vermeintlich Alltäglichen entscheidet sich ja, ob die Gottes-Hoffnung in meinem Leben aufgeht. In meiner täglichen Bedürftigkeit will er mein Weggefährte sein - wie der auferstandene Christus den Emmaus-Jüngern Weggefährte war. Wie er ihnen das Brot brach, soll uns das Brot seiner Gegenwart in unserem Leben gebrochen sein. Er will seinen Christus an uns austeilen, dass wir unseren Weg nicht ohne Gott durch gnadenlose Wüsten gehen müssen. Die frühe Kirche hat die Brotbitte nicht ohne Grund auch auf das eucharistische Brot bezogen.
Frage: Zur Eucharistiefeier gehören Brot und Wein als Symbol für den Leib und das Blut Jesu Christi. Im Alltagsleben bedeutet Brot Nahrung und Wein Genuss. Wofür können diese beiden Zeichen darüber hinaus im christlichen Leben stehen?
Werbick: Die Brotbitte bringt Gott in Zusammenhang mit dem Lebensnotwendigen: Er möge uns in der alltäglichen Lebensnot nicht "hängen lassen". Wir vertrauen uns ihm an - in der Hoffnung, dass er es mit uns und unseren Gefährten gut meint. In der Kirche steht neben dem Brot der Kelch mit Wein - ein Zeichen dafür, das das Leben nach unendlich viel mehr schmeckt als nach dem elementar Sättigenden: nach einem Gott, der Grund und Inhalt einer Freude ist, die unser ganzes Leben ergreifen sollte. Brot und Wein gehören zusammen, und wir bringen es zusammen in der Feier der Eucharistie.
Frage: Wir bitten Gott um "unser" tägliches Brot. Ruft das Gebet denn zum Teilen auf? Welcher Verantwortung müssen wir uns hier stellen?
Werbick: Wir bitten Gott, wissen aber um die Verantwortlichkeit dafür, mit anderen zu teilen, was uns geschenkt ist. Dies gilt für alle Dimensionen des Lebens - in der Not ebenso wie in der Freude. Auf diesem Teilen liegt ein Segen. Was wir einzubringen haben, mag kümmerlich sein. Aber wir wissen nicht, was daraus werden kann, wenn Gott es in die Hand nimmt und austeilt. Die wunderbare Brotvermehrungsgeschichte aus dem Johannesevangelium (Joh 6,1-15) erzählt davon. Wenn wir mit der Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot das Wenige, das wir einbringen können, in seine Hände legen - dürfen wir dann nicht darauf vertrauen, dass es reichen wird, weil er es segnet? Wir rufen ihn hinein in das allzu Wenige, das wir sein und geben können. Seine Zusage: Es wird reichen.
Die Brotbitte des Vaterunsers erinnert deutlich an das Manna, das Brot vom Himmel für Mose und seine Gefährten in der Wüste. Das Manna verdirbt, wenn man sich für morgen einen Vorrat anlegt.
Jürgen Werbick
Frage: Es heißt "Unser tägliches Brot gib uns heute". Bedeutet das, dass wir der Raffgier und dem Profitstreben Paroli bieten und uns nicht zu sehr um die Zukunft sorgen sollten?
Werbick: Die Brotbitte des Vaterunsers erinnert deutlich an das Manna, das Brot vom Himmel für Mose und seine Gefährten in der Wüste. Das Manna verdirbt, wenn man sich für morgen einen Vorrat anlegt. Erbeten werden soll das Lebensnotwendige, damit dieser Tag mehr sein kann als die Jagd nach dem Überlebensnotwendigen. Vorsorge ist in unserer Kultur und Ökonomie unerlässlich. Aber sie steht, wenn wir das Vaterunser ernsthaft beten, unter dem Kriterium: Lebenssorge darf den Menschen nicht "auffressen", Lebensvorsorge soll nicht alles sein; wohl aber soll der Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität Raum finden auf dem Weg in ein Gott-erfülltes Leben.
Frage: Jesus sagt: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt" (Dtn 8,3). Welche Bedeutung hat dieses Schriftwort heute für uns?
Werbick: Das Leben ist mehr als Brot und Wein. Es braucht anderes ebenso nötig: Hoffnung, Anerkennung, eine Zukunft, in der ich nicht zwecklos verloren gehe, eine Solidarität, in der man mich nicht verloren gibt, das gute Wort, das Gott ursprünglich und endgültig spricht. Das Vaterunser öffnet den Blick: für die elementare Not, die nicht sein soll; für die geistliche Lebensnot, in der wir auf Gottes Zusage vertrauen dürfen, dass er uns nicht verloren gibt; für die Zukunft, die er uns sein will.
Das Interview führte Margret Nußbaum
Jürgen Werbick (*1946) war von 1994 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 Professor für Fundamentaltheologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Zuvor hatte er eine Professur für Systematische Theologie an der Universität-Gesamthochschule Siegen inne.
Jürgen Werbick: Vater unser. Theologische Meditationen zur Einführung ins Christsein. 280 Seiten, 19,95 Euro, Verlag Herder, Freiburg 2011, 19,95 Euro Mit seiner Auslegung der Vaterunser-Bitten führt Jürgen Werbick in das christliche Beten und den Glauben ein. Er nimmt die Herausforderungen auf, in die Betende hinein geraten, wenn sie den Wortlaut der Bitten ernst nehmen. Dem Autor ist damit in ganz besonderer Weise eine beeindruckende Einführung in den christlichen Glauben gelungen.