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Gastbeitrag des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Heimweh nach Gott – Gedanken zu Allerseelen von Bischof Bätzing

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Bischof Georg Bätzing schaut nach unten
Bonn - Alles ist vergänglich. Das wird besonders an Feiertagen wie Allerseelen deutlich. In einem Gastbeitrag für katholisch.de macht Bischof Georg Bätzing sich zum heutigen Gedenktag darüber Gedanken, warum uns unsere Vergänglichkeit ausmacht und welche Wahrheiten die Corona-Pandemie aufdeckt.

Manche sagen, mit all den Veränderungen, die uns zugemutet werden und die wir Menschen selbst in Gang gesetzt haben, erleben wir gera­de eine Zeitenwende, einen Epochenwechsel, einen kulturellen Um­bruch, für den es noch keinen Namen gibt. Was kommt eigentlich nach der "Postmoderne"?

Wenn ich zu Hause über den Friedhof gehe, wird mir bewusst, wie ra­sant sich der Umbruch vollzieht. Auf einen klar geregelten Standard, wie ihn die christliche Bestattungskultur lange geprägt hat, folgte eine kurze Phase größerer Diversität – etwa auch in der Gestaltung von Grabdenkmälern. Das Kreuz als christliches Symbol wurde seltener gewählt. Persönliche Symbole schienen vielen eher geeignet, der Ver­bindung zu den Verstorbenen Ausdruck und der eigenen Trauer einen Haltepunkt zu geben.

Jetzt zieht ein neuer Standard ein: Die Friedhöfe werden leer; die Flächen weit und ungestaltet. Grabmonumente heben sich nur vereinzelt heraus. In den Friedwäldern spielt die Symbolik insgesamt eine sehr zurückgenommene Rolle. Wald und Natur bede­cken und umfangen mit ihrer Lebenskraft den Tod. Der Eichstätter Philosoph Walter Schweidler (*1957) hat vor kurzem den Trend zur anonymen Bestattung als eine sehr bedenkliche Entwicklung unserer Zeit bezeichnet: "Wenn der Friedhof stirbt, stirbt die Zivilisation, die er verkörpert". Man mag es nicht so dramatisch ein­schätzen, aber sicher trifft doch zu, dass unser Umgang mit dem Tod und den Toten viel über unsere Einstellung zum Leben sagt. Der Wandel in eine neue Epoche unserer Kulturgeschichte wird hier au­genfällig.

"Was uns blüht, ist der Tod, unumgänglich und unerbittlich"

Und da kommt Corona dazwischen und lässt Menschen weltweit tief verunsichert und ängstlich aufschrecken. Denn diese Pandemie kon­frontiert uns mit unserer Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Unser Le­ben bleibt bedroht. Und auch mit den bestmöglichen Mechanismen zur Vorsorge und Gefahrenabwehr lässt sich die Tatsache nicht ver­leugnen, dass Krankheit und Tod uns jederzeit treffen können. "Was uns blüht, ist der Tod, unumgänglich und unerbittlich", meint Gott­hard Fuchs (*1938).

Sich daran zu erinnern, so wie wir es an Allerseelen tun, ist zutiefst mensch­lich. Und es ist lehrreich. Erinnere dich, dass du sterblich bist! Nicht nur für die Menschen vergangener Zeiten war das "memento mori" eine gute Lebensschule.

Eine Frau mit Schirm und ein Mann, der zwei Grablichter trägt, gehen an Gräbern entlang
"Man mag es nicht so dramatisch ein­schätzen, aber sicher trifft doch zu, dass unser Umgang mit dem Tod und den Toten viel über unsere Einstellung zum Leben sagt", schreibt Bischof Georg Bätzing.

Alles ist endlich. Eine erste Wahrheit. Und wir wollen sie nicht immer wahrhaben. Im Überschwang von Glück und Liebe, von eigener Leis­tungsfähigkeit und überschäumender Kraft planen wir anders, weiter, endlos. Doch, wird unser Leben, Lieben, Hoffen, Ringen, Denken und Gestalten nicht gerade deshalb so kostbar, weil es befristet ist? Das macht uns aus. Und das gibt dem, was wir tun und was wir lassen, seinen Ernst.

Diese in allem so ungewöhnliche Zeit der Pandemie deckt eine weite­re Wahrheit auf, der wir uns beugen lernen: Wir sind abhängiger, als uns lieb ist. Und wir haben uns weniger in der Hand, als wir möchten. Je größer der Abstand, den wir üben, um uns selbst und einander zu schützen, umso deutlicher tritt hervor, wie sehr wir aufeinander an­gewiesen sind. Die Krankheit kann uns treffen. Vielleicht eher die Quarantäne. Und wenn es so ist, dann hilft vermutlich am ehesten Gelassenheit. Sich aus der Hand und in die Hände anderer zu begeben, ist dann ratsam. Eine Kunst, die uns gut auf die letzten Stunden vorbereiten hilft, wo es um alles geht. Da wer­den wir uns endgültig genommen. Und unser Glaube sagt: Wer sich da gelassen in Gottes Hände gibt, wird leben.

Im Tod erhebt Christus seine Stimme

Memento mori. Im Evangelium ruft Jesus uns die entscheidende Aus­sicht zu, die unseren Tagen und Jahren jetzt schon ihre besondere Gü­te verleiht. "Amen, amen, ich sage euch: Die Stunde kommt und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben" (Joh 5,25). Unsere letzte Stunde ist die große Stunde des Sohnes Got­tes. Denn im Tod erhebt er seine Stimme. Und wer sie hört, wird le­ben.

Ja, der Tod ist die ganz persönliche, vor den Augen der Welt ver­borgene Begegnung mit Gott – und insofern hat der Tod auch etwas vom Gericht an sich. Wir werden uns erkennen, wie Gott uns sieht: ganz un­geschminkt, schonungslos wahrhaftig. Aber nicht, um verurteilt und abgeschoben zu werden, sondern mit der Zuneigung einer Liebe, wie wir sie nie zuvor empfunden haben. Das mag schmerzlich sein, wenn wir spüren, dass wir ein Leben lang im Horizont dieser ewigen Liebe gestanden sind und nicht immer angemessen geantwortet haben. Viel­leicht stellt sich in diesem Augenblick der Gottes-Begegnung so etwas ein wie Heimweh nach Gott. Und das wird läutern und heilen. Gott wird es tun.

Allerseelen, was ist der Sinn dieses Tages? Macht er Sinn auch in Zei­ten eines epochalen Wandels, wie wir sie erleben? Ich finde: Ja. Und welchen Sinn trägt er? "Allerseelen / dein eigentlicher Name / lautet / Heimwehtag" (Martha Böttger).

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