Hilfe für die Hirten
Laut der jüngsten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gab es im Jahr 2014 hierzulande 14.404 Priester. Die große Mehrheit von ihnen meistert die Anforderungen ihres Berufs. Die Zahlen derer, die sich suspendieren lassen, liegt der DBK nach eigenen Angaben nicht vor, aber die "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen" geht von durchschnittlich 25 Laisierungen im Jahr aus. Aber wer kümmert sich um die Geistlichen während ihrer langen Dienstzeit?
Persönlichkeitsentwicklung im Fokus
Denn Fakt ist, dass Priester mehr arbeiten, als andere: Laut der vor knapp einem Jahr vorgestellten Stress-Studie liegt die Wochenarbeitszeit bei fast der Hälfte bei mehr als 55 Stunden, bei jedem Fünften sogar bei mehr als 65 Stunden. Die Studie fand zudem heraus, dass etwa persönliche Zufriedenheit, Anerkennung und soziale Beziehungen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Seelsorgern haben.
Während der Vorbereitung auf die Weihe ist das Netz an Beziehungen und Begleitpersonen engmaschig: Der Priesterseminarist lebt mit Kommilitonen, bildet sich mit ihnen fort und hat in dem Spiritual einen Ansprechpartner für die geistliche Begleitung im Haus. Die Persönlichkeitsentwicklung der Seminaristen steht seit Aufdeckung des Missbrauchsskandals mehr denn je im Fokus der Ausbildung. Auch nach der Weihe gibt es Unterstützung und gegenseitigen Halt. So stehen etwa für Kapläne – in manchen Bistümern auch Vikare oder Kooperatoren genannt – regelmäßige Reflektionsgespräche mit dem ausbildenden Pfarrer an, berichtet Diakon Bernhard Eiermann, der in der Seelsorgepersonal-Abteilung der Erzdiözese Freiburg das Referat für Priester leitet.
Von Tandems und Weggemeinschaften
Außerdem bildeten viele junge Priester in der Vikarszeit und während der ersten Pfarrstelle so genannte Weggemeinschaften: "Das bedeutet, dass die Arbeitsstellen von zwei bis vier Priestern räumlich nicht zu weit weg voneinander entfernt sind, sodass sie sich ungefähr alle vier Wochen zu Austausch und Gebet treffen können", so Eiermann. Diese Beziehungsnetzwerke sind auch im benachbarten Bistum Rottenburg-Stuttgart beliebt, erzählt Domkapitular Paul Hildebrand, der Hauptabteilungsleiter für Pastorales Personal. "Besonders beim jungen Klerus sind die Weggemeinschaften weit verbreitet".
Vor einigen Tagen kündigte Thomas Frings an, für unbestimmte Zeit seine Aufgabe als Priester ruhen zu lassen. Zu unzufrieden ist er mit seiner Kirche. Seitdem kann sich der 55-Jährige vor E-Mails kaum retten. Er hat einen Nerv getroffen.
In der schwäbischen Diözese habe man sich die Erkenntnis der Studie zu Herzen genommen, dass die in gemeinschaftlichen Bezügen arbeitenden und wohnenden Seelsorger gesünder und motivierter sind. Hildebrand berichtet, dass man Gemeinschaftsbildung fördere – nicht nur bei den Jungen und nicht erst seit der Studie. So gebe es etwa die klassischen Priestergemeinschaften – er selber gehöre der Gemeinschaft von Charles de Foucauld an. Außerdem existierten seit den 68ern auf rund zehn Jahre angelegte Priester-WGs und neuerdings auch Tandems. Bei dieser von dem Kirchenrecht vorgesehenen Form der Teampfarrei arbeiten zwei Priester zusammen in einer Seelsorgeeinheit, manchmal wohnen sie auch im selben Pfarrhaus.
Den freien Tag frei halten
Fünf bis acht solcher Tandems gebe es in der Diözese Rottenburg, dazu kommt eine knappe Handvoll WGs. Eiermann aus dem Erzbistum Freiburg sieht denn auch keinen Trend dazu, dass es in absehbarer Zeit nur noch in Gemeinschaft lebende Priester geben werde: „Da müsste man stärker darauf schauen, was die spezifische Berufung ist: die zum Diözesanpriester oder doch zum Ordensmann?“ Allein zu leben, heiße nicht, einsam zu sein, ergänzt Hildebrand; da sei jede Person anders und brauche andere Angebote.
So nennen die Vertreter beider Bistümer auch diverse Begleitungsformen für Pfarrer, die nicht in solchen gemeinschaftlichen Verbindungen sind: Es gebe berufliche Begleitung mit Fokus auf pastorale Themen und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie im Erzbistum Freiburg die wärmste Empfehlung bereits an Priesteramtskandidaten, geistliche Begleitung in Anspruch zu nehmen. All diese Formen würden den Männern schon während der Ausbildung vorgestellt mit der Hoffnung, dass sie diese Angebote auch abrufen, wenn sie sich brauchen, sagt Eiermann.
Geistliche sollten seiner Ansicht nach darauf achten, dass sie sich ihren freien Tag – in der Regel den Montag – wirklich freihalten, um etwa ihre Eltern oder Freunde zu besuchen, sich ins Kloster zurückzuziehen oder Sport zu treiben. Auf Dauer könne es nicht gut gehen, dann noch liegengebliebenes abzuarbeiten, zumal der Urlaub von Priestern verglichen mit Arbeitnehmern recht knapp ist: Im Sommer können Geistliche des Erzbistums bis zu drei Wochen am Stück frei nehmen, ansonsten rund eine Woche mit ihrer Gemeinde auf Wallfahrt gehen und je zwei bis drei Tage nach den großen Feiertagen Weihnachten und Ostern frei nehmen.
Begleitung vor Wendepunkten und bei drohenden Erkrankungen
Wichtig ist für Eiermann und Hildebrand, dass Priester vor Wendepunkten begleitet werden. Also etwa bereits zwei Jahre vor einem anstehenden Wechsel in eine andere Gemeinde mit einem Gespräch mit dem Personalbeauftragten. Oder vor der Pensionierung: Da stehen Fragen an, was derjenige tun und wo er leben möchte, berichtet Hildebrand, der auch für Ruhestandsgeistliche zuständig ist. Die "aktiven Pensionäre" wiederum organisierten häufig Besuche und Hilfe für kranke Mitbrüder.
Auch für den Fall der drohenden Erkrankung eines Geistlichen ist vorgesorgt. Im Allgäuer Kurort Bad Wörishofen etwa können Diakone und Priester eine Gesundheitswoche mit Kneipp-Behandlungen und Gebet machen. 25 bis 30 Kleriker nehmen laut Hildebrand daran teil. Neben den Anwendungen, die auf den katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp zurückgehen, könnten die spirituellen Angebote ein niederschwelliger Einstieg in regelmäßige geistliche Begleitung sein. Für Geistliche, die eine große geistliche Leere verspüren oder mit Burn-Out-Gefahr stehe das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach für eine längere Auszeit zur Verfügung. Dort könne man Kraft tanken, die Gottesbeziehung vertiefen und sich neu auf seinen Weg ausrichten, sagt Hildebrand. Damit es nicht soweit kommt, rät Eiermann Priestern, auch für einen Freundeskreis Sorge zu tragen, der sie als Mensch anerkennt und nicht in ihrer Funktion oder ihrem Sein als Kleriker.