In der "Anti-Ecke"?
Lohmann hatte in der ihm eigenen Art belehrend und rechthaberisch zu dem Fall der von zwei katholischen Krankenhäusern in Köln abgewiesenen vermutlich vergewaltigten Frau und der verweigerten "Pille danach" Stellung genommen. Und dabei auch die Entscheidung von Kardinal Joachim Meisner kritisiert, in bestimmten Fällen ein bestimmtes Präparat auch in Häusern in kirchlicher Trägerschaft zu verschreiben.
Wohltuend für den Zuschauer war, dass die Redaktion dieses Mal auf einen Polarisierer verzichtet hatte, sondern mit dem Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, EKD-Ratspräsident Nikolaus Schneider, NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann, Linken-Politiker Oskar Lafontaine und TV-Moderator Johannes B. Kerner eine Runde eingeladen hatte, die aus je anderer Lebenserfahrung unaufgeregt zum Talkthema Stellung nehmen konnte.
Eine Art Wiedergutmachung
Denn jetzt ging es um eine Art Wiedergutmachung: Jaschke erklärte, Lohmann vertrete nicht unbedingt die Meinung der katholischen Kirche. Wobei er später meinte, er wolle Lohmann nicht pauschal schlecht machen. Denn menschliches Leben sei unteilbar schützenswert, auch wenn in einer einzelnen Notsituation eine andere Entscheidung gefällt werde.
Als geschickten Schachzug der Redaktion kann man werten, dass Lohmanns Bruder Klaus zu Wort kam, der in Hamburg eine katholische Kindertagesstätte leitet. Er hatte seine schockierte Reaktion an Jauch geschrieben und machte nun deutlich, dass sein theoretischer Ansatz anders sei als der seines Bruders. "Wir dürfen als Katholiken nicht so tun, als hätten wir auf alles eine Antwort." Diskussion und Leben seien schwierig.
Jaschke kritisiert falsche Vokabeln
Und noch eine Richtigstellung: Der Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, Erzbischof Gerhard-Ludwig Müller, hatte vor wenigen Tagen von einer "Pogromstimmung" gegen Katholiken in Deutschland gesprochen, Kardinal Meisner von einer "Katholikenphobie" geschrieben. Ihr Amtsbruder Jaschke meinte dazu, dass dies sicher die falschen Vokabeln seien. Es habe noch niemandem genutzt, historisch besetzte Begriffe für eine aktuelle Auseinandersetzung zu benutzen. Entscheidend sei doch die Frage, ob die Kirche noch nah genug an den Menschen sei.
Im Grunde waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig in Diagnose und Therapie. Die christlichen Kirchen befinden sich in einer Krise, die katholische derzeit stärker, "weil kein Fettnapf ausgelassen wird". Beklagt wurde die mangelnde Nähe zur Lebenswirklichkeit vieler ihrer Mitglieder, ungerechter Lohn in manchen Einrichtungen von Caritas und Diakonie, mangelhafte Glaubwürdigkeit, Vermengung von Arbeitsrecht und kirchlicher Moral.
Diskussion mit versöhnlichem Ende
In der "Anti-Ecke" will niemand bleiben. Weihbischof Jaschke verwies auf den Dialogprozess, der beispielsweise Lösungen für wiederverheiratete Geschiedene finden soll. Er machte aber auch auf ein eher katholisches Phänomen aufmerksam: Für jeden Konflikt bietet die katholische Morallehre einen Ausweg. Und sei es die Rolle des informierten Gewissens.
Johannes B. Kerner war es zu verdanken, dass er nicht nur auf die meist hilfreiche Arbeit der rund 1,3 Millionen Mitarbeiter von Caritas und Diakonie verwies, sondern auch den Einsatz der mindestens ebenso vielen Ehrenamtlichen erwähnte, die in den Gemeinden segensreiche Dienste leisten. Insofern hatte eine weitgehend sachliche Diskussion ein versöhnliches Ende.
Von Martin Thull
Bereits in der vergangenen Woche ging es bei Günther Jauch um die Kirche. Unter dem Motto "In Gottes Namen - Wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?" sollte es eigentlich vorrangig um den Arbeitgeber Kirche gehen. Die Sendung wurde jedoch dominiert von der Diskussion über den Kölner Klinik-Fall. Lesen Sie hier unsere Kritik der Sendung: Smalltalk statt Debatte