In der Erregungskurve
Wer hätte gedacht, dass sich nach Missbrauch, "Pille danach" und Papst-Rücktritt noch irgendjemand positiv über die Kirche äußert. Oder zumindest differenziert. Jeannine Michaelsen offenbar nicht. Dass Kritik an der Kirche zurzeit sehr in Mode ist, kommt natürlich nicht von ungefähr. Jeder neue Skandal, jeder neue Aufreger schreit nach Reformen. Aber ob die, die an diesem Abend via Internet am lautesten geschrien haben, einen katholischen Gottesdienst besuchen würden, wenn der Zölibat fällt, sei dahin gestellt.
"ZDF log in" ist das Format der Erregungskurve. Gesteuert wird die Diskussion der Studio-Gäste mit den Moderatoren durch die Menschen, die im Internet kommentieren und Fragen stellen. Die Geschwindigkeit bestimmt die 60 Minuten. Das passt zum Kirchen-Bashing, nicht aber zu einer ernsthaften Debatte.
Klar, dass die Gäste nur scheitern konnten: Georg Schwikart, dem im Jahr 2010 von Kardinal Meisner die Weihe zum Diakon verweigert wurde und der daraufhin evangelisch wurde, und Pater Wolfgang Ockenfels, Sozialethiker an der Universität Trier.
Ockenfels kann pointiert zuspitzen und provozieren, aber er kann nicht kurz und spontan. Nur so ist eigentlich zu erklären, dass er zur Rolle der Frau in der Kirche etwas von "Damen weiblichen Geschlechts" fabulierte, erklärte, dass ihn das Thema Missbrauch mittlerweile langweile und sich vom kommenden Papst wünschte, er wäre katholisch. Dass er aber während einer Kurzfrage-Runde innerhalb von elf Sekunden nicht erklären konnte, wie die Kirche zu Agnostikern (Menschen, die für sich nicht entscheiden können, ob es Gott gibt) steht, kann man ihm wirklich nicht vorwerfen.
Die interessanten Randfiguren
Schwikart wiederum kann kurz, aber nicht inhaltlich. Wenn er nicht gerade seine persönliche Abrechnung mit der Kirche führte, nickte er fast gönnerhaft mit dem Kopf, wenn Zuschauer per Online-Kommentar etwa die Abschaffung der Kirchensteuer forderten. Ich habe es schon immer gewusst, hättet ihr mich doch eher gefragt, mag er sich wohl gedacht haben.
Einig waren sich Schwikart und Ockenfels darin, dass man in der ganzen Debatte weniger über Kirche und mehr über Gott reden sollte. Um den gehe es beim Glauben ja schließlich. Gott bewahre! Das hätte ja noch länger gedauert und aus der Erregungskurve heraus geführt.
Mehr gehört hätte man gerne von den Randfiguren der Sendung, die im Zuschauerraum saßen und nur kurz zu Wort kamen: Fabian Bocklage, der trotz allgemeiner Kirchen- und Glaubenskrise von Herzen Priester werden möchte. Und Pater Kalle Lenz, Pfarrer einer Berliner Gemeinde. In den Hochzeiten des Missbrauchsskandals sei er zwar auf offener Straße angebrüllt worden. "Aber wenn man das aushält, kommt man mit den Menschen ins Gespräch", sagte er.
Etwas aushalten erfordert Zeit. Geschwindigkeit und eine inhaltliche Debatte schließen sich dagegen aus. Gerade, wenn es um die katholische Kirche geht. So verwundert es nicht, dass das eigentliche Thema des Abends "Braucht die Kirche einen Reformpapst?" nur am Rande behandelt wurde. Aber um Inhalte ging es ja eh nicht.
Von Christoph Meurer
Linktipp: Die Sendung in der ZDF-Mediathek