In der Vertrauenskrise
Zumindest was die gängigen Schablonen angeht, saßen sich in der Katholischen Akademie in Berlin am Montagabend die beiden Lager der Kirche vor über 300 Zuhöhrern gegenüber. Liberal gegen konservativ. Kirchenkritik gegen papsttreu. Doch so einfach ist die Sache natürlich nicht, das wurde in dem angeregten Gespräch deutlich. Beide können sich streiten, aber vor allem haben sie beide einen eigenen Kopf. Als Feldherren in innerkirchlichen Grabenkämpfen taugen sie schwerlich.
"Katholisch sein in der Vertrauenskrise" war der Titel. Der Missbrauchsskandal war der Dreh- und Angelpunkt der Debatte. Mertes verteidigte sein Vorgehen. Es gebe Situationen im Leben, da müsse man "alle taktischen Überlegungen" hintenanstellen. Er habe keine Rücksicht nehmen können, auf den Ruf der Kirche oder eine möglicherweise unfaire Debatte. Die Offenlegung der Fälle sei notwendig gewesen, sonst hätte das Schweigen fortgedauert. Lütz bestätigte Mertes zunächst. Auch für ihn seien die Missbrauchsfälle "tief erschütternd" gewesen und hätten auch sein Denken verändert. Er beklagte aber auch, dass die Verknüpfung der Missbrauchsfälle mit einer innerkirchlichen Reformdebatte in die Irre geführt habe.
"Missbrauch ist nicht katholisch"
"Missbrauch ist nicht katholisch", formulierte Lütz. Es gebe auch in der Kirche schrecklich Vorfälle, die aufzuarbeiten seien, aber eben nicht nur dort. Das gesellschaftliche Problem des Missbrauchs sei viel zu wenig thematisiert worden. Stattdessen seien Zusammenhänge hergestellt worden, die "Totschlagargumente" befördert hätten. Im Zuge der Missbrauchsdebatte auch über Homosexualität zu sprechen führe eher zu mehr Homophobie, als dass es sie bekämpfe, meinte Psychiater Lütz.
Lütz und Mertes haben eine Meta-Debatte des kirchlichen Innenlebens geführt, diese war aufschlussreich, um den Patienten Kirche besser kennenzulernen. In der Erforschung des Problems waren sich die beiden Doktoren durchaus mehr einig als gedacht. Bei der Therapie aber schieden sich die Geister. Es gehe um das Machen, um die Kirche durch Aktion zu neuem Leben zu erwecken, meinte Lütz. "Die Kirche in Deutschland ist eine der mächtigsten Institutionen weltweit, aber an spiritueller Dynamik steht da nicht so viel dahinter." Die Revitalisierung der Gemeinden etwa durch den tätigen Caritasgedanken müsse ein Anliegen sein.
Erneuerung über das Zuhören
Mertes hingegen sagte, der Weg der Erneuerung der Kirche müsse "über das Zuhören und nicht so sehr über das Machen" geschehen. Vor allem fehle es an Vertrauen der Hierarchie dem Kirchenvolk gegenüber. Für ihn sei wichtig, die Lebensgeschichten wahrzunehmen, die Berichte der Opfer. Er habe im Zuge des Missbrauchsskandals auch die "Kirche der Opfer" kennengelernt. Es gebe nämlich jene Menschen, die trotz der leidvollen Gewalterfahrung in der Kirche ihren Glauben und auch ihren Bezug zur Kirche nicht verloren hätten, so Mertes. Diese seien oft vergessen worden, doch seien sie wertvoll für die Kirche.
Der Kampf der gegenüberstehenden Ansätze allerdings blieb in der Akademie weitgehend aus. Aus dem Missbrauchsskandal würden sich Konsequenzen für katholische Sexualmoral ergeben, deutete Mertes an. Die Rolle der Frau, der Zölibat - zu einer Debatte darüber kam es nicht. Lütz wiederum trug seine Reformagenda vor und verlangte ein Abrüsten der kirchlichen "Arbeitgebermacht". Kirchliche Einrichtungen müssten gegenüber ihren Mitarbeitern "realitätsferne Regelungen" durchsetzen, kritisierte er. Auch das wurde nicht mehr debattiert.
Zum Schluss sangen beide noch ein Loblied auf Papst Franziskus. Direkt widersprochen haben sich Mertes und Lütz meist nicht. Nur klingen sie halt unterschiedlich, der Mertes-Sound ist ein anderer als der von Lütz.
Von Volker Resing (KNA)