Interreligiöse Seelsorge?
Das Gebäude gegenüber der Bahnhaltestelle wirkt alt. Die türkisen Fensterrahmen sind verblichen. In den langen Fluren vermischt sich der muffige Geruch von Reinigungsmittel und altem Gebäude um die Mittagszeit mit Essen. Das Deckenlicht und die Metalltüren rechts und links verleihen dem ranzigen PVC-Boden einen gelblichen Schimmer. Ein Hotel ist die JVA Köln Ossendorf nicht. Modern auch nicht.
Etwa 1.200 Inhaftierte leben hier. Männer, Frauen, Jugendliche. Das Kölner Gefängnis ist das größte in Nordrhein-Westfalen. Und auch das Einzige, in dem die verschiedenen Inhaftierten nicht in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht sind. Daraus ergeben sich besondere Herausforderungen. "Wir feiern hier am Wochenende sechs verschiedene Gottesdienste", erzählt Gefängnisseelsorger Pfarrer Stefan Ehrlich. Die Organisation sei nicht immer einfach. Die Gefangenen dürften untereinander nicht willkürlich Kontakt haben: "Wenn nun zwei in U-Haft sind, die zusammen ein Verbrechen begangen haben, können die natürlich nicht gemeinsam am Gottesdienst teilnehmen." Trotz aller Trennungsgebote hat jede Abteilunng alle zwei Wochen mindestens einen christlichen und davon einmal pro Monat einen katholischen Gottesdienst in der Gefängniskirche.
Dort findet auch das Freitagsgebet der Muslime statt. Ein Problem sei das nicht, meint Ehrlich: "Die Kirche ist sowieso nicht geostet. Zum Beten richten sich die Muslime in Richtung Fenster. Da haben sie dann auch kein Problem wegen des Bilderverbots im Islam." Etwa ein Drittel aller männlichen Muslime kommt zu den Gebeten. Aber die Muslime kommen auch zu den christlichen Gottesdiensten. Kadir Z. ist einer von ihnen. Darüber hinaus ist er Hausarbeiter der Gefängnisseelsorge. Gemeinsam mit einem Mitinhaftierten hat er Aufgaben wie ein Küster: Reinigen, Dekorieren, Gottesdienste vorbereiten.
Rund 70.000 Menschen sitzen ihre Strafen in 185 deutschen Gefängnissen ab. Gefängnisseelsorger kümmern sich um die, die schwere Schuld auf sich geladen haben. In diesem Bereich arbeiten sowohl Kleriker als auch Laien.
Während seine Zigarette im Aschenbecher qualmt, versucht Kadir Z. ein Bündel voller Rosenkränze zu entwirren. "Gib mal her", sagt Andreij K. und stellt seinen Kaffeebecher auf den Tisch vor sich. Die Szenerie wirkt wie ein netter Plausch, wäre nicht die verschlossene Tür mit den Gitterstäben und dem Sicherheitsglas. Seit über zwei Jahren arbeitet Andreij K. als Hausarbeiter. Vorher lebte er sehr zurückgezogen in seinem Flur. Die Arbeit hat er durch die Empfehlung eines Bediensteten bekommen. Der Gefängnispfarrer erinnert sich: "Es wurde mir schon gesagt, dass er ruhig ist. Aber so zurückhaltend… Das war anfangs schon schwer." Die Arbeit und die Teilnahme an Gottesdiensten haben für Andreij K. alles verändert: "Hier fühle ich mich wohl. Das gibt mir wirklich viel."
Christlich-muslimische Verständigung ganz nebenbei
Diese Gemeinschaft mit anderen ist auch für Kadir Z. prägend. Er wollte den begehrten Job nur unter der Bedingung antreten, dass er in seinem Hafthaus bleiben darf: "Man ist froh, wenn man hier drin Leute hat." Die Gottesdienste sind eine Möglichkeit, um in Kontakt zu kommen. Grundsätzlich darf jeder unabhängig von seinem persönlichen Glauben kommen. Auch Muslim Kadir Z: "Und ich bin nicht so strenggläubig. Wir Muslime glauben ja auch an das Alte Testament und an Jesus. Bei uns ist das halt nicht Gott, sondern ein Prophet!" Er selbst versteht die Radikalisierung und Abspaltung von bestimmten Gruppen seines Glaubens nicht. Grundsätzlich würden doch alle dasselbe glauben.
Dass es nicht so ist, zeigt die Beteiligung an den muslimischen Freitagsgebeten. Zwei Drittel aller inhaftierten Muslime geht nicht dorthin. Der Imam gehört dem Islam-Dachverband Ditib an. Der untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Und damit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan. Muslime, die keine Türken sind, hätten damit oft ein Problem. Kadir Z. nicht. Er nutzt die Freitagsgebete einmal monatlich. Das offene Seelsorgeangebot des Imam bringt ihm dennoch nichts: "Der erzählt mir immer was von Geduld. Geduld habe ich seit 2012 hier drin." Auch bei anderen Inhaftierten gebe es wenig Bedarf an persönlichen Gesprächen mit dem muslimischen Geistlichen. Stefan Ehrlich kann die Vermittlungsanträge für Einzelgespräche mit dem Imam, die Gefangene bei ihm stellen müssen, an einer Hand abzählen. Wichtig sei das Zuhören bei Problemen. Das kann die muslimische Seelsorge nicht leisten. Ein Konzept der Lebensbegleitung wie im Christentum ist im Koran nicht verankert.
Doch selbst bei einer Vollzeitstelle, die bei katholischen und evangelischen Gefängnisseelsorgern durch den Staatskirchenvertrag geregelt ist, reichen vierzig Stunden pro Woche zur Begleitung der Menschen meist nicht aus. Muslimische Seelsorge, die meist ehrenamtlich geschieht, ist defizitär. Auf Stundenbasis besuchen in Nordrhein-Westfalen derzeit 112 Imame Gefängnisse. Erst im Oktober hat es einen Austausch zwischen dem NRW-Justizministerium und Ditib-Vertretern zur Zukunft und Etablierung muslimischer Gefängnisseelsorge gegeben. Noch gibt es für Muslime keine Betreuung, die an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Bei einer Tagung der Gefängnisseelsorge erklärt Imam Martin Husamuddin Meyer, dass viele Muslime wenig über ihre Religion wüssten und sie unterschiedlich interpretierten. Doch religiöse Betreuung und Begleitung sei in seinen Augen wichtig, um Radikalisierung zu verhindern. Radikale Muslime sitzen in der JVA Köln im Hochsicherheitstrakt. Kontakt zu anderen, selbst zur Seelsorge, haben sie laut Stefan Ehrlich kaum. Diese Muslime würden auch für sich allein beten und bräuchten kein Gemeinschaftsgebet.
Die Frauen fallen auch bei diesem Punkt durchs Raster
Auch muslimische Frauen haben in der JVA Köln keine Gelegenheit gemeinsam zu beten. Der Imam ist ein Mann. Wie so oft fallen Frauen auch bei diesem Punkt im Gefängnis durchs Raster. In Deutschland machen Frauen in Haft einen sehr geringen Prozentteil aus. Zum Stichtag im März 2016 befanden sich in Deutschland knapp 65.000 Personen in Haft. Unter ihnen rund 3.800 Frauen. "Die Strukturen und Vollzugsgesetze sind primär für männliche Gefangene geschaffen, der Frauenvollzug muss sich dann daran orientieren. Die Berücksichtigung der Lebenslage und Bedürfnisse der Gefangenen insbesondere im Hinblick auf das Geschlecht im Vollzug lässt einen frauenspezifischen Vollzug offen. Das ist zu wenig", meint Stefan Ehrlichs Kollegin Pastoralreferentin Dorothee Wortelkamp-M’Baye. Sie ist im Seelsorgeteam für Frauen zuständig, weibliche Jugendliche betreuen die evangelischen Kollegen. Doch auch hier müsse sich etwas speziell für weibliche Inhaftierte ändern. Vor allem, weil die Tendenz der inhaftierten Frauen steigt. Die multitoxische Drogenproblematik nehme zu. Aber Frauen würden auch mittlerweile manchmal eher zuschlagen und säßen oft wegen Gewaltdelikten im Gefängnis. Oder auch wegen Totschlag. "Das sind teilweise Frauen, die seit Jahrzehnten eine schlimme Ehe haben. Dann liegt da halt beim Streit das Messer in der Nähe. Die wissen sich nicht anders zu helfen", erzählt die Seelsorgerin. Bei diesen bräche im Gefägngnis dann aber auch eine Welt und ihr komplettes Selbstbild zusammen.
Hier beginnt die Arbeit der Seelsorge in Einzelgesprächen. Unabhängig von der Konfession oder Religion können alle Inhaftierten auch an den Gottesdiensten teilnehmen. Kadir Z. ist nicht der einzige gläubige Muslim, der sonntags regelmäßig erscheint und Seelsorgegespräche mit Stefan Ehrlich führt. Das hat Gründe. "Im Koran gibt es Seelsorge, wie wir sie verstehen, nicht. Die muss erst installiert werden", erklärt Ehrlich. Auch fehle dem Islam eine Dachorganisation, wie bei der katholischen oder evangelischen Kirche. Es gibt auch keine theologische Klärung, was Seelsorge eigentlich bedeutet. Doch die Nachfrage nach Begleitung, nach Zuhören und Lebenshilfe, ist da, selbst wenn sie nicht unter der Bezeichnung der Seelsorge steht. Bis der Islam dieses Prinzip entwickelt hätte, würde es aber noch dauern. Was der christliche Glaube über hunderte Jahre institutionalisiert hat, könne von heute auf morgen nicht einfach kopiert werden, meint Ehrlich. Denn nicht alles, was alt ist, ist türkis, verblichen und hat einen muffigen Beigeschmack.
Gefängnisseelsorger verbringen Weihnachten meist nicht im Kreis ihrer Familie, sondern am Arbeitsplatz. Ein normales Weihnachtsfest ist das nicht nur wegen der dicken Mauern nicht. Ein Besuch in der JVA Nürnberg.