Suche
"Mit Tanja ist jemand gestorben, der mich völlig verstanden hat"

Jedes Jahr eine Traueranzeige für die tote Freundin

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Sylvia Wiedemann mit den Traueranzeigen für ihre verstorbene Freundin
Oberndorf am Lech - Sylvia Wiedemann und ihre Freundin Tanja verband eine enge Freundschaft. Als Tanja 2016 starb, war das für ihre Freundin ein Schock. Zum Tag der Freundschaft erzählt Wiedemann im Interview, warum sie jedes Jahr eine Traueranzeige für Tanja schaltet.

"Tanja" steht fettgedruckt in der Mitte. Darunter ihr Sterbedatum: 15. Mai 2016. An diesem Tag hat Sylvia Wiedemann ihre beste Freundin verloren. Jeden 15. Mai schaltet Wiedemann nun eine Traueranzeige in ihrer Heimatzeitung. Warum, erklärt die 55-Jährige aus dem schwäbischen Oberndorf am Lech im Interview. Zum Tag der Freundschaft am 30. Juli berichtet Wiedemann von schönen Erinnerungen und Fragen, auf die sie keine Antwort findet.

Frage: Frau Wiedemann, wieso schalten Sie jedes Jahr eine Traueranzeige?

Wiedemann: Als Andenken an meine beste Freundin Tanja. Ich möchte, dass sie in Erinnerung bleibt. Jedes Jahr komme ich so mit Leuten, die Tanja kannten, ins Gespräch über sie. Besonders ihre Mutter freut sich sehr über die Anzeigen; sie hatte ja nur dieses eine Kind.

Frage: In den Anzeigen steht: "Wir haben viel erlebt und hatten noch so viel vor ...". Was haben Sie erlebt?

Wiedemann: Unsere große Leidenschaft war das Reisen. Wir waren auf Kuba und in Kroatien, in den Bergen und am Meer, wandern und zur Wellness, in Monaco und in Musicals. Wobei weniger der Ort wichtig war als das Zusammensein.

Frage: Wie sind Sie und Tanja Freundinnen geworden?

Wiedemann: Den einen Moment gab's nicht. Bewusst kennengelernt haben wir uns erst mit acht, neun Jahren in der Schule, obwohl wir aus derselben Nachbarschaft stammten. Tanja war eine Klasse unter mir. Irgendwie sind wir zueinandergekommen. Ich hatte und habe natürlich auch andere Freunde. Aber das mit Tanja, das war ganz schnell die festeste Beziehung.

Frage: Wieso?

Wiedemann: Vielleicht lag's daran, dass ich aus einer großen Familie komme; wir sind fünf Geschwister. Tanja war Einzelkind. Sie hat alles gehabt - und alles mit mir geteilt. Das hat mich beeindruckt. Denn ich hab anfangs immer gedacht: Wow, die Tanja will mit mir befreundet sein, obwohl ich ihr gar nichts bieten kann. Und mit der Zeit hat sich gezeigt: Tanja und ich, wir haben eine besondere Basis. Wir neiden uns nichts, wir sind nicht aufeinander eifersüchtig, wir können immer aufeinander zählen und haben zusammen Freude am Leben.

Frage: Ihre Freundschaft stand nie auf der Kippe?

Wiedemann: Nein. Natürlich haben wir mal gestritten, gerade mit 12, 13, 14. Da war mal die eine wegen dem beleidigt, die andere wegen jenem. Weil die eine schwimmen fahren wollte und die andere lieber zum Flugplatz. Aber eine halbe Stunde später war wieder alles in Ordnung.

Sylvia Wiedemann mit einem Bild ihrer verstorbenen Freundin
Sylvia Wiedemann zeigt ein Foto von sich und ihrer verstorbenen Freundin Tanja (l.).

Frage: Gab es Unterschiede zwischen Ihnen?

Wiedemann: Vom Wesen her nicht. Aber ich hab später geheiratet, und Tanja ist immer Single geblieben. Was für unsere Freundschaft nie ein Problem war. Wir sind auch zusammen mit meinem Mann oder anderen Verwandten verreist. Tanja hat nie gestört. Im Gegenteil: Es war stets schön mit ihr. Außerdem ist Tanja immer in ihrem Elternhaus geblieben; ihre Wohnung dort sieht heute noch aus wie früher. Ich hingegen bin zwischendurch fortgegangen von daheim. Ich habe in Hamburg gearbeitet, in Stuttgart auch. Da haben wir uns dann seltener gesehen und dafür öfter telefoniert oder SMS geschrieben.

Frage: Wie ist Ihre Freundin gestorben?

Wiedemann: Wir waren Ende 30, Anfang 40, als wir in Dänemark am Strand spazieren waren und Tanja auf einmal sagte: "Ich kann nicht so weit laufen, mir tun die Füße weh." Dann bekam sie auch noch Krämpfe. Später lautete die Diagnose Parkinson. Tanja konnte noch einige Zeit arbeiten und reisen, aber es ging stetig bergab. Sie starb mit 48, im Krankenhaus, drei Tage vor ihrem Geburtstag. Woran genau - Schlaganfall? Organversagen? -, das weiß man nicht. Ihre Eltern wollten es nicht wissen. Die Ärzte, die Tanja zuletzt behandelt haben, sagten nur: "Parkinson war das nicht."

Frage: Wie hat Sie die Nachricht erreicht?

Wiedemann: Ich war mit meiner Schwester und meiner Patentochter im Urlaub auf Kuba. Da, wo ich auch schon mal mit Tanja gewesen war, wo es ihr so gut gefallen hatte. Mein Mann rief mich an. Ich konnte es nicht fassen. Obwohl Tanja mir vor dem Abflug gesagt hatte: "Ich glaub, ich sterb." Ich hatte das nicht geglaubt. Niemand hatte damit gerechnet, auch die Ärzte nicht. Tanja sollte doch nur neue Tabletten bekommen. Den letzten Kontakt hatten wir zwei Tage, bevor sie gestorben ist. Da schickte sie eine komische Nachricht: "Habe ul." Ich hab zurückgeschrieben: "Was ist ul?" Keine Antwort. Ich rätsele immer noch, was das sein soll, "ul".

Frage: Was hat sich in Ihrem Leben seit Tanjas Tod verändert?

Wiedemann: Ich habe meine Arbeitszeit auf eine Vier-Tage-Woche verringert. Das Leben ist so kurz. Und es ist einsamer geworden. Wir hatten viele Rituale, die ich erst im Nachhinein recht bemerkt habe. Wenn ich arbeiten war, hat Tanja immer per SMS gefragt, was es in der Kantine gab. Wenn so was plötzlich wegfällt ... Mit Tanja ist jemand gestorben, der mich völlig verstanden hat. Den ich völlig verstanden habe. Wir wussten genau, wie wir ticken. Wir mussten miteinander nie vorsichtig sein mit dem, was wir gesagt haben. Wir mussten gar nicht viel sagen. Denn die eine wusste eh schon immer, was die andere dachte. Wobei ich doch gern wieder mit ihr sprechen würde.

Frage: Worüber?

Wiedemann: Mit dem Alter kommen neue Themen. Der Tod der eigenen Eltern etwa. Außerdem hätten wir neue Urlaubspläne schmieden können, bald in der Rente hätten wir so viel reisen können. Tja. Stattdessen denke ich mir nun immer: Warum? Weil die Tanja niemandem etwas getan hat. Es gibt so viele Mörder ...

Frage: Ist das für Sie auch eine Glaubensfrage?

Wiedemann: Ja, freilich. Gerade mit der Tanja bin ich jahrelang am Samstagabend immer in die Kirche gegangen. Das hilft mir jetzt nur leider nicht. Warum musste die Tanja so früh sterben? Warum? Ich frage mich das immer wieder. Aber ich finde darauf keine Antwort.

Frage: Noch einmal zu Ihrer Anzeige. Sie hätten zusammen noch so viel vorgehabt, schreiben Sie. Was denn?

Wiedemann: Nichts Konkretes. Weitere Erlebnisse. Über Tanjas Namen in der Anzeige stehen immer Orte, die wir gemeinsam besucht haben. Und unter ihrem Namen zähle ich nun jedes Jahr Ziele auf, zu denen ich allein gefahren bin - mit Tanja im Herzen.

kna-katholisch-swarm-node1 (0.014s)