Suche
Himmelklar – Der katholische Podcast

Joana Drießen: Pionierin im Schatten des Doms

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Gemeindereferentin Joana Drießen in Köln
Köln - Sie ist die erste Gemeindereferentin am Paderborner Dom und bringt dort frischen Wind – und die Perspektive einer zweifachen Mutter.

Ihre Albe ist jetzt der weiße Fleck unter den schwarzen Gewändern der Domkapitulare und Domvikare: Seit sie als erste Gemeindereferentin überhaupt in die Seelsorge am Hohen Dom zu Paderborn eingestiegen ist, sticht Joana Drießen öfter mal ins Auge. Seit sie den Job im Januar angetreten hat, hat sie schon viele positive Reaktionen bekommen.

Sie ist jetzt geistliche Leiterin der Mädchenkantorei, kümmert sich um die Domministrantinnen und -ministranten und steht als Ansprechpartnerin für mehrere ehrenamtliche Gruppen parat. Ansonsten sehe sie sich noch in einer Experimentierphase, sagt die 37-Jährige. Sie bringe ins Amt auch die Perspektive der zweifachen Mutter ein.

Frage: Sie arbeiten als Gemeindereferentin am Paderborner Dom "mit den Domkapitularen und Domvikaren zusammen". So hat es das Erzbistum Paderborn zu Ihrer Amtseinführung Anfang des Jahres mitgeteilt. Wie war denn Ihr erstes offizielles Treffen mit den Domherren? Doch ein bisschen komisch?

Joana Drießen: Ja, es war erst einmal ein bisschen komisch und auch mit der Frage verbunden, ob ich im neuen Amt einfach so sein kann, wie ich bin. Ich habe mich auch gefragt: Wissen sie, wen sie sich hier hereingeholt haben? Passe auch ich mich ein bisschen dem System an? Es geht in dieser ersten Zeit schließlich darum, dass beide Seiten sich kennenlernen. Und dass ich das System von innen anders wahrnehmen würde als von außen, war ja völlig klar. Ich war anfangs vorsichtig, aber ich habe mich nicht unwohl gefühlt.

Frage: Sie haben später erzählt, dass Sie den Domvikaren gesagt haben: "Mein Kleiderschrank gibt nicht so viel Schwarz her wie eurer, da müsst ihr euch dran gewöhnen." Wie haben die reagiert – und haben sie sich mittlerweile daran gewöhnt?

Drießen: Sie haben sich dazu nie wieder geäußert. Und was heißt: daran gewöhnt? Sie müssen damit leben, genauso wie Menschen jetzt damit leben müssen, dass manchmal eine Frau mit hohen Schuhen unter ihrer Albe durch den Altarraum läuft, was Aufmerksamkeit erregt. Ich besitze schlicht nicht so viel Schwarz wie sie. Als wir zum ersten Mal zusammenstanden, ist das aufgefallen; deshalb habe ich es damals so gesagt.

Frage: Wie haben die Domvikare und Domkapitulare Sie denn aufgenommen? Hatten Sie das Gefühl, sie sind grundsätzlich offen für die neue Konstellation?

Drießen: Das Gefühl hatte ich auf jeden Fall. Ich wäre wohl schon nicht mehr da, hätte ich ganz viel Gegenwind zu spüren bekommen. Ich denke, das Domkapitel und der Dompropst haben vorher gut überlegt, ob und wie sie diesen Schritt gehen wollen. Da geht es schließlich nicht nur darum, für was für einen Typ Frau oder Mann sie sich entscheiden, sondern vor allem um die grundsätzliche Idee hinter dieser Stelle. Sie waren sich wohl einig darin, dass sie es mit der ersten Gemeindereferentin am Paderborner Dom probieren wollten.

Frage: War es nicht auch einschüchternd, allein so vielen Klerikern in Schwarz gegenüber zu sitzen?

Drießen: Ich weiß nicht, ob das überheblich klingt, aber: nein. Ich mag so etwas, weil ich an der einen oder anderen Stelle gerne in die Konfrontation oder vielleicht auch in die Provokation gehe. Ich habe vor vielen Dingen – und ich glaube, das ist auch mehr als angebracht – sehr viel Respekt. Aber das sind in erster Linie doch einfach Kollegen, die mit mir das geistliche, spirituelle und Glaubensleben an diesem Ort gestalten dürfen.

Frage: Eine Frage, mit der Sie sich dann gemeinsam beschäftigen mussten, war, ob und wie Sie im Altarraum sichtbar sein sollten. Denn diesen Raum nehmen neben Lektoren und Kommunionhelferinnen immer noch in erster Linie Kirchenmänner ein. Wie haben Sie darüber diskutiert und mit welchem Ergebnis?

Drießen: Mich hatten mehrere Menschen darauf angesprochen, die die Situation am Altar aus dem Kirchenschiff heraus wahrnehmen. Deswegen habe ich die Frage mit den Kollegen besprochen. Von uns aus wären wir sonst wohl gar nicht so schnell darauf gekommen. Wir haben dann gemeinsam beschlossen, dass es sinnvoll ist, wenn ich zu bestimmten Anlässen und Veranstaltungen im Altarraum sichtbar bin. Weil die Domgemeinde aber keine nach unserem Verständnis klassische Gemeinde ist, ist auch nicht automatisch das Verständnis dafür da, warum. Nach dem Motto: "Ach, die Frau ist bestimmt die Gemeindereferentin dieses Ortes." Draußen am Dom gibt es digitale Schaukästen, in denen wir alle mit unseren Gesichtern auftauchen. Wer aufmerksam ist, erkennt mich vielleicht wieder. Aber ich war mir mit den Kollegen sehr einig, dass ich, wenn ich im Altarraum auftauche, immer auch eine Funktion haben sollte. Ich bin dann Lektorin oder Kommunionhelferin.

Joana Drießen am Mikrofon

Frage: Bei diesen Gelegenheiten stehen Sie in einem liturgischen Gewand da, in einer weißen Albe. Unter den Kirchenmännern fallen Sie also auf. Was für Rückmeldungen haben Sie dazu bekommen?

Drießen: Ich bin erstaunt darüber, dass es überhaupt Rückmeldungen gibt. Dass Menschen sich die Mühe machen, zu uns zu kommen und zu sagen: "Es ist so gut, dass du jetzt da oben stehst." Oder: "Was für ein schönes Bild: Alle standen vorm Tabernakel und du in der Mitte in diesem weißen Gewand." Natürlich treten da Dinge optisch hervor, die es in dieser Form bisher nicht als Bild gegeben hatte.

Frage: Ein bisschen wie zu Kanzlerinnen-Zeiten von Angela Merkel, wenn sie mit ihren bunten Blazern beim G7-Gipfel als einsamer Farbtupfer unter lauter Anzug-Trägern stand?

Drießen: Vielleicht – wobei Frau Merkel selten weiß getragen hat … Auf jeden Fall fühlt es sich gut an. Nicht auf meine Person selbst bezogen, sondern einfach die Tatsache, dass wir an dieser Stelle Aufmerksamkeit schaffen. Dass wir da an etwas rütteln, das die Leute offensichtlich mit wachen Augen wahrnehmen und sich dann trauen, etwas dazu zu sagen. Gleichzeitig war ich wirklich überrascht, dass das noch so eine Rolle spielt.

Frage: Wobei das Thema Frauen in der katholischen Kirche, ihr Zugang zum Altar und in Weiheämter, noch immer Aufreger-Themen ist. Manche halten sie für dringend und wünschen sich Veränderung, andere langweilen diese Fragen vielleicht. Haben Sie denn auch negative Reaktionen bekommen, nach dem Motto, Sie hätten im Altarraum nichts zu suchen?

Drießen: Darauf habe ich gewartet und mich auch dafür gewappnet, aber das kam nie. Bis heute kam das nicht, und ich bin überrascht. Ich weiß nicht, ob meine Kollegen dazu irgendetwas gehört haben, aber sie haben es mir nicht weitergesagt.

Frage: Hat es denn auch etwas Emanzipatorisches, dass Sie jetzt in diesem inneren Zirkel des Paderborner Doms dabei sind und das für die Leute sichtbar ist?

Drießen: Ich glaube schon, dass das so ist. Auch wenn es weder meine noch des Teams erste Intention war, hier einen emanzipatorischen Pfahl in die Erde zu rammen und zu sagen: "Hier muss jetzt eine Frau hin."

Ich weiß nicht, wonach entschieden wurde, wen sie haben wollten oder was die Gründe waren, mir diese Stelle vorzuschlagen, ob es auch noch andere gab etc. Jetzt bin ich erst einmal da und wir alle leben mit dem, was gerade passiert. Auch da hätte es ja sein können, dass meine Vorgesetzten sagen: "Ach, du meine Güte! Das machen wir doch noch anders, das brauchen wir so nicht!" Ich glaube, dass sich viele Dinge mit der Zeit noch zeigen werden.

Frage: Ihre Arbeit dreht sich jetzt seit einem Dreivierteljahr rund um den Paderborner Dom. Was bedeutet Ihnen dieser Dom mittlerweile?

Drießen: Ich muss immer schmunzeln, wenn Menschen davon beeindruckt sind, dass ich einen Schlüssel für den Dom habe und überall hereinkann: "Bist du dir eigentlich bewusst", frage ich mich dann, "welche Verantwortung offensichtlich für andere Menschen daran hängt?" Der Dom ist ein Wahrzeichen, auch ein touristischer Ort, zu dem sich Menschen hingezogen fühlen. Es ist einfach eine große Kirche, die ihre Geschichte hat. Ich hatte bisher keine Geschichte mit diesem Dom. Aber meine Geschichte mit dem Paderborner Dom hat jetzt angefangen. Manche Menschen sagen über den Dom, er sei ihr Zuhause. Das berührt mich sehr, das bewegt mich. Für mich ist das noch nicht der Fall. Ich weiß nicht, ob es einmal so sein wird. Auf jeden Fall wird der Dom lebendig in dem, was ich bisher dort erlebe. Er bekommt Gestalt für mich.

Frage: Haben Sie denn einen Lieblingsort im Paderborner Dom?

Drießen: Nein. Aber ich mag den Paderborner Dom zu einer bestimmten Tageszeit besonders gern, nämlich abends, wenn keiner mehr da ist. Es ist ein großes Privileg, auch im Dunkeln, wenn nichts mehr los ist, in den Dom gehen zu können. Als ich das erste Mal aus Versehen abends allein im Paderborner Dom geblieben bin, hat mich das sehr beeindruckt.

Unser Netzwerk

kna-katholisch-swarm-node2 (0.002s)