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Vor Heiligsprechung von Carlo Acutis

Judaist: Kirche sollte Kontext von Hostienwundern bewusst machen

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Der Leib des Herrn ausgestellt in einer Monstranz.
Wien - Am Sonntag wird Carlo Acutis heiliggesprochen. Sein bekanntestes Werk ist ein Verzeichnis eucharistischer Wunder. Der Luzerner Judaist Christian Rutishauser fordert nun: Die Kirche sollte diese Geschichten stärker einordnen – und in den Dialog gehen.

Der Luzerner Judaist und Jesuit Christian Rutishauser rät angesichts der Heiligsprechung von Carlo Acutis zu einer Reflexion des Umgangs der Kirche mit Hostienwundern. "Die Wundererzählungen, die Carlo Acutis gesammelt hat, sind historisch gesehen oft Teil des christlichen Antijudaismus", schreibt er in einem Beitrag für das Portal "Feinschwarz" am Montag. Acutis (1991-2006) hatte ein Online-Verzeichnis eucharistischer Wunder erstellt, das bis heute im Internet und als physische Ausstellung zu sehen ist.

Es sei "die Aufgabe der Kirche, die Gläubigen aufzuklären und ihnen den historischen Kontext dieser Wundergeschichten bewusst zu machen", so Rutishauser. "Zu leicht wird latenter Antijudaismus wieder aktiviert." In den Geschichten geht es unter anderem um Hostien, die von Juden geschändet worden seien, aber nicht vernichtet werden konnten. "Aus ihnen fließt Blut zum Zeugnis, dass sie Leib Christi sind, oder sie verwandeln sich in eine Realpräsenz des Auferstandenen, indem sie leuchten und fliegen." Die Hostienwundernarrative hätten in der Geschichte "immer wieder zu Gewaltexzessen geführt". Sie seien oft Motivation für Pogrome gewesen, so der Judaist. Acutis habe die Erzählungen neutralisiert und statt von Juden etwa von "Ungläubigen" gesprochen. "Dennoch verletzen die Erzählungen die kollektive, jüdische Erinnerung, denn die Verfolgung durch Christen, die mit den eucharistischen Wundern legitimiert wurde, ist fest im Geschichtsbewusstsein des jüdischen Volkes verankert."

Rutishauser ruft dazu auf, proaktiv auf jüdische Partner zuzugehen. "Die christliche Glaubensfreude an der Heiligsprechung von Acutis darf nicht mit Kollateralschäden für die Juden einhergehen." Schon die Selig- und Heiligsprechung von Edith Stein habe Irritationen ausgelöst, da "die Nazis sie als Jüdin und nicht als Christin umgebracht haben". Dies gelte es zu vermeiden. "Dialogkompetenz besteht darin, ohne den eigene Glaubensüberzeugung zu schmälern und die Differenz zu verleugnen, Sensibilität für den anderen zu zeigen."

Schon vorher Kritik

Im Juni hatte bereits der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, mit Blick auf die Hostienwunder Kritik an der Heiligsprechung Acutis' geäußert. Antijüdische Aspekte im Kontext Eucharistischer Wunder seien bei der Entscheidung der Kirche nicht bedacht worden, meinte er. Der Trierer Liturgiewissenschaftler Marco Benini hielt die Vorwürfe dagegen für überzogen. Es gehe bei der Heiligsprechung nicht um mittelalterliche Wunder, sondern um "die Heiligsprechung eines fünfzehnjährigen Jungen, der das gesammelt hat".

Carlo Acutis hatte sowohl eine Begeisterung für den Glauben wie auch für die Informatik gezeigt. Er erstellte unter anderem Webseiten für seine Pfarre, seine bekannteste Seite ist jedoch das Verzeichnis eucharistischer Wunder. 2006 starb er an Leukämie. Am Sonntag wird er heiliggesprochen. (cph)

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