Kein Vertrauen auf das Wort
Am Reformationstag hatte der deutsche Fernsehzuschauer gleich dreimal die Gelegenheit, zentrale Veranstaltungen zum Beginn des großen Gedenkjahrs "500 Jahre Reformation" live mitzuerleben. Ein Vergleich des Gottesdiensts mit Papst Franziskus und der Spitze des Lutherischen Weltbunds (LWB) in Lund und der Doppeleröffnung in der Berliner Marienkirche und im Konzerthaus zeigte bemerkenswerte Unterschiede in den jeweiligen Akzentsetzungen.
Die Feier in Lund war geprägt von einer stimmigen, bis ins Detail abgestimmten Liturgie mit den Elementen Dank, Buße und Verpflichtung. Der Papst und LWB-Generalsekretär Martin Junge hielten kurze, aber inhaltsreiche Predigten, die das Nachlesen lohnten. Eine Gemeinsame Erklärung wurde unterzeichnet, das Anliegen der Versöhnung im Friedensgruß ausgedrückt. Bei den Mitwirkenden wurde ohne viel Aufhebens deutlich, dass hier zwei weltweite Kirchen zusammenkamen.
Im deutlichen Kontrast dazu folgte der Gottesdienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der Dramaturgie "ein Kessel Buntes". Viele Personen durften einige Sätze sagen, die man gleich hinterher wieder vergessen hatte. Quasi im Zentrum stand die Verleihung der Martin-Luther-Medaille der EKD an den emeritierten Mainzer Kardinal Karl Lehmann – eine zweifellos gewichtige ökumenische Geste, deren Platzierung in einem Gottesdienst gleichwohl Fragen aufwirft. Zum faktischen Höhepunkt wurde die Verleihung auch deshalb, weil die Predigt, eigentlich das Kernstück einer protestantischen Feier, nicht funktionierte. Der Berliner Bischof Markus Dröge verband sie mit Ortswechseln ('rauf auf die Kanzel, 'runter von der Kanzel) und Methodenwechseln (Ansprache – Interview), ohne dass dabei eine Botschaft vermittelt wurde.
Der anschließende Staatsakt setzte die Potpourri-Methode mit sehr unterschiedlichen Musikeinlagen, Einspielfilmen, drei Reden und einem abschließenden Wunschkonzert fort, hatte aber eine Mitte: die nachdenkliche, durchaus inhaltsreiche Festrede von Bundespräsident Joachim Gauck über die Auswirkungen der Reformation für "unser Gemeinwesen" bis in die Gegenwart. Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, was man zuvor in der Marienkirche vermisst hatte.
Ob das der Eindruck war, den die evangelische Kirche zu Beginn ihres Jubiläumsjahres vermitteln wollte? Staat und Kirche Hand in Hand, wobei die Kirche auf die Macht des Wortes nicht mehr vertraut, während ein früherer evangelischer Pastor als Staatsoberhaupt die säkular gewendete Deutung des Ereignisses übernimmt? Deutlicher hätte die EKD die von ihrem ehemaligen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber häufig – und durchaus selbstkritisch – festgestellte "Selbst-Säkularisierung" kaum inszenieren können.