Keine "Eiszeit" in der Ökumene
Feige bezeichnete den Prozess als eine "Reinigung des Gedächtnisses" und "Heilung der Erinnerungen". Eine Arbeitsgruppe denke derzeit darüber nach, welches konkrete Zeichen ein geeigneter Ausdruck dafür sein könne. Er halte es zudem für hilfreich, darüber hinaus auf der Ebene der Gemeinden die Geschichte der evangelischen und katholischen Christen vor Ort mit ihren Konflikten und positiven Erfahrungen zu erforschen, sich zu erzählen und zu bedenken.
Der Magdeburger Bischof, der auch Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz ist, sieht die konfessionelle Spaltung in Europa und Nordamerika als "zu einem großen Teil mit dafür verantwortlich, dass Christentum und Kirche an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren haben". Feige verwies auf den Epheser-Brief, in dem es heiße: "Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält."
Klar ist, dass die katholische Kirche nicht mehr erwartet, dass alle anderen zu ihr zurückzukehren hätten
Bischof Gerhard Feige
Feige fordert daher auch die Christen von heute dazu auf, sich verstärkt um Einheit zu bemühen. Denn das Evangelium zeige, dass Jesu Jünger umso weniger die ungläubige Welt zur Erkenntnis der Wahrheit führen könne, je zerspaltener sie seien. Aus dieser Erfahrung, dass Mission zum Ärgernis werden könne, wenn Vertreter verschiedener Kirchen nebeneinander oder gegeneinander versuchen, Menschen von ihrer Richtung zu überzeugen, sei auch die moderne ökumenische Bewegung entstanden. Der Bischof verwies darauf, dass von einer "ökumenischen Eiszeit" – wie einige sie ab und zu heraufbeschwörten – keine Rede sein könne.
"Klar ist, dass die katholische Kirche nicht mehr erwartet, dass alle anderen zu ihr zurückzukehren hätten", schreibt Feige weiter. Die Kirche strebe aber eine sichtbare Einheit an und sei der Auffassung, dass die noch trennenden Unterschiede – vor allem im Kirchen- und Amtsverständnis – zuvor behoben sein müssten. Diese "Einheit" stehe unter dem Verdacht von Uniformierung, Zentralismus und Entmündigung und sei fast zu einem Schreckgespenst geworden. Stattdessen werde leider die konfessionelle Verschiedenheit als Ideal gepriesen.
Von Markus Kremser