Keine Zeit für Langeweile
2015 war ein ereignisreiches Jahr für die katholische Kirche in Deutschland. Zwar blieb sie nach dem Missbrauchsskandal und der Affäre um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in diesem Jahr von größeren Krisen verschont, langweilig waren die vergangenen zwölf Monate für die Kirche dennoch nicht. Zuallererst sorgte die Herausforderung der Flüchtlingskrise dafür, dass die Kirche kontinuierlich im Gespräch blieb - und das weit überwiegend positiv. Das große Engagement Tausender haupt- und ehrenamtlicher Katholiken sowie die finanziellen Hilfen der Bistümer und katholischer Hilfswerke brachten der Kirche viele Sympathien ein. Bis zum Jahresende wird sie fast 100 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt haben, hinzu kommen mindestens 800 mietfrei zur Verfügung gestellte Unterkünfte.
Im Zusammenhang der Flüchtlingshilfe rückte 2015 auch das Kirchenasyl neu in den Fokus. Obwohl es dabei nur um wenige hundert Fälle im Jahr geht, kam es im Frühjahr zum Streit zwischen den Kirchen und der Politik. Vor allem Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) kritisierte das Asyl und warf den Kirchen einen Verstoß gegen geltendes Recht vor. Bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in Hildesheim wehrten sich die Bischöfe gegen diesen Vorwurf: "Nochmals halten wir fest, dass sich das Kirchenasyl nicht gegen die rechtsstaatliche Ordnung richtet - im Gegenteil", so Kardinal Reinhard Marx. Wenn christliche Gemeinden Asylbewerber aufnähmen, so geschehe dies vielmehr, damit in einem konkreten Einzelfall die Rechtslage und rechtliche Ermessensspielräume noch einmal ausgelotet werden könnten.
Kompromiss beim Kirchenasyl, Reform des Arbeitsrechts
Am Ende einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Während die Kirchen in einer Vereinbarung mit dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) noch einmal betonten, dass sie sich mit dem Kirchenasyl keineswegs über staatliches Recht hinwegsetzen wollen, sicherte das BAMF wiederum zu, die Tradition des Kirchenasyls nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Im Rahmen des Kirchenasyls soll es auch weiterhin möglich sein, den Behörden Einzelfälle zur nochmaligen Überprüfung vorzulegen.
Auf weitgehend positive Resonanz in der Öffentlichkeit stieß die Reform des kirchlichen Arbeitsrechts. Nach jahrelangen Diskussionen trat das neue, liberalere Recht am 1. August in Kraft - allerdings zunächst nur in 24 der 27 deutschen Diözesen. Mit der Reform ist die Kirche vor allem auf wiederverheiratete Geschiedene und Mitarbeiter in eingetragenen Lebenspartnerschaften zugegangen. Konkret sollen arbeitsrechtliche Folgen künftig auf schwerwiegende Fälle beschränkt werden, in denen die Integrität und Glaubwürdigkeit der Kirche beeinträchtigt wird oder die "ein erhebliches Ärgernis in der Dienstgemeinschaft oder im beruflichen Wirkungskreis erregen"; Kündigungen sollen nur das allerletzte Mittel sein.
Familiensynode, Heiliges Jahr, große Papstreisen: Das vatikanische Jahr allein hatte es schon in sich. Doch auch die deutsche Kirche sorgte 2015 wieder für zahlreiche Schlagzeilen. Katholisch.de blickt auf die wichtigsten kirchlichen Ereignisse des Jahres zurück - von der Papstreise nach Asien im Januar bis zum Beginn des Heiligen Jahres vor wenigen Tagen.
Kleiner Wermutstropfen: Da die Bischöfe von Eichstätt, Passau und Regensburg Vorbehalte gegen die Neuregelung hatten, setzten sie die Reform in ihren Diözesen zunächst nicht um. Erst Mitte Oktober gaben die drei Oberhirten doch noch grünes Licht für die Reform; ab 1. Januar gilt auch bei ihnen das neue Arbeitsrecht.
Als Schritt in die richtige Richtung wurde auch die Transparenzoffensive zahlreicher Bistümer gewertet. Nach dem Limburger Skandal legten in diesem Jahr mehrere Diözesen erstmals ihre Vermögen offen - neben den Schwergewichten Köln und Paderborn zuletzt unter anderem auch die ostdeutschen Bistümer Erfurt, Dresden-Meißen, Görlitz und Magdeburg.
Kirchenneubau und drehendes Personalkarussell
Positive Schlagzeilen machte auch ein Kirchenneubau. Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem Kirchenschließungen in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, gab es aus Leipzig in diesem Jahr anderes zu vermelden. Mit der Propsteikirche, die am 9. Mai geweiht wurde, bekam die wachsende katholische Gemeinde der Messestadt eine neue Heimat.
Bewegung gab es zudem auf dem kirchlichen Personalkarussell: Hamburg und Berlin konnten 2015 neue Erzbischöfe begrüßen. An der Waterkant übernahm der bisherige Kölner Generalvikar Stefan Heße das Ruder, den prestigeträchtigen Posten in der Bundeshauptstadt bekam Bischof Heiner Koch. Dessen Wechsel nach Berlin sorgte für eine neue Vakanz im Bistum Dresden-Meißen, das damit zum Ende dieses Jahres ebenso wie Limburg und Aachen - nach dem altersbedingten Rücktritt von Heinrich Mussinghoff - ohne Bischof dasteht.
Auch die katholischen Laien stellten sich personell neu auf: Ende November wurde Thomas Sternberg zum neuen Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) gewählt. Der 63-Jährige folgte Alois Glück nach, der das Amt an der ZdK-Spitze sechs Jahre innehatte.
Für heftige Diskussionen sorgte das ZdK aber weniger mit dieser Personalie, als vielmehr mit einem Beschluss zu Ehe und Familie. Mit seiner Forderung nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sowie neuer Partnerschaften von Geschiedenen löst das Laien-Gremium im Mai eine scharfe innerkirchliche Debatte aus. Der Passauer Bischof Stefan Oster kritisierte den Beschluss der Laien als "nicht nachvollziehbar". Mit seiner Erklärung lasse das ZdK "wesentliche Aspekte des biblischen Menschenbildes" hinter sich. Auch Kardinal Marx äußerte sich ablehnend: Das Dokument des ZdK enthalte "einige Forderungen, die theologisch so nicht akzeptabel sind", so der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Die Forderungen der Laien seien mit der Lehre und Tradition der Kirche nicht vereinbar. Das ZdK blieb gleichwohl bei seiner Forderung.
Schmerzhafte Statistik, denkwürdiger Ad-Limina-Besuch
Schmerzhaft gestaltete sich für die Kirche einmal mehr die Veröffentlichung ihrer Jahresstatistik. Demnach traten im Vorjahr 217.716 Menschen in Deutschland aus der katholischen Kirche aus - ein neuer Negativ-Rekord. Dennoch blieb die römisch-katholische Kirche mit 23,93 Millionen Mitgliedern die größte Religionsgemeinschaft in Deutschland. Eine positive Entwicklung gab es bei den Gottesdienstbesuchern, deren Anteil erstmals wieder leicht stieg. Ähnliches gilt für Erstkommunionen und Eheschließungen.
Kurz vor Ende des Jahres waren die deutschen Bischöfe dann erstmals seit neun Jahren wieder zu einem Ad-Limina-Besuch im Vatikan. Dabei trafen sie auch mit Papst Franziskus zusammen. Der Pontifex präsentierte den Oberhirten bei dieser Gelegenheit eine drastische Bestandsaufnahme des kirchlichen Lebens in Deutschland. Die Beichte sei fast verschwunden, die Zahlen der Firmbewerber gingen ebenso zurück wie die Eheschließungen, Priesterweihen seien eine Seltenheiten: "Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen", so das Kirchenoberhaupt. Auch angesichts dieses Befundes kann man davon ausgehen, dass 2016 ebenfalls kein langweiliges Jahr für die katholische Kirche in Deutschland wird.