Kirchenjurist übt massive Kritik am Kirchentag
Deutliche Kritik am Selbstverständnis der Deutschen Evangelischen Kirchentage (DEKT) übt der Göttinger Staatskirchenrechtler Hans Michael Heinig. Die Kirchentage inszenierten sich fälschlicherweise als Gegengewicht zur verfassten Kirche, die Leitungsgremien seien wenig demokratisch und intransparent organisiert. Außerdem gelinge es den Veranstaltungen nicht, die Meinungsvielfalt in der Kirche abzubilden, schreibt der Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in der neuen Ausgabe der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Die gesellschaftliche Wirksamkeit sei sehr begrenzt.
"Auch von einem Aufbruch aus protestantischen Milieuverengungen kann keine Rede sein", kritisierte Heinig. Die Kirchentage zögen fast nur Menschen an, die sowieso stabile kirchliche Beziehungen pflegten. Die Sehnsucht nach moralischer Eindeutigkeit sei groß; eine kritische Auseinandersetzung mit früheren Positionen etwa zur Nato, zur sozialen Marktwirtschaft oder zum Ostblockkommunismus finde nicht statt.
Heinig: Empörung schon lange eine treibende Kraft
Heinig wirft den Kirchentagen ein widersprüchliches Staatsverständnis vor. Einerseits sei "Empörung schon lange eine treibende Kraft". Und weiter: "Der Kirchentag ist auch ein Tummelplatz für protestantische Wutbürger, für sonderliche und unversöhnliche Eiferer und Rechthaber." In ihrem Weltbild stehe das aus einem Ausgleich konkurrierender Interessen resultierende Staatshandeln geradezu für das Böse an sich.
Andererseits sieht der Kirchenjurist eine große Nähe von Kirchentagsrepräsentanten zur offiziellen Politik. "Ein Kirchentagspräsident wird Minister, ein führendes Mitglied des Bundestages wird Kirchentagspräsidentin", so Heinig. Das sei keinesfalls zu kritisieren, sondern sogar positiv zu bewerten. "Doch was soll dann die Pose des Kirchentages als basisorientierte Gegenmacht von unten?"
Heinig empfiehlt den Kirchentagen "ein entspanntes Bewusstsein der eigenen Kirchlichkeit. Er ist Teil der evangelischen Kirche, nicht ihr Gegenüber". In modernen Gesellschaften könnten Bewegungen auf Dauer keine Institutionen ersetzen. "Schon deshalb ist der Kirchentag keine Alternative zur verfassten Kirche." Der Kirchentag der Zukunft müsse sich zudem stärker "als Forum gewissenhafter Urteilsbildung des Einzelnen verstehen und weniger als kollektiver Meinungssilo". (KNA)