Leitender Pfarrer: "Brenne nach wie vor für meine Aufgaben"
Großer Verwaltungsaufwand und viel Personal. Eine Großpfarrei bedeutet Loslassen von alten Strukturen und sich Einlassen auf Neues. Das weiß Pfarrer Fabian M. Schneider aus eigener Erfahrung. Seit einem Jahr ist er Leiter einer Großpfarrei in der Erzdiözese Freiburg. Nach der Neustrukturierung der Kirchengemeinden wurden aus vielen Kirchengemeinden eine neue Pfarrei. Jetzt müssen die Priester im Team neue Aufgaben übernehmen. Das passt nicht jedem. Im Interview mit katholisch.de erklärt Pfarrer Schneider, wie es dennoch funktionieren kann.
Frage: Herr Pfarrer Schneider, Sie leiten eine Großpfarrei. Sind Sie gerne Pfarrer?
Schneider: Ich bin gerne Pfarrer. Ich brenne für meine seelsorglichen Aufgaben. Dennoch habe ich an manchen Tagen das Gefühl, dass ich den größten Fehler meines Lebens gemacht haben, denn Pfarrer einer großen Pfarrei zu sein, ist eine Herausforderung. Vor einem Jahr habe ich diese Aufgabe übernommen. Es funktioniert nicht immer alles so, wie es gedacht ist. Aber wir arbeiten daran im Team, dass wir in Zukunft gute Abläufe und Strukturen haben werden.
Frage: Was funktioniert noch nicht so gut?
Schneider: Ich wohne in Donaueschingen im Pfarrhaus und bin hier als Priester tätig. Die Leute hier denken, dass ich ihr neuer Pfarrer und wie gewohnt für diese Gemeinde da bin. Aber ich habe noch viele andere Aufgaben. Ich leite eine Pfarrei, die riesig ist.
Frage: Wie groß ist Ihre Pfarrei?
Schneider: Früher waren es 40 eigenständige Pfarreien – jetzt wurde daraus eine einzige große Pfarrei Donaueschingen, die unterteilt ist in drei große pastorale Räume. In dieser Pfarrei leben rund 36.000 Katholiken. Wir haben viele Mitarbeitende in den Kindergärten und kirchliche Angestellte in der Verwaltung. Jede Gemeinde hat ein eigenes Team aus Ehrenamtlichen, die sich um die seelsorglichen Angebote vor Ort kümmern. In der Seelsorge arbeiten mit mir sieben Priester, drei Diakone sowie zwei Gemeindereferentinnen, ein Gemeindereferent und ein Referent, der für die Laienmitarbeiter zuständig ist. Wir haben einen Pfarreirat, ein Kernteam, einen Verwaltungsvorstand und einen Pfarreivermögensverwaltungsrat. Wir arbeiten viel im Team, das finde ich gut. Wir Priester machen oft Kanzeltausch. Das heißt, ich feiere sonntags in zwei anderen Gemeinden eine Messe. Nur sind es so viele Gemeinden, dass ich noch nicht in allen war. Ich möchte aber gerne für die Menschen da sein.
Frage: Fühlen Sie sich manchmal als Gast in Ihren Gemeinden?
Schneider: Ja. Die Menschen in den Gemeinden sagen das genauso: "Jetzt war der Pfarrer auch mal bei uns." Die sehen das als Wertschätzung, wenn ich sie besuche und mit ihnen Gottesdienst feiere, und sie kennen lernen möchte. Aber ich bin oft nur der Gast. Vor Ort sind zum Teil noch andere Priester, die dort wohnen. Sie sind der erste Ansprechpartner für die Menschen dort und genießen ihr Vertrauen. Aber von der Funktion her bin ich der Pfarrer. Die Priester in den Gemeinden sind nur noch Kooperatoren. Das passt nicht allen so.
Frage: Worin liegt das Problem?
Schneider: Gerade für die Priester, die früher selbst einmal Pfarrer waren und vieles allein bestimmen konnten, ist es schwer, loszulassen und in die neuen Strukturen hineinzufinden. Viele waren früher Einzelkämpfer. Das heißt, sie konnten selbst bestimmen, ob sie ein neues Messgewand kaufen oder nicht. Aber das geht alles nicht mehr. Jetzt gibt es keine Entscheidungen mehr im Alleingang, denn jetzt gibt es ein zuständiges Finanzteam. Bei größeren Sachen muss es informiert sein. Da geht schon mal was schief.
Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?
Schneider: Zum Beispiel bereitet eine Gemeinde ein Fest zu einem Kirchenjubiläum gemeinsam mit dem Priester vor Ort, dem Kooperator, vor. Dazu planen sie das Fest und laden einen Festprediger ein. Davon erfahre ich aber erst aus dem Pfarrblatt. Dann sage ich schon: "So geht das nicht. Darüber müsst ihr mich informieren." Als Pfarrer bin ich für die Kooperatoren zuständig. Sie müssen mir nicht alles mitteilen, was sie in ihren Gemeinden gemeinsam mit den Ehrenamtlichen planen. Nur bei den größeren Sachen müssen sie mir Bescheid geben. Es ist eine Herausforderung für die Teams und die Kooperatoren, in einer Gemeinde herauszufinden, was ich wem mitteilen muss und was man ohne mein Wissen entscheiden kann. Aber ich kenne das aus meiner Zeit als Vikar. Ich habe solche Fehler ebenso gemacht. Jetzt denke ich mir, dass ich jetzt dafür büßen muss. (lacht.)
Frage: Geht es bei den Priestern in den Gemeinden um das Loslassen von Macht?
Schneider: Ja, für manche ist es eine Entmachtung. Sie sagen mir es auch so: "Ich habe keine Macht mehr und bin zu einem Vikar zurückgestuft worden." Ich werde nicht müde, den Priestern zu sagen: "Wir sind auf Augenhöhe, du bist nicht mein Vikar. Ich brauche dein seelsorgliches Wissen, ich brauche dich als erfahrenen Seelsorger." Manche haben trotzdem die Sorge, dass diese Strukturveränderung in der Diözese auch das Priesterbild insgesamt wandelt. Sie denken, dass keine Priester mehr nachkommen wollen, weil sie nur noch Kooperatoren sein dürfen. Sie denken, es werde etwas vom Priesteramt genommen. Sie wurden Priester, weil ihnen diese Leitungsvollmacht, diese Leitungsverantwortung, zugesprochen wurde. Diese Macht haben sie durch die neuen Strukturen verloren. Ich sage ihnen aber immer wieder: "Du bekommst von mir keine Befehle. Du hast doch noch immer die gleiche Mitverantwortung wie die anderen auch." Aber das ist ihnen zu wenig. Es ist ein Lernfeld für uns alle, weil es bedeutet, Altes loszulassen. Ich sehe es als Chance.
Frage: Alle Priester in Ihrem Team dürfen den Titel "Pfarrer" weiterhin behalten?
Schneider: Ja, die Pfarrer dürfen ihre Titel behalten. Den Pfarrer-Titel möchten wir ihnen nicht wegnehmen. Die Gläubigen dürfen sie nach wie vor so ansprechen. Denn von außen werden sie weiterhin als Pfarrer wahrgenommen. Sie haben durch ihre lange Arbeit in der Gemeinde viel Vertrauen bei den Menschen gewonnen. Da ist eine pastorale Nähe da. Das darf so sein. Aber gleichzeitig ist dieser Pfarrer nun Kooperator und muss neue Aufgaben in anderen Gemeinden übernehmen. Manche tun sich schwer damit. "Der Herr Pfarrer bin ich jetzt nicht mehr. Der Pfarrer sitzt jetzt woanders", sagen sie dann. Ja, in einer Pfarrei gibt es nur einen Pfarrer. Und der bin ich. Andere wiederum können mit dem neuen Konzept für Pfarreien sehr gut mitgehen. Sie lassen sich darauf ein, sind vor Ort sehr engagiert und bringen sich aktiv in die Pfarrei ein. Wir werden noch ein paar Jahre brauchen, bis es gut bei uns läuft. Das Verständnis für diesen Prozess ist mittlerweile bei mir gewachsen.
Frage: Sie haben sieben Priester im Team, um in 40 Gemeinden Gottesdienste zu halten. Sind das zu wenige?
Schneider: Ja. Erst kürzlich ist ein Priester der Pfarrei verstorben. Der fehlt jetzt zusätzlich. Ich blicke auf unsere Diakone und Laienmitarbeiter, die mit viel Einsatz ihren Dienst erfüllen. Sie gestalten zum Beispiel Wortgottesfeiern mit der Gemeinde, allerdings ohne Kommunion. Das ist bei uns nicht üblich. Zwar kommen weniger Leute dorthin, aber es ist ein schönes Angebot, dass die Gemeinde zusammenkommt, um gemeinsam zu beten und zu singen. Wir haben viele engagierte Teams aus Ehrenamtlichen, die darum kämpfen, dass ihre Kirchen vor Ort erhalten bleiben. Das soll auch so bleiben. Denn wir wollen nichts verändern oder zerstören, was da gewachsen ist. Wir haben Pfarrbüros vor Ort, weil die Pfarrsekretärinnen wichtige Ansprechpartnerinnen und oft der erste Kontakt für die Menschen in den Gemeinden sind.
Frage: Kostet Ihnen die Arbeit in einer Großpfarrei viel Kraft?
Schneider: Ich bin Pfarrer von fast 40.000 Katholiken. Das hat etwas Erdrückendes, und gleichzeitig gibt es enorme Kraft. Wir haben im Sommer das erste Mal einen Gottesdienst als große Pfarrei mit rund 1.000 Menschen in der Arena in Geisingen gefeiert. Es war wunderschön zu sehen, dass wir zusammengehören. Seit kurzem haben wir ein gemeinsames Pfarrblatt aller Gemeinden in der Pfarrei. Das sind alles kleine Erfolge. Ich bin jetzt 26 Jahre Priester und brenne nach wie vor für meine Aufgabe. Also ich bin noch nicht so weit, zu sagen: "Herr Erzbischof, bitte suchen Sie sich einen anderen Pfarrer." Ich mache weiter, denn wir sind als Kirche gemeinsam unterwegs.