Leuchtende Madonna
Seit Mitte Januar strahlte allabendlich in ihrem Wohnzimmer in Haus Nummer 30 an der Durchgangsstraße eine Gipsstatue der Madonna von Banneux, dem 14 Kilometer entfernten Marienwallfahrtsort. Das Phänomen zog seit Erscheinen der ersten Meldungen in der Lokalpresse immer mehr Schaulustige an: erst ein Dutzend, dann 30 bis 50, dann Hunderte. In dieser Woche schoben die Behörden einen Riegel vor.
Man habe die Figur an einen unbekannten Ort verbracht, teilte die Bürgermeisterei Jalhay in bestem Amtsfranzösisch mit. "Maßnahme: Statue entfernt. Ziel: die Ruhe der Anwohner zu gewährleisten; Schäden an der Statue zu verhindern". Nun soll das Phänomen in der Provinzhauptstadt Lüttich wissenschaftlich analysiert werden. Deren Bischof Jean-Pierre Delville veranlasste eine kirchliche Untersuchung. Die Inhaber, das Rentnerehepaar Lefloch, erklärten, sie besäßen das Marienabbild bereits seit 15 Jahren, und es habe sich früher nie etwas Ähnliches zugetragen.
Besucherstrom musste vor dem Wohnhaus kanalisiert werden
Inzwischen sind am Haus fast alle Absperrgitter abgebaut, mit denen die Polizei zeitweilig den Besucherstrom kanalisieren musste. Nur an einem hängt noch das amtliche Schreiben von Bürgermeister Michel Fransolet, das auf Bürokratisch klarstellt: Maria wohnt nicht mehr hier. Tatsächlich sind die zwei Straßen von Sart-Station an diesem Vormittag wieder verödet. In der benachbarten Autowerkstatt winken die Männer nur ab bei der Frage nach der Madonna, und auch die Ladenbesitzerin im Hauptort Sart meint nur: "Oh, was für ein Zirkus!"
Nun hat also die Wissenschaft das Wort, namentlich Quantenphysiker und weitere Experten der Universität Lüttich. Die örtliche Presse spekuliert vorab, es müsse sich, wenn nicht um ein Wunder, entweder um Phosphoreszenz oder um Elektrolumineszenz handeln. Bei letzterer, auch Destriau-Effekt genannt, gibt ein Körper, der unter elektrischer Spannung steht, elektromagnetische Strahlung ab, zum Beispiel in Form von Licht. Eine Spätfolge dieses 1936 im Zuge der Forschungen Marie Curies entdeckten Phänomens ist die Entwicklung der heute verbreiteten Leuchtdioden (LED).
Bei der Phosphoreszenz leuchtet ein Stoff im Dunkeln nach, wenn er zuvor selbst von Licht bestrahlt wurde. Er gibt die so erlangte Energie auf diesem Wege langsam wieder ab - eingesetzt etwa bei nachleuchtenden Warn- und Ausgangsschildern. Auf der Ebene von Elektronen entstehen bei der Bestrahlung Schwingungen, die durch Abgabe von Energie, also etwa durch Leuchten, abklingen. Eine allabendliche Schwingungsrelaxation also? Arme Maria. Aber warum erst jetzt, nach 15 Jahren?
Erscheinungen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und sozialen Krisen
Sozialhistoriker haben Marienerscheinungen und -phänomene in zeitlichen Zusammenhang mit wirtschaftlichen und sozialen Krisen in ohnehin strukturschwachen Regionen gesetzt. Im nahe gelegenen Banneux etwa erschien 1933, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, der Überlieferung nach die Gottesmutter Maria insgesamt acht Mal einem elfjährigen Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Sie soll sich dabei als "Jungfrau der Armen" vorgestellt haben. Heute kommen jährlich bis zu 500.000 Menschen in den Wallfahrtsort.
Allerdings: Eine stumm leuchtende Madonna erschließt sich im Kommunikationszeitalter nicht unmittelbar. Weinende Marienstatuen können für Tränen über den Zustand von Gesellschaft und/oder Kirche stehen. Verbale Botschaften gar, klar oder unklar, kann man zu deuten versuchen. Aber stumm leuchtend? Bei der Zeitung "Le Soir" meldete sich unterdessen ein weiterer Leser aus der Region Verviers. Beim Aufräumen im Keller habe er unter anderem eine Marienstatue aus Banneux gefunden, die leuchte auch. Seinen Wohnort wollte er jedoch nach den Erfahrungen der Leflochs nicht verraten.
Von Alexander Brüggemann (KNA)