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Eine Frau überwindet die Konventionen ihrer Zeit

Luise Hensel: Konvertitin, Dichterin und romantisches Ideal

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Bonn - An beeindruckenden Frauen mangelt es der Kirche nicht, manche von ihnen sind nur heute nicht mehr so bekannt. Ein gutes Beispiel dafür ist Luise Hensel, die gleich mehrere Leben lebte und ihren Glauben in Wort und Tat umzusetzen verstand.

Wer Franz Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" hört, kann die Gefühlslage der Texte von Wilhelm Müller leicht nachvollziehen: Ein junger Müller verliebt sich in eine "schöne Müllerin", aber seine Liebe wird nicht erwidert: "Herzliebste, das Vergessen, / Es kommt dir ja nicht schwer – / Willst du den Müller wieder? / Vergisst dich nimmermehr." Nun ist es kein Zufall, dass ein Herr Müller (von dem übrigens auch der Text zu "Das Wandern ist des Müllers Lust" stammt) über einen Müller mit Liebeskummer schreibt – er meint sich selbst. Auch die "schöne Müllerin" hat ein reales Vorbild: Luise Hensel, eine außergewöhnliche Frau, die wie ein Bindeglied zwischen Kunst, Glauben und Leben steht.

Geboren wird die nach der preußischen Kaiserin benannte Luise 1798 im brandenburgischen Linum, ihr Vater arbeitet dort als evangelischer Landpfarrer. Sein Tod 1809 entzieht der Familie die Lebensgrundlage, die Mutter zieht mit ihren Kindern nach Berlin. Luise muss mit Stickarbeiten zum Auskommen des Haushalts beitragen, ihr Bruder Wilhelm zeichnet. Sein Talent spricht sich bald herum und er verdient genug, um die Familie über Wasser zu halten. Er wird später die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy heiraten, Fanny Hensel.

Durch sein Talent hat Wilhelm bald Zugang zu den Berliner Salons und nimmt seine Schwester dorthin mit. Luise zieht durch ihr Aussehen und ihren Charakter die Blicke auf sich, sie gilt als das romantische Ideal der Frau. Viele junge Männer werben um sie; neben Müller ist das unter anderem Clemens Brentano, zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mal geschieden und 20 Jahre älter als sie. Er schreibt ihr durchaus eigenwillige Liebesbriefe, etwa: "Ich muss in diesem Augenblick denken und fühlen und es ist mir, als wär's wahrhaftig so, nämlich als wäre meine Brust ein Badezuber und Deine Füße stünden badend und plätschernd in meinem Herzen, und Du sagst: endlich krieg ich warme Füße." Doch Hensel weist ihn und alle anderen Verehrer ab, um einen anderen Weg zu gehen: Sie ist eine tiefgläubige junge Frau und schreibt schon als Jugendliche Gedichte. Bereits im Alter von 18 Jahren schreibt sie das Gedicht, das später einmal ihr berühmtestes werden sollte:

"Müde bin ich, geh’ zur Ruh’,
Schließe beide Äuglein zu;
Vater, lass die Augen dein
Über meinem Bette sein!"

Die getaufte Protestantin zieht es zum Katholizismus. Beichte, Buße, Heiligenverehrung – damit kann Hensel etwas anfangen, ihre eigene Konfession kommt ihr dagegen etwas "lau" vor. 1818 wird sie katholisch. Im gleichen Jahr erscheinen auch erstmals Gedichte von ihr – anonym in einer Zeitschrift. Die Gedichte hatte sie eigentlich nur für sich in ihr Tagebuch geschrieben, eine Veröffentlichung hatte sie nicht im Sinn. Freunde von ihr zeigen sich aber schnell begeistert von den schlichten, innigen Texten und ermuntern sie, diese drucken zu lassen. Doch erst, als auch der damalige Paderborner Bischof Konrad Martin dafür plädiert, willigt sie 1829 in die Veröffentlichung ein. Ein wichtiger Unterstützer ihrer Lyrik wird Brentano, mit dem sie lebenslang verbunden bleibt und der genau wie sie den Weg zum Katholizismus findet.

Ein unstetes Leben

Um ihre Familie wegen ihrer Konversion nicht ins Gerede zu bringen, verlässt Luise Berlin und geht zunächst nach Münster, dann nach Düsseldorf. Dort legt sie 1820 vor einem Jesuitenpater das Keuschheitsgelübde ab. Sie wechselt nun häufig den Wohnort, arbeitet als Gesellschafterin sowie Lehrerin und engagiert sich karitativ. Außerdem kümmert sie sich zeitweise um den Sohn ihrer verstorbenen Schwester.

Luise Hensel ist mit anderen bekannten Katholiken ihrer Zeit – vor allem Frauen – auf vielfache Weise verbunden. Das gesellschaftliche Leben an sich schätzt sie dagegen nicht besonders. In einem Brief aus dem Jahr 1823 hofft sie, bald "vergessen zu werden" und keine Einladungen zu Gesellschaften mehr zu bekommen. Sie sieht ihr Wirkungsfeld anderswo: "Wenn ich irgend einem Menschen dienen kann, so versteht sich's ja, dass ich es gern tue, denn dem Herrn und meinem Nächsten gehören ja meine geringen Kräfte." Sie ist unter anderem mit der Ordensfrau Anna Katharina Emmerick in Dülmen befreundet. Die erfährt laut eigener Aussage mystische Visionen, bekommt die Wundmale Jesu und durchleidet jeden Freitag die Passion Christi. Dadurch erregt sie überregional Aufsehen und sorgt sogar für das Interesse der preußischen Behörden, die den Fall untersuchen. Am Bett von Emmerick trifft Hensel dann auch Brentano wieder, der sich mehrere Jahre in Dülmen aufhält und sowohl Emmerick als auch Hensel porträtiert. Nach dem Tod Emmericks kümmert sich Hensel um deren Nachlass. Brentano bittet sie, dies auch für den seinen zu tun.

In Düsseldorf erinnert heute eine Plakette an den Aufenthalt von Luise Hensel.

In Koblenz gründet sie ein katholisches Krankenhaus, das von einem Frauenorden übernommen wird. Fünf Jahre lang wirkt sie danach als Lehrerin an der Aachener Mädchenschule St. Leonhard. Dort unterrichtet sie unter anderem Clara Fey, Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt – alle drei gründen später eigene karitative Ordensgemeinschaften und werden seliggesprochen. Auch viele weitere ihrer Schülerinnen fühlen sich von Luise Hensels Persönlichkeit eingenommen und werden Ordensfrauen. Hensel selbst spielt ihr Leben lang mit dem Gedanken, einem Orden beizutreten, deshalb hat sie ursprünglich das Keuschheitsgelübde abgelegt. Doch sie hat schlicht zu viel zu tun, weil sie sich unter anderem um ihren Neffen kümmern muss. In späteren Jahren fühlt sie sich zu alt für das Ordensleben – hält jedoch regen Kontakt zu vielen Ordensschwestern.

Keine Zeit zum Dichten

Hensels Leben bleibt unstet: Sie zieht regelmäßig um, arbeitet mal als Erzieherin und pflegt dann wieder Angehörige. Selbst, als sie sich eigentlich der Ruhe wegen aufs Land zurückziehen will, kann sie nicht von ihrer Arbeit lassen. Zum Dichten bleibt ihr keine Zeit oder sie nimmt sie sich nicht. Die meisten und bekanntesten Gedichte von ihr bleiben die ihrer Jugendzeit. Zum Ende ihres Lebens geht Hensel zu ihrer ehemaligen Schülerin Pauline von Mallinckrodt nach Paderborn, wird von ihr gepflegt und stirbt 1876.

In den Gedichten von Luise Hensel spielt der Glaube eine ganz entscheidende Rolle, sie begründen ihren Ruf als eine der bedeutendsten religiösen Dichterinnen ihrer Zeit. Hensel selbst empfindet ihre Texte als "Lieder, die eigentlich nur Gebete waren und nie für die Öffentlichkeit bestimmt". Neben ihrem bekanntesten Text "Müde bin ich, geh’ zur Ruh’" lässt sich auch in anderen Gedichten eine tiefe Frömmigkeit erkennen:

"Immer muss ich wieder lesen
In dem alten heil'gen Buch,
Wie der Herr so sanft gewesen,
Ohne Arg und ohne Trug."

Sie reflektiert dabei auch ihre eigene Rolle als Autorin und nimmt das Motiv der Engelszungen auf, die Gott nicht genug preisen können:

"Ich weiß ja keine Weisen,
Den Herren so zu preisen,
Den Vater, treu und mild,
Wie meine ganze Seele
Ihm singt und jauchzt und spielt."

Ihr Leben lang arbeite Luise Hensel und verdient ihr eigenes Geld. Überwiegend kann sie ihren Unterhalt eigenständig bestreiten und unabhängig von ihrer Familie ihre Vision eines gelingenden Lebens umsetzen. Damit schafft sie, was für Frauen ihrer Zeit nicht nur unüblich, sondern geradezu unmöglich ist. Hensel muss dafür oft kämpfen; ohne versorgenden Ehemann ist sie auf verschiedene Wohnorte und Tätigkeiten angewiesen.

Eine Vorkämpferin für Frauenrechte ist sie dabei allerdings nicht. Das Machtverhältnis von Männern und Frauen, die Verfasstheit von Gesellschaft und Kirche hinterfragt sie nie. Die im Innern konservative Luise Hensel lebt ein außergewöhnliches Leben, ohne zur politischen Schablone zu taugen. Neben den Ordensgründungen ihrer Schülerinnen, ihrer Arbeit im karitativen Bereich und für den Nachlass von Katharina Emmerick bleiben von ihr Texte tiefer Religiosität, die das Andenken ihrer Autorin überstrahlen.

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