Nach Mainzer Missbrauchsstudie: Kohlgraf will Aufarbeitung fortsetzen
Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will die Aufarbeitung von Missbrauch fortsetzen. Auch nach der Anfang März vorgestellten Missbrauchsstudie für das Bistum sei weiter von einem großen Dunkelfeld auszugehen. "Ich bin sicher: Das Schweigen ist weiter groß, Betroffene können sich oft nicht offenbaren, oder sie haben jedes Vertrauen verloren, dass ihr Leben für die Kirche eine Rolle spielt", schreibt der Bischof in einem Hirtenbrief, der am Wochenende in den Gottesdiensten der Diözese vorgelesen wird.
Kohlgraf wertet die Studie als einen Schritt in der Aufarbeitung. "Wir werden nicht aufhören, Menschen einzuladen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen", schreibt er. Es gehe nicht um Zahlen oder Statistiken, sondern um Menschen. Mit ihnen wolle das Bistum sprechen, um zu lernen. Dabei gehe es nicht nur um die Vergangenheit, sondern um das Leben von Menschen heute.
Der Bischof wiederholte, dass ein ganzes System versagt habe. Das kirchliche System habe Missbrauch ermöglicht und in "einem erschreckenden Maße gefördert". Kinder, Jugendliche und Schutzbedürftige müssten in der Kirche sichere Orte und Begleitung finden können. Zugleich warnte der Bischof vor einem Generalverdacht und einer "Atmosphäre des Misstrauens". Ein großer Teil der Priester, Seelsorgenden und Mitarbeitenden leiste herausragende Arbeit.
Bistum Trier: Psychologische Studie angelaufen
Derweil will die Aufarbeitungskommission im Bistum Trier die persönlichen Folgen von sexualisierter Gewalt für Betroffene mit einer psychologischen Studie analysieren. Sie werde von der Kommission finanziert und von einer Forschungsgruppe unter der Leitung der Psychologin Petra Hank verantwortet, teilte der Kommissions-Vorsitzende Gerhard Robbers am Freitag mit.
Die Studie an der Universität Trier versteht sich als Ergänzung zur bereits laufenden historischen Untersuchung zu Missbrauch in der Diözese, sagte Hank. Sie ziele darauf, die oft lebenslangen Folgen sexuellen Missbrauchs für Betroffene offenzulegen. Untersucht werden solle auch, wie Betroffene Gewalterfahrungen bewältigten, außerdem Faktoren zu Belastung und Widerstandsfähigkeit sowie mögliche Spätfolgen des Traumas. Deshalb sollen auch Kinder von Betroffenen befragt werden, außerdem ihr soziales Umfeld und Mitglieder der Kirchengemeinden, in denen die Missbrauchstaten geschahen.
Die Untersuchung läuft seit Februar und ist auf drei Jahre angelegt. Ergebnisse könnten 2026 präsentiert werden. Das Forschungsprojekt will gleichzeitig auch Beschuldigte befragen. Hier gehe es um Informationen zu Vorgehensweisen von Tätern und um strukturelle Bedingungen von Gewalt in kirchlichen Einrichtungen. Die Studienautoren hoffen dazu auf eine Kooperation von Beschuldigten.
Die Forschungsgruppe ruft Betroffene, deren Kinder, aber auch Mitglieder von Kirchengemeinden, in denen Missbrauch durch Geistliche oder Mitarbeitende des Bistums stattfand, zur Teilnahme an der Studie auf. (gho/KNA)