Nach vorne blicken
Nach dem Willen der neu gegründeten "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Sachsen-Anhalt" soll sich das bald ändern. Seit Mitte Dezember gibt es die Vereinigung in Magdeburg, bundesweit existieren 85 Gesellschaften, einige von ihnen seit Jahrzehnten. Ihnen geht es um die Beziehung zwischen Juden und Christen und die Förderung jüdischen Lebens in Deutschland.
Laiter, ein Mann mit dunklen Augen, Schnurrbart und vollem grauen Haar, ist Magdeburger durch und durch. 1995 kam er mit Frau und Kind aus der Ukraine nach Deutschland, seit 2012 ist er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Magdeburg. Er sitzt für die jüdische Seite im Vorstand der neu gegründeten Gesellschaft - zusammen mit jeweils einem Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche.
Religion spielt im Osten so gut wie keine Rolle
Dem 52-Jährigen geht es dabei vor allem darum, "jüdisches Leben bei uns im Osten zu etablieren. Juden zum Anfassen eben", betont er. Die Menschen in der Region wüssten nichts vom Judentum, weder in religiöser noch in kultureller Hinsicht. Da werde etwa die Synagoge mit der Moschee verwechselt. "Und selbst Politiker laden regelmäßig zu politischen Terminen am Sabbat ein - dabei dürfen wir Juden dann nicht arbeiten." Man merke immer noch, dass gelebtes Judentum in der DDR einfach nicht präsent gewesen sei.
Es ist auch ein Grund dafür, dass Magdeburg ein Spätzünder in Sachen christlich-jüdischer Verständigung ist - immerhin gab es bereits vor beinahe 70 Jahren die ersten Gesellschaftsgründungen in Berlin und Frankfurt am Main. "Die Zeit war bei uns dafür offenbar noch nicht reif", so Laiter. Und sein Mitstreiter auf katholischer Seite, Akademiedirektor Reinhard Grütz, erklärt: "Religion spielt im Osten einfach grundsätzlich so gut wie keine Rolle. Hier müssen wir alphabetisieren."
Der Vatikan hat sich in einem am Donnerstag veröffentlichten Text für eine Intensivierung des Dialogs zwischen Juden und Christen ausgesprochen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, lobte das Dokument.
Seit mehr als 1.000 Jahren gibt es Juden in Magdeburg. 2.600 Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde 1933, bei Kriegsende waren es noch 83. In der gesamten DDR gab es fünf jüdische Gemeinden mit insgesamt rund 400 Mitgliedern. Mittlerweile leben 600 Juden allein in Magdeburg, 1.300 in ganz Sachsen-Anhalt. Die meisten sind russische Muttersprachler wie Laiter.
Laiter: Wichtiger als Erinnern ist der Blick nach vorne
Ihm geht es vor allem um die Integration in den Alltag der Menschen. "Gedenkveranstaltungen wie der Holocaust-Gedenktag sind doch Routine geworden", kritisiert er. Natürlich sei Erinnern wichtig, aber noch wichtiger ist es, "nach vorne zu blicken". "Wenn wir uns immer mit gesenkten Köpfen gegenüberstehen, können wir uns nicht in die Augen schauen."
Seine These ist deshalb auch: Weniger Sicherheitsschleusen, weniger Kontrollen. Das alles trage noch mehr zur Abschottung von Juden bei und verhindere, dass sie als normaler Teil der Gesellschaft angesehen würden. "Bis vor kurzem musste man sich bei uns nicht einmal anmelden, wenn man an einem Gottesdienst im Gemeindehaus teilnehmen wollte", sagt er nicht ohne Stolz. Erst kürzlich habe man dies aufgrund der allgemein erhöhten Bedrohungslage in Deutschland aber geändert - widerwillig, wie er zugibt.
Wenn alles gut geht, wird Magdeburg auch bald wieder eine Synagoge haben. Gespräche mit der CDU-geführten Landesregierung laufen seit längerem. "Bisher scheiterte es an der Finanzierung", so Laiter. Sechs Millionen Euro könnte der Neubau kosten, zu 90 Prozent von der Landesregierung getragen. Er soll unweit der alten Synagoge, die 1938 durch Nationalsozialisten zerstört wurde, entstehen - ein Vorhaben, das auch die christlich-jüdische Gesellschaft unterstützt.
"Wir wollen gemeinsam in eine Gesellschaft ausstrahlen, in der 85 Prozent nicht religiös sind", sagt Grütz, der die Akademie des Bistums Magdeburg leitet. Mitmachen können bei der Vereinigung alle Interessierten - gleich ob Christ, Jude, Atheist oder Muslim.
Auch 65 Jahre nach der Gründung des Zentralrates der Juden in Deutschland ist für dessen Präsidenten Josef Schuster der Kampf gegen Antisemitismus die zentrale Aufgabe. Im Wissen über das Judentum sieht er noch Nachholbedarf.