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Religionspädagoge Gottfried Bitter über Ostern

Nacht des Todes, Morgen des Lebens

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Bonn - Ostern, das ist ein positives Wort. In jedem weckt Ostern positive Gedanken, Erinnerungen, Erfahrungen - an Frische, an Frühling, an Leben, an Osterglocken. Auch für Nicht-Christen ist Ostern ein Glückswort. Ostern ist vielleicht eines der fröhlichsten Worte der Menschheit. Dabei sind die biblischen Wurzeln der Osterfreude durchaus spärlich. Dabei sind die biblischen Wurzeln der Osterfreude durchaus spärlich.

Darum entstehen so viele strittige Osterfragen. Frauen, die Jesus nahe stehen, gehen am Ostermorgen zum Grab, um seinen Leichnam ritusgerecht zu salben. Aber das Grab ist leer. Ein geheimnisvoller junger Mann erklärt ihnen: "Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Er ist nicht hier. Sagt seinen Jüngern: 'Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.' Da verlassen die Frauen das Grab und fliehen, denn Schrecken und Entsetzen haben sie gepackt" (Mk 16,1-8).

Aber bald erzählen andere Evangelien von vielen Begegnungen der Freunde Jesu mit dem Auferweckten. Und Paulus zitiert als erster urchristliche Taufformeln in seinem ersten Thessalonicherbrief (1 Thess 4,14) und in seinem Philipperbrief einen Taufhymnus, der wohl schon 10 bis 15 Jahre nach dem Tod Jesu und der erfahrenen und geglaubten Auferweckung entstanden ist (Phil 2,6-11, vgl. auch 1 Thess 4,14 und 1 Kor 15,3-5) und der ganz selbstverständlich davon spricht "Jesus, das ist unser Glaube, ist gestorben und auferstanden".

Nun sagen psychologisch orientierte Oster-Skeptiker gerne: die vorösterlichen Freunde Jesu können es einfach nicht hinnehmen, dass ihr Prophet als Verbrecher endet und deuten kurzerhand die Golgotha-Katastrophe um in das Osterwunder. Nun, es ist nicht zu bestreiten: der Osterglaube als Antwort auf die Hinrichtung Jesu ist eine Zumutung für alle Erfahrung und jede Vernunft.

Naturwissenschaftliche Deutungen des Osterwunders versagen

Umgekehrt ist nicht recht einsehbar, warum einer psychologischen Deutung höhere Zuverlässigkeit zuzutrauen ist als der öffentlichen Schar der urchristlichen Zeugen, die überdies ihr Oster-Zeugnis mit dem Leben bezahlt haben. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass die außergewöhnliche Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Christentums auf einem frommen Schwindel gründet. Was hätten wohl die Zeitzeugen dazu gesagt?

Es scheint eher so, dass naturwissenschaftliche Methoden und psychologische Deutungen allein in ihrer Erklärungslogik vor dem Osterwunder versagen. Ostern ist keine tröstliche Erfindung der Jesus-Freunde. Ostern gewinnt vielmehr seine Glaubwürdigkeit über die Erfahrungen der Osterzeugen und aus der nachösterlichen Betrachtung des vorösterlichen Lebens und Wirkens Jesu; diese Betrachtung legt das Fundament des christlichen Sprechens von Jesus, von seinem göttlichen Vater und dem pfingstlichen Geist.

Das Sprechen Jesu vom lebensstiftenden Gott bewährt sich im Osterereignis und umgekehrt ratifiziert die Auferweckung des Hingerichteten die Gottesrede Jesu. Nicht von ungefähr kreist das liturgische Kirchenjahr um seine Mitte, um Ostern, um die Heiligen Drei Tage mit ihrem Oster-Zentrum: alle Sonn- und Feiertage sind Ostertage.

Wechselspiel von Fragen und Glauben

Dieses Wechselspiel von Fragen und Glauben nimmt die Oster-Liturgie auf in ihrer Feier der Nacht des Todes und des Morgens des Lebens (vgl. Mt 28,1). Denn der Osterglaube gewinnt zu allen Zeiten selten blitzartig Gestalt, sondern wächst in einer lebenslangen Geschichte des Fragens und Staunens, des Prüfens und Verwerfens heran. Es spricht für die Weisheit der Liturgie, dass sie die Oster-Beglückten und die Oster-Zweifler gemeinsam mit hinaus in die Nacht an den Beginn der Schöpfung nimmt, in der neues Feuer-Licht geschlagen wird, das die Osterkerze entzündet.

Die kosmische Dimension dieser österlichen Nacht wird ausgesprochen im Segen über das Feuer und in der Bezeichnung der Kerze: "Christus gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen." Und dann wird die Kerze in die dunkle Kirche getragen. Das eine, kleine Licht gegen die Nacht der Dunkelheit. Es ist ein Tun von verwegener Naivität, wenn jetzt der Diakon oder der Priester in die Nacht hinein ruft: "Christus, das Licht!". Und die Gemeinde erschrocken, unsicher antwortet: "Dank sei Gott".

Das ist die Situation des Osterglaubens: die scheue, schwankende Flamme des Glaubens gegen so viel Dunkelheit der Fragen. Aber wenn dann das Osterlicht von Hand zu Hand wandert, dann wird der Raum heller und heller und der Ostermut entschlossener und das noch zögerliche Herz ist bereit, dem jubelnden Osterlob eine Chance zu geben: "Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet dich. Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel".

Aufsteigen in das Leben

Es wird erlebbar: Die Osternacht ist eine performative Aktion, ihre Liturgie bewirkt das, was sie feiert: dass auch das zögerliche Herz und der noch zögerliche Kopf sich doch bald gerne das Osterlicht und die Osterfreude gefallen lassen – als eine Station auf dem lebenslangen Osterglaubensweg.

Und wenn nach dem Gang durch die Geschichte des geglaubten Heilswirkens Gottes in den biblischen Geschichten der Freudenruf "Halleluja" in dreifacher Steigerung gesungen wird, dann singt die ganze Gemeinde aus voller Kehle mit, selbst der Oster-Skeptiker summt leise mit und bezeichnet sich mit dem Kreuz, wenn das österliche Taufwasser über die Gemeinde ausgesprengt wird, das jeden an das österliche Sakrament der Taufe erinnern will, an das Hinabsteigen in den Tod und das Aufsteigen in das Leben mit dem Jesus vom Golgatha und dem Oster-Christus.

Endlich das eucharistische Mahl, es ist jetzt ganz überstrahlt vom österlichen Freudenlicht. Und dankbar lächelnd lässt sich jeder der Mitfeiernden das Heilige Brot in die Hand legen: "Der Gekreuzigte, der Auferweckte für uns, bei mir". Selten nimmt man die Aufforderung: "Geht hin in Frieden – Halleluja, Halleluja!" als Sendungswort so gerne an wie heute, denn Ostern, das ist ein Lebensversprechen für alle Menschen, eine Hoffnung über allen Tod hinaus. Und die Stimmung beim Osterfrühstück der Gemeinde ist einfach groß, österlich lachend. – Der Osterglaube ist Jahr für Jahr eine neue Zumutung; und der Ostertag ist Jahr für Jahr ein Glückstag. Ist das ein Widerspruch? Nein, das ist Oster-Weisheit.

Von Gottfried Bitter

Zur Person

Professor Dr. Gottfried Bitter CSSp (76) ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Spiritaner und war von 1980 bis zu seiner Emeritierung 2002 Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Bonn. Heute ist er als Seelsorger an der Pfarreiengemeinschaft Remagen-Kripp tätig.

Das Geheimnis von Ostern

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