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Jürgen Wenge im Interview

Neuer alt-katholischer Bischof: Als kleine Kirche stabil bleiben

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Bonn - Eigentlich wollte er gar nicht zur Wahl stehen. Wie er doch alt-katholischer Bischof wurde und was er jetzt vorhat, sagt er im Interview.

Seine Wahl war eine Überraschung: Eigentlich hatte der Kölner alt-katholische Pfarrer Jürgen Wenge mit dem Bischofsamt schon abgeschlossen, als er vor 16 Jahren nicht gewählt wurde. Doch die Synode wollte es anders: Obwohl er sich nicht zur Wahl stellen wollte, stimmte ein großer Teil der Synodalen dieses Mal für ihn statt für einen der beiden Priester, die offiziell kandidierten. Mit 63 Jahren wurde er so Nachfolger von Bischof Matthias Ring, der sein Amt aus Gesundheitsgründen niedergelegt hatte. Seit der Wahl leitet er das alt-katholische Bistum als Bistumsverweser; im Februar wird er zum Bischof geweiht. Im Interview mit katholisch.de verrät Wenge, wo er die Herausforderungen für die alt-katholische Kirche sieht und was er als Bischof erreichen will.

Frage: Bischof Wenge, Sie haben freitags die Synodenaula als Pfarrer betreten und samstags als gewählter Bischof verlassen. Hatten Sie damit gerechnet?

Wenge: Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Bis zum letzten Moment hatte ich auch noch erklärt, nicht zur Verfügung zu stehen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich in den letzten Monaten immer wieder von Menschen darauf angesprochen worden bin, ob ich mir nicht vorstellen könnte, das Amt zu übernehmen. Weil mich so viele gefragt haben, hatte ich den Entschluss gefasst, dass ich dann darüber nachdenke, ob aus meinem Nein ein Ja wird, wenn im ersten Wahlgang eine signifikante Stimmenzahl auf mich fällt. Also, wenn man so will, eine synodale Legitimation für einen Meinungswechsel.

Frage: Vor 16 Jahren haben Sie schon einmal für das Bischofsamt kandidiert. Haben Sie sich in der Zwischenzeit jemals gedacht, dass Sie eigentlich doch gern Bischof gewesen wären?

Wenge: Ehrlicherweise nein. Es war nicht leicht, die Wahl zu verlieren. Aber Bischof Matthias Ring hat mich sehr schnell in die Verantwortung eingebunden. Ich war zehn Jahre lang Generalvikar und wir haben wunderbar zusammengearbeitet. Deshalb hatte ich diesen Gedanken tatsächlich nie gehabt.

Frage: Dieses Mal haben Sie ohne zu kandidieren im ersten Wahlgang 61 von 127 Stimmen bekommen. Was hat außer dieser hohen Stimmenzahl dazu geführt, dass aus dem Nein ein Ja wurde?

Wenge: Die Stimmenzahl war natürlich das Entscheidende. Die darf ich, so glaube ich, zu Recht so interpretieren, dass die Menschen in diesem Bistum mir ein gewisses Vertrauen schenken und mir zutrauen, dass ich in den nächsten Jahren das Bistum gemeinsam mit den gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Gremien führen kann. Das gibt mir Rückenwind. Ich habe immer gerne Verantwortung übernommen, und deshalb hätte ich für mich angesichts der hohen Stimmenzahl nicht damit leben können, unter diesen Bedingungen immer noch Nein zu sagen. Da spüre ich in mir den Impuls, mit Freude diese Verantwortung anzunehmen.

Frage: Aus einer römisch-katholischen Perspektive ist es ungewohnt, dass ein Bischof öffentlich gewählt wird und dann sogar noch offen über Mehrheiten und Stimmenzahlen redet und nicht nur über den Heiligen Geist …

Wenge: Wer weiß, vielleicht haben die Mehrheiten ja auch etwas mit dem Heiligen Geist zu tun!

Blick von der Empore in die gefüllte Christi-Auferstehungskirche in Karlsruhe
Die Wahlsynode der alt-katholischen Kirche hat in der Karlsruher Christi-Auferstehungskirche getagt.

Frage: Wie verstehen Sie das Bischofsamt in Ihrer Kirche?

Wenge: Man darf das Bischofsamt in unserer Kirche vermutlich nicht überbewerten. Natürlich ist der Bischof eine wichtige Person. Er ist auch so etwas wie ein Garant der Einheit in unserer kleinen, geographisch verstreuten Kirche: Unsere Gemeinden liegen weit auseinander, von Nordstrand bis Passau. Dieses Konstrukt und die Menschen auf eine gute Weise zusammenzuhalten, ist die erste Aufgabe des Bischofs. Da geht es weniger um die Lehre, um das Bewahren des Dogmas, sondern um die Frage, wie die Menschen, die in der Vereinzelung leben, gestärkt und durch das bischöfliche Amt zusammengeführt werden können.

Frage: Wie möchten Sie das tun?

Wenge: Als Erstes ist es mir wichtig, innerhalb einer relativ kurzen Zeit das Bistum noch einmal gut kennenzulernen. Als Generalvikar war ich schon viel unterwegs und kenne die meisten Gemeinden, aber eben nicht alle. Das liegt jetzt auch schon sechs Jahre zurück; da ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen. Deshalb werde ich mich zunächst bemühen, einfach überall aufzutauchen, ins Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen zu kommen und mit den Menschen, die mir in den Gemeinden begegnen.

Frage: Wo sehen Sie aktuell die Herausforderungen in der alt-katholischen Kirche?

Wenge: Die erste und größte Herausforderung ist keine andere als in den Großkirchen auch: Der Relevanzverlust des Religiösen ist etwas, das uns massiv umtreibt. Auch in unserer Kirche, die ja eine Entscheidungskirche ist, nehmen die Austrittszahlen zu. Jan Loffelds Diagnosen in seinem Buch "Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt" treffen die pastorale Erfahrung, die ich hier in den 20 Jahren in meiner Kölner Gemeinde gemacht habe. Sukzessive wird das immer mehr, dass Menschen nichts vermissen. Als Bischof ist meine Aufgabe, mit meinem Charisma, meiner Authentizität, meiner Ausstrahlung eine religiöse Botschaft anzubieten. Ob Menschen das annehmen, ist ihre Sache.

Frage: Auf der letzten Synode wurde auch viel über Finanzen und Priesternachwuchs debattiert.

Wenge: Wenn meine Generation, die Babyboomer, in den Ruhestand geht, wird es große Personalprobleme in unserem Bistum geben. Ich weiß nicht, ob wir alle Pfarrstellen nachbesetzen können. Die kirchlichen Strukturen werden auch in den Großkirchen immer größer durch den Druck, Gemeinden zu fusionieren. Ich finde es aber wichtig, dass wir an der parochialen Struktur festhalten. In den letzten Wochen, auch im Zusammenhang mit dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt, war oft die Rede davon, dass sich die Kirchen und die Zivilgesellschaft aus den kleinen Öffentlichkeiten zurückziehen. In der alt-katholischen Kirche sind unsere Gemeinden schon jetzt geographisch sehr groß, aber auch wenn die Menschen verstreut wohnen, haben sie doch das Bewusstsein, dass sie zu einer bestimmten Gemeinde gehören. Das zu bewahren und zu stärken, wird in den kommenden Jahren eine wichtige Aufgabe für mich.

Frage: Ihr Vorgänger Matthias Ring war 16 Jahre lang Bischof. Sie haben ihn als Generalvikar und Mitglied der Synodalvertretung begleitet. Was können Sie von ihm darüber lernen, Bischof zu sein?

Wenge: Matthias Ring ist ein ausgezeichneter Theologe, ein scharfsinniger Denker und vor allen Dingen ein Mensch mit einem feinen oberfränkischen Humor. Ich als plumper Westfale musste da manchmal zweimal hinhören, um den Scherz zu verstehen. Er selbst hat es im Zusammenhang mit seinem Abschied vor kurzem gesagt: Man erträgt dieses Amt tatsächlich nur mit einer ganzen Portion Humor. Ich würde für mich immer sagen, es braucht heitere Gelassenheit. Die hat Matthias Ring über viele Jahre gehabt und ich glaube, es ist auch wichtig, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, um den vielen Kräften, die an einem zerren, auf eine gute Weise standhalten zu können.

Pfarrer Jürgen Wenge (links) und Bistumsverweserin Anja Goller ziehen in die Namen-Jesu-Kirche ein
Pfarrer Jürgen Wenge und Bistumsverweserin Anja Goller beim Gottesdienst zur Verabschiedung von Bischof Matthias Ring. Nach seiner Wahl ernannte er Goller erneut zur Generalvikarin.

Frage: Eine der großen theologischen Fragen in der alt-katholischen Kirche ist derzeit eine mögliche Kirchengemeinschaft mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Wie stehen Sie dazu?

Wenge: Ich bin seit vielen Jahren Mitglied in der Dialogkommission. Ich habe also das Papier "Gewachsene Gemeinschaft", das wir vor anderthalb Jahren veröffentlicht haben, mitgeschrieben. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir uns als christliche Kirchen etwas trauen müssen, auch wenn nicht alle theologischen Fragen am Ende geklärt sind. In der Ämterfrage kommen wir in dem Papier nicht hundertprozentig überein, aber wir sind doch gemeinsam der Auffassung, dass das, was ein Amt bewirkt, nämlich dass das Wort Gottes gepredigt wird, die Sakramente recht verwaltet werden und dass Gemeinde gebaut und zusammengehalten wird, doch in beiden Kirchengemeinschaften, der lutherischen und der alt-katholischen, da ist. Und das berechtigt uns, die Kirchengemeinschaft zu empfehlen. Dass wir jetzt auf beiden Seiten ernsthafte Diskussionsprozesse dazu führen müssen, ist klar.

Frage: Eine Herausforderung ist, dass die VELKD durch die EKD selbst in einer Kirchengemeinschaft mit den Reformierten steht – und das reformierte Kirchenverständnis ist doch etwas anders als das lutherische. Wie geht man mit solchen Kirchengemeinschaften über Bande um?

Wenge: Das gibt es schon jetzt. Die bayerische Landeskirche steht seit 2025 in Kirchengemeinschaft mit der US-amerikanischen Episcopal Church. Damit hat eine Kirche, mit der wir Gemeinschaft haben, die Episcopal Church, Gemeinschaft mit einer Kirche, mit der wir erst noch über die Gemeinschaft einen Dialog führen, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Das müssen wir in unseren jeweiligen Kirchenfamilien sauber theologisch diskutieren. Dazu braucht es eine gewisse Gelassenheit. Ich glaube nicht, dass eine endgültige Entscheidung in den nächsten ein, zwei Jahren fallen wird. Ich möchte aber an dem Thema dranbleiben, weil ich glaube, dass wir in einer postchristlichen Zeit über unsere theologischen Schatten springen müssen.

Frage: Wie sehen Sie aktuell die Ökumene in Richtung der römisch-katholischen Kirche?

Wenge: Das hat viele unterschiedliche Ebenen. Auf Gemeindeebene ist das kaum ein Problem. Es gibt freundschaftliche Verbindungen von alt-katholischen und römisch-katholischen Gemeinden. Auf der bischöflichen Ebene ist es wahrscheinlich in aller Regel etwas problematischer. Wenn man ehrlich ist, muss man natürlich zugeben, dass nach wie vor ein großer Teil unseres Klerus aus ehemaligen römisch-katholischen Priestern besteht, die aus römisch-katholischer Sicht also exkommuniziert sind. Da könnten wir jetzt sagen, dass das nicht unser Problem ist, aber es wird zu unserem, wenn es der ökumenische Partner hat. Auf der obersten Ebene, beim Dialog zwischen der Utrechter Union und Rom, ist es seit den beiden über zehn Jahre alten Konsenspapieren meines Wissens nicht mehr zu engeren Kontakten gekommen. Die Rezeption der Konsenspapiere steht auf römischer Seite aus. Was mir Hoffnung gibt, sind die informellen Gesprächskontakte, die es oft gibt und die sehr freundschaftlich sind. Das habe ich auch an den Reaktionen aus der römischen Kirche auf meine Wahl bemerkt.

Frage: Gab es eine offizielle Gratulation aus dem Bistum Münster, wo Sie zum Priester geweiht wurden?

Wenge: Eine offizielle Gratulation aus dem Bistum Münster gab es nicht, aber enge Freunde von mir, die dort auch kirchenleitend tätig sind, haben durchaus gratuliert.

Frage: Sie haben noch knapp vier Jahre bis zum regulären Rentenalter. Was möchten Sie dann als Bischof erreicht haben?

Wenge: Ich möchte, dass unsere kleine Kirche stabil bleibt. Ich würde nicht von Wachstum sprechen, denn die Realität lehrt uns ja zunehmend, dass die Bewegungen von den Großkirchen weg nicht dazu führen, dass es erhebliche Beitrittszahlen bei uns gäbe. Wenn es uns aber gelingt, durch Stärkung der Gemeinden in den bestehenden Strukturen Heimat zu schaffen, auch für suchende Menschen, und wenn ich meine Kolleginnen und Kollegen im Pfarramt durch meine Person, mein Reden und Tun dafür stärken könnte, dann wäre mein Ziel voll erreicht. Es stimmt, in vier Jahren erreiche ich das Rentenalter. Wenn meine Gesundheit es erlaubt, kann ich mir auch vorstellen, noch ein, zwei Jahre zu verlängern: Fünf Jahre als Perspektive fände ich ganz gut. Die Synode hat mich, denke ich, im Grunde dafür beauftragt, einen Übergang zu gestalten. Als Übergangsbischof bin ich kein "lame duck", sondern ein Bischof, der den Übergang zu einer jüngeren Generation kreativ zu gestalten gerufen ist.

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