Oasen des Glaubens
Wie die meisten anderen deutschen Diözesen sucht nun auch das Hauptstadtbistum neue Strukturen, um auf den mancherorts drastischen Mitgliederschwund zu reagieren und neue Formen des Gemeindelebens zu etablieren. Die gut 400.000 Katholiken in Berlin, Brandenburg und Vorpommern erwarten jedoch nicht nur weitere Gemeindefusionen wie im vergangenen Jahrzehnt, ergänzt um enge Kooperationen mit Kindertagesstätten, Schulen oder Einrichtungen der Caritas.
Mehr als eine Strukturreform
Bald eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt, in denen er das Erzbistum kennenlernte, gibt Woelki nun die Richtung für die kommenden Jahre vor. Dabei geht es ihm um weit mehr als um eine bloße Strukturreform. Er hat "neue pastorale Räume" im Blick, die zu "Oasen des Glaubens" werden. Benachbarte Pfarrgemeinden und die Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser und Einrichtungen der Caritas auf ihrem Gebiet sollen einander nicht mehr als "Konkurrenz" erleben. Sie sollen ihre Arbeit aufeinander abstimmen und sich gegenseitig unterstützen. Die katholischen Einrichtungen seien wichtige Erfahrungsorte von Kirche, betont Woelki, "wo wir etwa junge Eltern, die ihre Kinder in unsere Einrichtungen bringen, mit dem Glauben der Kirche vertraut machen können."
Zudem setzt der Erzbischof auf neue Formen, die an die Basisgemeinden etwa in Lateinamerika denken lassen. Er empfiehlt, "kirchliche Gemeinschaften in der Nachbarschaft" zu bilden. Dies soll der Gefahr entgegenwirken, dass es in den neuen pastoralen Räumen "anonymer werden könnte". Die verschiedenen Gruppen sollten dann regelmäßig zur Feier der Eucharistie zusammenkommen und darin ihre Gemeinschaft erfahren. Alternative Gottesdienstformen ohne Priester hält Woelki trotz des Priestermangels nicht für geeignet, um durch die Krise zu kommen.
Anknüpfung an Überlegungen seines Vorgängers
Mit seinem Konzept der pastoralen Räume knüpft Woelki an Überlegungen seines Amtsvorgängers an. Der damalige Erzbischof Georg Sterzinsky hatte bereits vor rund zehn Jahren eine einschneidende Strukturreform eingeleitet. Sie war allerdings vor allem durch die Finanzkrise des damals hoch verschuldeten Erzbistums motiviert. Durch Fusionen halbierte sich die Zahl der Kirchengemeinden auf heute 105, zudem wurde die Zahl der Angestellten um 40 Prozent reduziert. Die von Krankheit überschatteten letzten Amtsjahre Sterzinskys ließen den Reformprozess jedoch ins Stocken geraten. Zudem stießen die Schritte immer wieder auf Kritik und Widerstand.
Woelki will nun die Katholiken umfassend in den Veränderungsprozess einbeziehen. "Ich bitte Sie herzlich, bei der Entwicklung der pastoralen Räume mitzuwirken", wirbt er in seinem Hirtenbrief. Den Gemeinden stünden Moderatoren zur Verfügung, auch die Bistumsgremien würden beteiligt.
An seinem grundsätzlichen Kurs lässt der Kardinal keinen Zweifel. Dafür kann er Zahlen ins Feld führen, die für sich sprechen. In weiten Teilen Brandenburgs und Vorpommerns, wo die Katholiken seit jeher nur eine kleine Minderheit sind, verliert das Erzbistum in den kommenden beiden Jahrzehnten voraussichtlich bis zu 30 Prozent seiner Mitglieder. Wachsende und sich verjüngende Gemeinden in Berlin und im "Speckgürtel" der Hauptstadt können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Fläche des Erzbistums neue Strukturen und ein neues Denken unausweichlich sind. Einen Zeitrahmen hat Woelki vorgegeben. Bis 2020 soll jeder der neuen pastoralen Räume zu einer Pfarrei geworden sein.