Suche
Interview mit Direktor Johannes Oeldemann

Ökumeniker: Wir müssen persönliche Kontakte aufrecht erhalten

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Ökumeniker Johannes Oeldemann spricht bei einem Kirchentreffen
Paderborn - Der katholische Dialog mit der Orthodoxie ist in der Vergangenheit komplizierter geworden. Ökumeniker Johannes Oeldemann spricht über Gründe und Chancen.

Seit genau 25 Jahren gibt es am Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn auch das Arbeitsfeld "Orthodoxie". Zum Jubiläum ein Interview mit dessen Direktor Johannes Oeldemann über Höhepunkte und Untiefen der Ökumene mit den Ostkirchen.

Frage: Herr Oeldemann, seit 25 Jahren gibt es am Möhler-Institut das Arbeitsfeld "Orthodoxie". Mit wie vielen Leuten arbeiten Sie dort, und wer sind Ihre Mitarbeiter?

Oeldemann: Auf der Ebene der Direktoren bin ich allein für dieses Arbeitsfeld zuständig. Unterstützt werde ich von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter mit einer halben Stelle und einer Sekretärin auch mit einer halben Stelle.

Frage: Die orthodoxe Liturgie ist vielen Christen hierzulande fremd, selbst wenn sie vereinzelt auf Deutsch gefeiert wird. Andere sind fasziniert davon. Wie oft nehmen Sie selbst an einer solchen Liturgie teil und was fasziniert Sie an der orthodoxen Liturgie?

Oeldemann: Ich nehme mehrmals im Jahr an einer solchen Liturgie teil, genau mitgezählt habe ich nicht. Was mich daran fasziniert, ist der Versuch, den Menschen ganzheitlich anzusprechen, nicht nur den Intellekt, über gute Predigten, sondern auch die anderen Sinne des Menschen – über den Weihrauch, über die Ikonen, mit denen die Kirchen ausgestattet sind. In einer altkirchlichen Chronik wurde das einmal beschrieben als "ein Stück Himmel auf Erden". Das, so finde ich, kann man in der orthodoxen Liturgie gut erleben.

Frage: Was war einer Ihrer größten Erfolge im Dialog mit den Ostkirchen in den vergangenen 25 Jahren?

Oeldemann: Es gibt viele schöne Erfahrungen, viele persönliche Begegnungen, an die ich gerne zurückdenke. Insgesamt würde ich sagen, war das größte Erfolgserlebnis das, was der Irenäus-Kreis, ein inoffizieller orthodox-katholischer Arbeitskreis, erreicht hat. Den haben wir im Jahr 2004 hier in Paderborn begründet. Und in den jetzt gut 20 Jahren seines Bestehens hat er sich wirklich zu einem sehr anerkannten internationalen Gremium im orthodox-katholischen Dialog entwickelt. Eine Studie, die dieser Arbeitskreis 2018 veröffentlicht hat, ist in mehr als 10 Sprachen übersetzt worden. Im Dokument des päpstlichen Einheitsdikasteriums über den Bischof von Rom, das 2024 veröffentlicht wurde, wird diese Studie mehr als 30-mal zitiert.

Frage: Können Sie auch ein oder zwei Höhepunkte des weltweiten katholisch-orthodoxen Dialogs der vergangenen Jahrzehnte nennen?

Oeldemann: Hervorheben würde ich die Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Bartholomäus zum 50-Jahr-Jubiläum der ersten Begegnung zwischen einem Papst und einem orthodoxen Patriarchen in Jerusalem 1964, das war also 2014. Dies war eine von vielen persönlichen Begegnungen zwischen Päpsten und Patriarchen, die für diesen Dialog ganz wichtig sind und von denen er lebt. Wichtige Wegmarken waren auch die Dokumente, die die Internationale orthodox-katholische Dialogkommission 2007 in Ravenna, 2016 in Chieti und zuletzt 2023 in Alexandria veröffentlicht hat. Ansonsten war für die ökumenischen Beziehungen mit der Orthodoxie insgesamt das Konzil von Kreta wichtig, das die orthodoxe Kirche 2016 gefeiert hat. Dort wurde noch einmal das Engagement der orthodoxen Kirche für den ökumenischen Dialog bekräftigt – obwohl gerade das bei diesem Konzil auch einer der umstrittensten Punkte war.

Synodalität: Was die katholische Kirche von der Orthodoxie lernen kann

Papst Franziskus hat die katholische Kirche auf einen weltweiten synodalen Weg geschickt. Synodalität ist aber keine neue Erfindung, sagt Theologe Dietmar Winkler. Im katholisch.de-Interview erklärt er, warum sich ein Blick in die Geschichte lohnt – und auch auf die orthodoxe Kirche.

Zum Interview

Frage: Seit Papst Franziskus entdeckt die katholische Kirche das Thema Synodalität wieder. Welchen Aspekt kann sie dazu von den Orthodoxen lernen?

Oeldemann: Vor allem den Aspekt, dass es regelmäßiger synodaler Beratungen bedarf. Das ist in den orthodoxen Kirchen tief verankert, regelmäßig – meist zweimal jährlich – zu tagen, um über die wichtigsten Belange der Kirche zu beraten. Das höchste synodale Gremium umfasst in einigen orthodoxen Kirchen nicht nur die Bischöfe, sondern auch Vertreter der Priesterschaft und der Laien aus allen Diözesen. Auch das ist etwas, wo wir im synodalen Prozess der katholischen Kirche bereits gelernt haben. Andererseits wird am Beispiel der Orthodoxie auch deutlich, dass Synoden nur gut funktionieren, wenn sie einen guten Moderator, einen guten Primas haben. Primat und Synodalität widersprechen einander nicht, sondern ergänzen sich gegenseitig.

Frage: Auf der anderen Seite ist der Dialog mit der Orthodoxie komplizierter geworden. Was sind die hauptsächlichen Gründe dafür?

Oeldemann: Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die zunehmende Polarisierung, die wir nicht nur in der politischen Welt, sondern auch in der kirchlichen Welt erleben. In der orthodoxen Welt wird das besonders deutlich am Konflikt um die Ukraine, zwischen den Patriarchaten von Moskau und Konstantinopel. Das belastet auch den katholisch-orthodoxen Dialog, weil Moskau sich nicht mehr an Gesprächen beteiligt, bei denen ein Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel den Vorsitz führt. Und das macht es natürlich auch für uns als katholische Kirche schwierig. Der Dialog wird aber fortgeführt, weil die Orthodoxen selbst gesagt haben, wenn eine orthodoxe Kirche ausscheidet, solle das nicht den ganzen Dialog gefährden.

Frage: Frustriert Sie das auch persönlich?

Oeldemann: In gewisser Weise schon. Ich habe neben katholischer Theologie Russisch studiert und in meiner Doktorarbeit mich mit einem Thema aus der russisch-orthodoxen Theologie befasst. In den Jahren bis etwa 2020 war ich jedes Jahr zwei- bis dreimal in Russland, der Ukraine oder in anderen slawischsprachigen Ländern. Das ist jetzt nicht mehr möglich – erst wegen der Corona-Pandemie und dann sind durch die Invasion Moskaus in der Ukraine Gesprächsfäden abgerissen. Es ist schon traurig, dass Gespräche, die vorher gut etabliert waren, jetzt so nicht mehr möglich sind. Andererseits bin ich froh und dankbar, einige persönliche Freundschaften mit russischen Theologen weiter pflegen zu können. Auch können wir weiterhin junge russische Theologinnen und Theologen in unserem Stipendienprogramm in Paderborn aufnehmen.

Es ist schon traurig, dass Gespräche, die vorher gut etabliert waren, jetzt so nicht mehr möglich sind.

Johannes Oeldemann

Frage: Russlands expansionistischer Drang wird vom Moskauer Patriarchat mitgetragen, nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch in Afrika. Wie bewerten Sie das?

Oeldemann: Als höchst problematisch, weil es die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts unhinterfragte Position infrage stellt, dass Afrika das kanonische Territorium des Patriarchats von Alexandrien ist. Wenn Moskau jetzt versucht, dort parallele Strukturen aufzubauen, zerstört dies die Idee der Einheit der orthodoxen Kirche, die – wie orthodoxe Theologen immer wieder betonen – eine Kirche ist, nur eben in unterschiedlichen nationalen Ausprägungen.

Frage: Wie und mit wem könnte es in der Orthodoxie gelingen, bestehende Spannungen zu verringern, vielleicht irgendwann auch beizulegen?

Oeldemann: Das kann nur dadurch gelingen, indem wir versuchen, durch persönliche Kontakte Vertrauen aufzubauen. Dies war auch der Ursprung der ökumenischen Bewegung: das Gespräch zwischen einigen Protagonisten, die persönliche Kontakte zu Vertretern anderer Kirchen gepflegt haben. Man sollte sich dabei nicht nur auf Moskau und Konstantinopel fokussieren, sondern auch andere mit einbeziehen.

Die rumänische orthodoxe Kirche etwa ist zahlenmäßig betrachtet die zweitgrößte orthodoxe Kirche. Sie ist sehr lebendig, gerade auch bei uns in Deutschland. Auch das Patriarchat von Antiochien, in dem die orthodoxe Liturgie auf Arabisch gefeiert wird, ist eine nach meiner Wahrnehmung sehr vitale Kirche. Ich wünsche mir, dass wir versuchen, Kontakte in verschiedene Richtungen aufzubauen und zu pflegen.

Frage: Sind die katholischen Ostkirchen noch ein Problem im Dialog mit der Orthodoxie?

Oeldemann: Immer weniger, würde ich sagen. Sie waren ein Problem in den 1990er Jahren, als sie in Osteuropa wieder auflebten und es Konkurrenz zu den Orthodoxen gab, auch im Blick auf Nutzung von Kirchenräumen et cetera. Im Nahen und Mittleren Osten waren sie eigentlich nie ein großes Problem. Da haben orthodoxe und unierte Ostkirchen immer sehr gut kooperiert. Das hat auch damit zu tun, dass dort beide in einer Minderheitensituation leben.

Außerdem gibt es Kontakte auf der theologischen Ebene, etwa einen Arbeitskreis von Theologinnen und Theologen aus den Orthodoxen und den mit Rom unierten Ostkirchen. Ich glaube, das Verhältnis ist dabei, deutlich entspannter zu werden.

Frage: Sie erwähnten bereits die rumänisch-orthodoxen Gläubigen in Deutschland. Woher kommen sonst orthodoxe Gläubige, die neben den Freikirchen jene christliche Gruppe bilden, die hierzulande am ehesten wächst?

Oeldemann: Ja, sie wachsen ganz deutlich. Die Zahl der orthodoxen Christen in Deutschland hat sich in den 25 Jahren, die ich hier in am Möhler-Institut tätig bin, durch viele Zuzüge grob gesagt verdreifacht: anfangs vor allem aus Russland, dann nach der EU-Osterweiterung aus Rumänien. Im Zusammenhang mit den Konflikten 2015 und 2016 im Nahen Osten gab es viele Zuzüge arabischsprachiger Christen zu uns, und in jüngster Zeit viele Orthodoxe aus der Ukraine.

Da die Zahl der Gemeinden wirklich wächst und sie nach Kirchenräumen suchen, weil die vorhandenen Kirchen manchmal zu klein werden, wünsche ich mir, dass man bei den Überlegungen auf katholischer wie auf evangelischer Seite zur Reduzierung des Immobilienbestands unsere orthodoxen Schwestern und Brüder mit im Blick hat. Anstatt eine Kirche zu profanieren, könnte sie einer orthodoxen Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Das birgt auch Chancen für das ökumenische Miteinander, wenn man orthodoxe Christen vor Ort als Nachbarn erlebt.

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "youtube" zulassen.

Frage: Wie steht es sonst um das ökumenische Verhältnis zu den orthodoxen Christen hier? In Deutschland wird Ökumene meist nur mit katholisch – evangelisch assoziiert.

Oeldemann: Auf Ebene der Kirchenleitungen, würde ich sagen, sind die Beziehungen exzellent. Es gibt eine Gemeinsame Kommission der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, die sich zweimal jährlich trifft. Ich nehme auch wahr, dass die Orthodoxen sich in vielen Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen vor Ort oder in den Ländern sehr aktiv einbringen. Von daher würde ich das Verhältnis insgesamt als recht gut beschreiben.

Frage: Gab es jetzt zuletzt bei der Unterzeichnung der revidierten Charta Oecumenica noch einmal irgendwie Grummeln oder Bauchschmerzen auf orthodoxer Seite, wie damals bei der Magdeburger Erklärung zur Anerkennung der Taufe?

Oeldemann: Nicht bei der byzantinischen Orthodoxie. Deren höchster Vertreter hierzulande, der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz, Metropolit Augoustinos, hat die Charta in Berlin mitunterzeichnet. Bei den orientalisch-orthodoxen Kirchen waren nicht alle vertreten. Das hat damit zu tun, dass diese teilweise nicht den Segen ihrer Mutterkirchen, ihrer Patriarchate hatten. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass man sich in dem jeweiligen Heimatland über die Bedeutung einer solchen Charta nicht ganz im Klaren war.

Frage: Zu guter Letzt: Vergangenes Jahr wurde vielerorts 1.700 Jahre Konzil von Nizäa gefeiert. Welche konkreten Früchte hat das gebracht?

Oeldemann: Ich glaube, es hat noch mal ins Bewusstsein gerufen, dass wir ein gemeinsames Erbe teilen, aus dem alle Kirchen – von den Orthodoxen über Katholiken und Protestanten bis hin zu den Freikirchen - gemeinsam schöpfen, selbst wenn es in unterschiedlicher Intensität in den Kirchen gelebt wird. Es hat zudem noch mal die Bedeutung des Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses ins Bewusstsein gerufen. So gibt es jetzt zum Beispiel eine Vertonung dieses Glaubensbekenntnisses in deutscher Sprache in der originalen ökumenischen Fassung. Diese wurde vom Freundeskreis Philoxenia initiiert und in München uraufgeführt. Dadurch hoffen wir, dass dieses Bekenntnis auch ganz praktisch wieder mehr Eingang ins liturgische Leben der Gemeinden findet.

Unser Netzwerk

kna-katholisch-swarm-node1 (0.002s)