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Opfer haben lebenslänglich

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Moderator Reinhold Beckmann (M.) mit Gästen seiner Talkshow am 17. Januar 2013.
Bonn - Wie das bei Talkrunden oft so ist – mit jedem der Eingeladenen könnte man die Sendezeit allein bestreiten, ohne dass es langweilig würde. So aber waren fünf Gäste in 75 Minuten gezwängt zu einem Thema, dem die ARD sogar eine Themenwoche widmen könnte.

Und es dauerte fast eine Stunde, ehe die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche thematisiert wurde. Die Kontrahenten hatte Gastgeber Reinhold Beckmann nebeneinander gesetzt: Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, und Pater Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Letztere hatte Pfeiffer in der vergangenen Woche quasi den Stuhl vor die Tür gesetzt, weil sie das Vertrauensverhältnis für "desolat zerrüttet" erklärte. Seitdem beharken sich beide Seiten mit Vorwürfen, von Zensur ist die Rede, Unterlassungserklärungen sollen unterzeichnet werden. Ein Vorgang, der die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche in der Öffentlichkeit erneut in Frage stellt.

Deeskalation stand im Vordergrund

Nun kann man sicher bezweifeln, ob der Streit über Vertragsformulierungen in eine Talkshow gehört, die eher dem Unterhaltungs– denn dem Informationsgenre zuzuordnen wäre. Einmal abgesehen davon, dass die Weisheit der Redaktion es für günstig befunden hat, mit Pola Kinski und deren Buch über den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater die vermutliche Attraktion für den Zuschauer an den Beginn der Sendung zu setzen. Nun ja, eine Unterhaltungssendung eben.

Wer als Zuschauer die Konzentration aufbrachte, bis kurz vor Mitternacht auf das Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten Pfeiffer und Langendörfer zu warten, der konnte feststellen, dass beide Seite eher auf Deeskalation aus waren. Hatte Pfeiffer zuvor schon bei seinen Einwürfen subtil seine Kompetenz und die seines Instituts angemerkt – was niemand bestritten hatte –, so machte Langendörfer deutlich, dass die zu Beginn vertrauensvolle Zusammenarbeit nun eben kein Fundament mehr habe. Deshalb habe man sich getrennt.

Langendörfer: Wir wollen lernen!

Das bedeute aber keineswegs, dass damit die Bischöfe die Aufarbeitung und wissenschaftliche Untersuchung der Missbrauchsfälle aufgäben. Im Gegenteil: "Wir wollen lernen!" Die Aufarbeitung gehe weiter. Spannend wird die Verfolgung der Thematik schon allein deshalb sein, weil sich bei Pfeiffers Institut nach der Aufregung der letzten Woche nach dessen Angaben rund 150 Opfer gemeldet haben, die zur Ausfüllung des bereits erarbeiteten Fragebogens bereit sind. Diese Ergebnisse in Relation zu anderen Opferaussagen zu sehen und zu analysieren, kann die Lernfähigkeit der Institution katholische Kirche vor eine ernsthafte Prüfung stellen.

Wenn eine Erkenntnis aus dieser Sendung mitzunehmen ist dann die, die – jeder auf seine Art – Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle "Zartbitter e.V.", und der ehemalige Odenwaldschüler und Buchautor Andreas Huckele formulierten: Es muss in Institutionen, in denen Missbrauch festgestellt wurde, strukturelle Änderungen geben. Das betreffe kirchliche Einrichtungen ebenso wie Schulen, Internate oder Sportvereine. Und es reiche nicht, für die Vergangenheit die "Altfälle" aufzunehmen und zu analysieren und für die Zukunft Prävention zu betreiben. Es müsse vor allem auch die Gegenwart betreffen.

Ein neuer Skandal zieht auf

Pater Langendörfer meinte, die Kirche sei eine "eher träge Institution". Wer will da widersprechen? Wer zuvor die "Tagesthemen" oder im WDR-Fernsehen die "Aktuelle Stunde" oder "Frau TV" gesehen hatte, dem war das nächste Thema bereits geläufig, bei dem strukturelle Veränderungen angemahnt wurden: In Köln hatten es zwei Kliniken in kirchlicher Trägerschaft abgelehnt, ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer gynäkologisch zu untersuchen. Kommunikationsprobleme nach innen und außen wurden genannt. Noch so ein strukturelles Problem, was der Lösung bedarf.

Im Titel von Beckmanns Gesprächsrunde war vom langen "Schweigen der Opfer" die Rede. Deutlich wurde, dass sich inzwischen das Klima in der Gesellschaft geändert hat. Missbrauch kommt weiter vor, aber vor allem die Mütter seien sensibler, verstünden auch versteckte Hinweise eher. Das ist kein Trost, aber gibt die Hoffnung, dass Täter früher zur Rechenschaft gezogen werden können, zudem sollten Verjährungsfristen ersatzlos gestrichen werden. Pola Kinski, die zu Beginn der Sendung eindrucksvoll und ausführlich ihre schrecklichen Erfahrungen schilderte, hatte auch das Schlusswort: "Opfer haben lebenslänglich."

Von Martin Thull

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