Overbeck: Zusammenhalt der Gesellschaft in Gefahr
Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat vor einem sozialen Fahrstuhleffekt in Deutschland gewarnt. Nachdem sich die Lebensverhältnisse für alle Menschen lange Zeit verbessert hätten, bestehe heute die Sorge, "dass manche ganz nach oben fahren, während andere schon weiter unten aussteigen müssen", sagte Overbeck am Dienstag bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Bergisch Gladbach. Es seien gerade diese Sorgen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdeten.
Sorgen um die Mittelschicht
"Nur wenn die Bürger das Gefühl haben, es gehe insgesamt gerecht zu in unserem Land, werden sie dem Gemeinwesen auch Vertrauen entgegenbringen", sagte Overbeck, der innerhalb der Bischofskonferenz Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen ist. Ohne Vertrauen in den Sozial- und Rechtsstaat werde der gesellschaftliche Zusammenhalt weiter brüchig. "Nicht nur die Politik, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen und damit auch die Kirchen sind gefordert, ihren Beitrag zu leisten, um die gesellschaftlichen Verhältnisse gerecht zu gestalten und damit das Vertrauen der Menschen zu stärken", so der Essener Bischof vor Journalisten.
Ein besonderes Augenmerk richtete Overbeck auf die Sorgen der Mittelschicht. "Sie sieht ihre Aufstiegschancen und die ihrer Kinder gefährdet. Gerade die Mitte der Gesellschaft darf jedoch nicht den Eindruck haben, der von ihr durch Steuern finanzierte Sozialstaat werde seiner Aufgabe nicht gerecht", betonte der Bischof.
In diesem Zusammenhang verwies Overbeck auf die zunehmenden Erfolge von Rechtspopulisten und Nationalisten. Deren Zulauf speise sich nicht nur aus dem Unmut von "Zukurzgekommenen". Vielmehr trügen auch Menschen, die in gefestigten beruflichen und sozialen Verhältnissen lebten, zum gegenwärtigen Erfolg von AfD und Pegida bei. Wer den Populisten das Wasser abgraben wolle, müsse das Thema soziale Ungleichheit ernst nehmen. "Allerdings müssen wir aufpassen, keinen Untergangsdiskurs zu führen, bei dem vor allem die Mitte der Gesellschaft den Eindruck gewinnt, es ginge ihnen schlecht oder es drohe ihnen bald schlechter zu gehen", so Overbeck.
Neher fordert höheren Spitzensteuersatz
Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, rief dazu auf, die soziale Ungleichheit in Deutschland zu verringern. Seit den 1980er Jahren sei die Einkommens- und Vermögensschere auseinandergegangen — auch wenn dieser Trend in den letzten Jahren stagniere. Diese Ungleichheit erkläre sich durch hohe Erbschaften, die geltenden Steuertarife und die Spreizung der Bruttoeinkommen. "Um diese Ungleichheit zu verringern, fordern wir, den Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer anzuheben, den niedrigeren Steuertarif bei Zinseinkünften im Vergleich zu anderen Einkommensarten anzugleichen und eine wirksamere Besteuerung hoher Erbschaften", sagte Neher.
Weiter sprach sich der Caritas-Präsident für einen höheren Hartz-IV-Regelsatzes aus. Berechnungen zeigten, dass der Satz für einen alleinstehenden Erwachsenen um 60 bis 80 Euro heute zu niedrig sei. "Dann hätten die Betroffenen beispielsweise eine Flexibilitätsreserve, die ihnen mehr Spielraum bei unerwarteten Ausgaben ermöglicht", betonte Neher. Zugleich verwies er auf "einen fatalen Zusammenhang" zwischen dem Bildungshintergrund von Eltern und dem Bildungsweg ihrer Kinder. Fast 84 Prozent der Kinder, deren Eltern beide die Hochschulreife besäßen, besuchten die 5. Klasse des Gymnasiums; wenn jedoch kein Elternteil die Hochschulreife habe, seien es nur 31 Prozent. "Ein deutliches Zeichen, dass es hier noch viel zu tun gibt", mahnte der Caritas-Präsident.
Der Mainzer Theologieprofessor Gerhard Kruip verwies mit Blick auf wachsende Spaltungstendenzen in der Gesellschaft auf die Notwendigkeit einer "verständigungsorientierten Kommunikation". Wo jeder zuerst nur an sich denke und allein Vorurteile und Emotionen die Meinungen bestimmten, seien rationale Entscheidungen kaum mehr möglich. Mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt sei es deshalb wichtig, die Sorgen von Menschen ernst zu nehmen, "gleichzeitig aber im besten Sinne für Aufklärung über Sachverhalte und moralische Grundnormen einzutreten", so der Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik.
Kruip betonte, dass Zusammenhalt nicht mit Homogenität verwechselt werden dürfe: "Zusammenhalt basiert nämlich nicht auf Einheitlichkeit der Lebensvorstellungen, der Religion, der Werte, der Traditionen. Weder dürfen wir voraussetzen, dass wir einen gemeinsamen christlichen Glauben für unsere Gesellschaft bräuchten, noch müssen wir davor Angst haben, dass ein Teil der bei uns lebenden Bevölkerung sich zum Islam bekennt." Wer Homogenität durchzusetzen versuche, grenze aus, diskriminiere, werte ab und zerstöre so den Zusammenhalt. "Wir können nicht in vormoderne Zeiten zurückkehren, sondern müssen mit postmoderner Pluralität leben lernen", mahnte der Professor.
Zweimal im Jahr trifft sich die Deutsche Bischofskonferenz zu ihren Vollversammlungen - diese Woche in Bergisch-Gladbach im Erzbistum Köln. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de.