Papa-Viewing
Ab 10 Uhr füllt sich das Bonner Münster. Eine Viertelstunde später soll die Übertragung der ZDF-Sendung beginnen. Annerose Feldmann (60) aus Troisdorf bei Bonn nutzt die Zeit, um einen persönlichen Gruß an Papst Benedikt in das Dankbuch einzutragen, das die Bonner dem scheidenden Pontifex schicken wollen. Motto: "Tschö Heiliger Vater". Während Annerose Feldmann schreibt, läuft unmittelbar neben dem Tisch eine Diashow mit bewegenden Momenten des Pontifikats. Annerose Feldmann sagt gerührt: "Ich bin tieftraurig, dass er zurücktritt. Aber die Gesundheit geht vor." Sie wünscht Joseph Ratzinger, "dass er seinen Lebensabend gut bestreitet und dass er zur Ruhe kommt". Die 60-Jährige spricht von Papst Benedikt schon in der Vergangenheit: "Er war einfach ein Lieber, ein Papst nahe am Herzen, ein Knuddel-Papst."
Ein Gemeinschaftsgefühl, das bereichert
Wer in die von Vatikan-Fahnen umwehte Münsterbasilika eintritt, nimmt über dem Hauptportal das Wappen mit der Tiara und den gekreuzten Schlüsseln des Vatikans heute ganz anders wahr. Innen versieht Elisabeth Hübner ihren ehrenamtlichen Präsenzdienst für Münsterbesucher. Die 65-jährige Katholikin sagt zum Public Viewing: "Ich finde das eine sehr gute Idee. Wenn Christen hierher kommen, um das gemeinsam zu sehen, hat das einen besonderen Erlebniswert."
Elisabeth Hübner glaubt: "Dieses Gemeinschaftsgefühl ist etwas Schönes, was einen bereichern kann." An der kleinen Präsenzdienst-Theke können die Besucher heute nicht nur Anleitungen zum Mittagsgebet und eine Broschüre zum Marienweg im Bonner Münster erstehen, sondern auch die Sonderpostkarte zu Benedikt XVI. mit dem Titel "Seine Bonner Jahre". Darauf wird Joseph Ratzinger zitiert: "Aber ich muss gestehen, dass mir doch ein Heimweh nach Bonn, nach der Stadt am Strom, ihrer Heiterkeit und ihrer geistigen Dynamik geblieben ist..."
"Besser als zu Hause vorm Fernseher"
Joseph Ratzinger würde sich vermutlich freuen, wenn er sehen könnte, wie viele Christen ins Bonner Münster gekommen sind, um auf der zwölf Quadratmeter großen Leinwand seine letzte Generalaudienz mitzuerleben. Mehr als 100.000 sind es in Rom, sagt der ZDF-Sprecher auf der Leinwand. Und während dort im Vatikan bayrische Besucher mit Trachtenhut interviewt werden, berichtet Hans Porschen aus Langerwehe, dass sein Bruder ihn und seine Frau zu dieser besonderen Übertragung im Bonner Münster eingeladen hat. Der 74-Jährige glaubt, dass das religiöse Gemeinschaftsgefühl hier leichter entstehe "als zu Hause vor dem Fernseher".
Das war auch ein Impuls für das Bonner Stadtdekanat, dieses Public Papa-Viewing anzubieten. Als Robert Zollitsch dem ZDF ein Interview gibt, wird der Ton der Übertragung ausgeschaltet, und Stadtdechant Wilfried Schumacher betritt den Altarraum. „Man soll dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz zwar nicht das Wort abschneiden“, sagt Schumacher humorvoll, aber er möchte die Christen in Bonn doch auch persönlich begrüßen. "Es ist ein sehr bewegender Augenblick, den wir heute hier erleben", sagt Schumacher. Und: "Es tut gut, etwas, was einen so bewegt, in Gemeinschaft zu erfahren." Am äußeren linken Rand des Altarraums steht die Padiglione, jener gelb-rot gestreifte Schirm, den das Bonner Münster als päpstliche Basilika minor trägt. Der Stadtdechant verlässt die imaginäre Bühne, und nun richten sich alle Augen erwartungsvoll auf die Leinwand, auf der wenig später Papst Benedikt XVI. im Papamobil erscheint.
Von Sascha Stienen