Premiere für Marx
Das Treffen in Fulda, das im Bischöflichen Priesterseminar unmittelbar neben dem Fuldaer Dom stattfindet und bis Donnerstag terminiert ist, verspricht einmal mehr viel Spannung. Zwar überschatten diesmal - anders als in vergangenen Jahren - keine Skandale die Versammlung, doch "heiße Eisen" gibt es auch im Herbst 2014 genug.
Da ist zum Beispiel die bevorstehende Bischofssynode zu Ehe- und Familienthemen im Oktober im Vatikan. Über die von Papst Franziskus einberufene Versammlung, an der aus Deutschland Kardinal Marx und die Berliner Familienreferentin Ute Eberl teilnehmen werden, wird seit Wochen intensiv diskutiert - und auch die Bischöfe werden in Fulda darüber sprechen. Vor allem die Frage des Umgangs der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen sorgt unter den Katholiken hierzulande für hitzige Debatten.
Die deutschen Bischöfe, das hat Marx zuletzt beim Jahrestreffen des Gesprächsprozesses der Bischofskonferenz in Magdeburg deutlich gemacht, wollen bei diesem Thema mehrheitlich "in eine Richtung gehen, wie sie Kardinal Walter Kasper vorgeschlagen hat". Kasper hatte beim Konsistorium der Kardinäle im Frühjahr für einen Weg der Barmherzigkeit gegenüber Menschen geworben, die nach einer gescheiterten Ehe eine zweite Zivilehe eingehen und war dafür von Papst Franziskus ausdrücklich gelobt worden.
Ein weiteres Thema der Vollversammlung werden die im Juli veröffentlichten Zahlen zum kirchlichen Leben in Deutschland sein. Die Statistik hat für das Jahr 2013 - und damit auf dem Höhepunkt der Affäre um den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst - unter anderem einen deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte verzeichnet. Kardinal Marx bezeichnete die Zahlen bei ihrer Präsentation als "schmerzlich" und rief innerkirchlich dazu auf, "auf allen Ebenen Vertrauen zu schaffen durch gute und überzeugende Arbeit".
Das Problem: Die kirchliche Arbeit kann noch so gut sein, die Austrittszahlen bleiben nach ersten Erkenntnissen auch 2014 weiter hoch. Als wesentlicher Grund hierfür gilt diesmal jedoch kein verschwenderisch lebender Bischof, sondern das neue Erhebungsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge . Anders als bisher soll die Steuer ab dem 1. Januar 2015 von Banken und Versicherungen automatisch an die Finanzämter abgeführt werden. Damit das klappt, fragen die Institute derzeit die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden ab. Viele Kunden nehmen diese Abfrage offenbar zum Anlass, aus der Kirche auszutreten - teilweise wohl auch deshalb, weil sie fälschlicherweise glauben, es werde eine neue Steuer eingeführt.
Hat sich die Kirche zu weit von den Gläubigen entfernt?
Für den Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, zeigt die Austrittswelle, dass viele Menschen in Deutschland die Bindung an die Kirche und den Glauben verloren haben. "Dann fehlt nur noch ein Anlass, bis sie den formalen Schritt gehen und die Kirche verlassen", so Jüsten in einem Interview mit der "Zeit"-Beilage "Christ __amp__ Welt" . Die Verantwortung für diese Entwicklung sieht der 53-Jährige auch bei der Kirche: Die sei an dem Bindungsverlust zum Teil selbst schuld, weil sie sich aus der Fläche zurückgezogen habe.
Mit dieser Analyse steht Jüsten offenbar nicht alleine da. Denn auch die Bischöfe wollen sich bei einem Studientag intensiver mit dem Thema beschäftigen. Unter dem Motto "Gemeinsam Kirche sein. Das Zueinander der Dienste und Charismen im priesterlichen Gottesvolk" soll es am Mittwoch unter anderem um die Frage gehen, ob sich die Kirche bei den Strukturreformen der vergangenen Jahre zu weit von den Gläubigen entfernt hat. Unter anderem soll ein Vortrag des Passauer Bischofs Stefan Oster tiefer in das Thema einführen.
In einem weiteren Programmpunkt wollen die Bischöfe die kirchliche Position zur Sterbehilfe bekräftigen. Unter dem Leitwort "Sterben in Würde" wollen sich die Oberhirten in den kommenden Monaten verstärkt in die Debatte zu dem Thema einmischen und für eine Stärkung von Palliativmedizin und Hospizarbeit werben. Der neue Kölner Erzbischof , Kardinal Rainer Maria Woelki, gab vor ein paar Tagen als Parole aus: "Wir müssen zeigen, dass es besser ist, an der Hand eines Menschen zu sterben, als durch die Hand eines Menschen."
Beschäftigten wollen sich die Bischöfe darüber hinaus auch mit der Lage der Christen im Irak. Durch die Kriege und Konflikte der vergangenen Jahre droht zwischen Euphrat und Tigris das endgültige Verschwinden des Christentums . Als Gast hat die Vollversammlung zu diesem Thema den Erzbischof von Mossul, Emil Shimoun Nona, eingeladen.
Neben all diesen schwierigeren Themen steht jedoch auch ein angenehmerer Punkt auf der Tagesordnung: Ein Kunstprojekt der Bischofskonferenz aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils . Das Projekt will im kommenden Jahr bundesweit an das Konzil erinnern, Details sollen nun in Fulda vorgestellt werden. (mit Material von KNA)
Die Deutsche Bischofskonferenz ist der Zusammenschluss aller katholischen Bischöfe und Weihbischöfe in Deutschland. Aufgabe der Konferenz sind das Studium und die Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, die gegenseitige Beratung, die notwendige Koordinierung der kirchlichen Arbeit, der gemeinsame Erlass von Entscheidungen sowie die Pflege von Verbindungen zu anderen Bischofskonferenzen. Oberstes Organ der Bischofskonferenz ist die zweimal jährlich tagende Vollversammlung. Weitere Organe sind der Ständige Rat, in dem jede Diözese durch den Bischof mit Sitz und Stimme vertreten ist, der Vorsitzende und die Bischöflichen Kommissionen. (stz)
Katholisch.de wird die Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vom 22. bis 25. September in Fulda redaktionell umfassend begleiten. Neben Livestreams des Pressestatements von Kardinal Reinhard Marx am Montag um 15 Uhr sowie der Abschlusspressekonferenz am Freitag um 10 Uhr berichten die katholisch.de-Redakteure Björn Odendahl und Sarah Schortemeyer in Wort und Bild über alle wichtigen Themen der Versammlung. (stz)