Raum für Klartext
Als dieser Austausch begann, am 27. Mai 1989, ging es um eine dringend notwendige vertrauensbildende Maßnahme zwischen Lehramt und Theologie in Zeiten des Konflikts. Vier Monate zuvor hatten rund 200 deutschsprachige Theologieprofessoren in der "Kölner Erklärung" den römischen Führungsstil gegenüber den Ortskirchen kritisiert und damit für internationales Aufsehen gesorgt.
Lehmann wollte "Frieden schaffen"
Anlass für ihre Empörung war auch eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Theologen die kirchliche Lehrerlaubnis verweigert wurde. Damals führte der Mainzer Bischof Karl Lehmann seit eineinhalb Jahren als Vorsitzender die Deutsche Bischofskonferenz und gehörte erst einige Monate der römischen Glaubenskongregation an. Spontan lud er zu dem Theologengespräch ein. "Bei den Auseinandersetzungen um die Berufung von Kardinal Joachim Meisner als Erzbischof nach Köln" habe er "Frieden schaffen" wollen, sagt er im Rückblick.
"Fragen gemeinsam aufarbeiten" - unter diesem Titel firmierte im Mai 1989 das erste Treffen, an dem neben weiteren Bischöfen auch der damalige Vorsitzende der Glaubenskommission der Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Friedrich Wetter, teilnahm. Etwa die Hälfte der beteiligten Wissenschaftler gehörte zu den Unterzeichnern der "Kölner Erklärung".
Theologisches Selbstbewusstsein und Gelassenheit
Beide Seiten plädierten für bessere "Gesprächsmöglichkeiten der Ortsbischöfe mit Rom", sprachen von "größerer Transparenz für die Öffentlichkeit aus Sorge um die Menschen und die Kirche". In Zeiten von Papst Franziskus mögen solche Aussagen alltäglich klingen, vor 25 Jahren gehörten dazu bei einem Bischof schon theologisches Selbstbewusstsein und Gelassenheit.
Als Lehmann 2008 den Vorsitz der Bischofskonferenz abgab, wünschten sich alle Beteiligten eine Fortsetzung des "Mainzer Gesprächs". Nach wie vor sehen viele in dem Kardinal auch den Theologieprofessor mit umfassender Kenntnis aktueller Fachliteratur, mit Interesse an neuen wissenschaftlichen Ansätzen und den Perspektiven der universitären Arbeit. Bis heute ist der Dogmatiker und Ökumeniker Lehmann, der 2001 die Kardinalswürde bekam, der herausragende Theologe innerhalb der Bischofskonferenz.
Keine "heißen Eisen" mehr
Lehmann selbst bewertet die zweimal jährlich stattfindende Begegnung als "Fundgrube wichtiger Informationen aus der sich rasch wandelnden Hochschullandschaft". So verändern eine Dominanz der technisch-naturwissenschaftlichen Fächer und Effizienzdenken im Hochschulwesen das Verständnis von Wissenschaftsfreiheit. Zugleich muss sich universitäre Theologie angesichts sinkender Studierendenzahlen neu positionieren.
Doch Lehmanns Umschreibung der Gespräche zeigt auch, dass medial heiße Eisen das "Mainzer Gespräch" nicht mehr dominieren. Die Erteilung der Lehrerlaubnis etwa erfolgt heute transparenter, regelrechte Konflikte sind selten geworden.
Hohes Maß an Diskretion
Das 49. Treffen im Herbst vorigen Jahres leitete Benedikt Kranemann. Der Erfurter Theologe ist Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft der katholischen Liturgiewissenschaftler im deutschen Sprachgebiet". Rund zwölf Jahre kennt er die Mainzer Runde, "einen Ort des sehr offenen Gesprächs und der offenen Diskussion". Er selbst, sagt der 54-Jährige, werde aus der Theologenszene gelegentlich gebeten, als "Moderator" zu Lehmann und zum Sekretariat der Bischofskonferenz zu fungieren.
Gerade das Informelle, verbunden mit einem hohen Maß an Diskretion, mag die Stärke des "Mainzer Gesprächs" sein. "Wir hatten und haben keine Vollmacht zu Entscheidungen", sagt Lehmann. "Durch Offenheit und Sensibilität gegenüber Betroffenen konnte manches nach allen Seiten verständlich gemacht werden. Manches konnte ich in weiteren Gesprächen mit Bischöfen oder auch mit Rom einer positiven Lösung entgegenführen." Im Rückblick auf 50 Sitzungen spricht er von einem "erstaunlich guten Vertrauen" bei wechselnden Gesprächspartnern.
Zukunft unklar
Es scheint nicht recht klar, was mit dem Gesprächsforum passieren wird, wenn Kardinal Lehmann als Bischof von Mainz - wohl spätestens in zwei Jahren - in den Ruhestand geht. Es braucht einen Bischof, der den Theologen zugleich Theologe ist. Auch künftig, so Kranemann, "muss es eine Offenheit geben für Theologie. Und müssen Ängste abgebaut werden bei dem einen oder anderen Bischof."
Von Christoph Strack (KNA)