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Wie drei kirchliche Projekte auf Menschen zugehen

Raus aus den dicken Kirchenmauern!

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Heiko Kuschel und Ullrich Göbel mit der Wagenkirche
Bonn - Es braucht gute Ideen, um Menschen anzusprechen, die nichts mit Kirche zu tun haben. katholisch.de stellt drei Projekte vor, die eines gemeinsam haben: Ihre Initiatoren brauchen manchmal sehr viel Mut.

Wenn kaum noch Leute in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu den Leuten kommen. Diesen Ansatz verfolgen viele Initiativen in deutschen Gemeinden. Wir stellen beispielhaft drei unterschiedliche Projekte vor, die eines gemeinsam haben: Sie gehen mit ihrer Überzeugung dahin, wo in der Stadt viel los ist – auf den Markt.

frei.raum.markt

Auf ein Schild hat Daniel Gewand bewusst verzichtet. Er mag die Einfachheit seines Projekts "frei.raum.markt": Er sitzt einfach auf dem Coesfelder Marktplatz und bietet sein offenes Ohr an. Sorge, dass er deswegen nicht gefunden wird, hat er nicht: "Ich bin ein auffälliger Typ mit Dreadlocks und kleiner Brille", sagt der Pastoralreferent über sich. Seit diesem Sommer hat er in Coesfeld im Bistum Münster die Aufgabe, ein neues Projekt für junge Erwachsene von 25 bis 35 Jahren zu gründen. "Dazu gehört eben auch, neue Formen auszuprobieren." Die Idee mit dem unaufdringlichen Kommunikationsangebot "frei.raum" hat er erstmals bei einem Rockfestival in der Stadt ausprobiert: "Da habe ich mich hingestellt und gesagt: Ich bin der Neue für junge Erwachsene von der Kirche. Ihr könnt mich was fragen, ich bin für ein Gespräch da." Nach anfänglichem Zögern sei sein Angebot auch gut angenommen worden. Viele hätten ihm Fragen zur Theologie oder zum eigenen Glauben gestellt, einige hätten auch Frust oder Kritik an der Kirche loswerden wollen. Sein Fazit war positiv: "Am Ende des Gespräches, auch wenn es nur Kritik war, hieß es immer: 'Danke, dass Sie zugehört haben'", beschreibt Gewand. Das habe ihn ermutigt, auch außerhalb des Festivals weiterzumachen.

Pastoralreferent Daniel Gewand auf dem Coesfelder Marktplatz
Ein offenes Ohr: Pastoralreferent Daniel Gewand auf dem Marktplatz in Coesfeld.

"Ich habe mich gefragt: Wie gebe ich jungen Erwachsenen die Chance, mich ganz einfach zu finden?", erzählt er. So sei er auf die Idee gekommen, sich an einem Tag in der Woche für eine Stunde an den Brunnen am Marktplatz zu setzen – und seine Aktion "frei.raum.markt" über die Medien anzukündigen. Mit Foto, für den Wiedererkennungswert. Seine Erfahrung nach zwei Wochen: "Mich haben zunächst einmal kirchennahe Leute angesprochen, die die Aktion kannten", berichtet er. "Aber es kam zum Beispiel auch ein junger Erwachsener auf mich zu, der sagte: 'Sie sind doch Seelsorger! Ich kenne Sie aus der Zeitung und will mit Ihnen sprechen!' Ich bin überzeugt davon, dass der nicht zu mir ins Büro gekommen wäre." Zwar seien nicht die Massen gekommen, "aber ich finde trotzdem, dass sich die Aktion lohnt." Daher wolle er weitermachen: "Mit einem Seelsorger aus der Pfarrei zu quatschen ist genauso wichtig für klassische Kirchgänger wie für junge Erwachsene." Das einfache Konzept will er beibehalten, aber mit Blick auf die kalte Jahreszeit einen wärmeren Ort finden. Er glaubt, dass die Aktion sich bewähren kann: "Coesfeld ist klein genug, dass es sich unter den jungen Erwachsenen herumspricht, dass da einer sitzt, der zuhört und vielleicht auch Fragen beantwortet."

Die "Marktlücke"

Auf dem Wochenmarkt in Markdorf ist immer viel los, besonders bei der Wurstbude und am Obst- und Gemüsestand. Wenn dazwischen eine Lücke ist, stellt Stefania Menga ihren Stand gerne genau dorthin. Doch sie will nichts verkaufen: "Wir wollen einfach präsent sein." Menga ist Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit Markdorf im Erzbistum Freiburg. Mit ihrem Stand, auf dessen Banner "Marktlücke" und darunter "Impuls – Gespräch – Begleitung" gedruckt ist, stehen sie oder Vikar Johannes Treffert einmal im Monat auf dem Markt – gemeinsam mit Pfarrer Tibor Nagy aus der evangelischen Gemeinde. "Wir wollen auf dem Markt eine Lücke füllen und einfach da sein", erklärt Menga. "Wir möchten aber nicht aufdringlich sein, wir holen niemanden an den Stand und fangen auch niemanden ab, der vorbeiläuft."

Es wird über alles gesprochen

Doch natürlich lädt die Gestaltung des Standes ein, näher zu treten: Der Stand und eine Stellwand daneben werden für jeden Markttag neu thematisch gestaltet. "Zur WM hatten wir zum Beispiel Aussagen von Fußballern zum Thema Glauben, die viele hier überrascht haben", erzählt Menga. "Zur Urlaubszeit hatten wir dann einen Sonnenschirm und einen Liegestuhl aufgestellt und an die Stellwand konnte jeder einen Zettel heften mit seiner Antwort darauf, was für ihn Auszeit bedeutet." Etwa 30 bis 40 Leute pro Markttag, kämen an den Stand, meint die Gemeindereferentin. "Das sind Menschen aus den Gemeinden, aber auch solche, die einfach interessiert sind." Dabei werde über alles gesprochen, gerade Gemeindemitglieder nähmen die Chance war, mal in Ruhe mit der Gemeindereferentin oder dem Vikar zu sprechen. "Dazu fehlt uns ja sonst oft die Zeit."

Der Stand der Aktion "Marktlücke"
Warten auf Gäste: Der Stand der ökumenischen Aktion "Marktlücke" auf dem Wochenmarkt in Markdorf.

Aber längst nicht mit allen Interessierten kommt das "Marktlücke"-Team ins Gespräch. "Manche Leute sind neugierig, wollen aber nicht angesprochen werden", hat Menga festgestellt. "Sie kommen dann von hinten heran, um sich die Stellwand anzusehen, wenn wir in einem Gespräch sind, weil sie wissen, dass wir sie in Ruhe lassen werden." Kritik habe sie auf dem Markt nicht gehört, dafür anfangs aus den eigenen Reihen. "Es hieß: Wir sind doch keine Sekte!" Menga hielt dagegen: "Wir müssen aber raus aus unseren dicken Kirchenmauern und zeigen, dass wir bunt und froh sind." Aus dieser Motivation heraus war die "Marktlücke" im Juli gestartet worden. Stefania Menga fragte dazu auch bei der evangelischen Gemeinde an: "Die Ökumene läuft hier gut und sie waren sofort dabei", erzählt sie. Für die nächsten Markttage überlegen sie, auch Ehrenamtliche aus den Gemeinden an den Stand zu holen.

Die "Wagenkirche"

Diese Kirche ist nicht nur ziemlich groß, sie ist auch schwer – und steht auf Rädern: Wenn Ullrich Göbel und Heiko Kuschel ihre "Wagenkirche" eine Steigung hochziehen wollen, müssen sich der katholische Pastoralreferent und der evangelische Pfarrer vorne an der Deichsel fast dagegen lehnen. Schon seit mehr als fünf Jahren macht die "Wagenkirche" eigentlich jeden Freitag an etwa drei Stellen in der Schweinfurter Altstadt im Bistum Würzburg Station. Dann gibt es Programm: "Wir überlegen uns immer einen neuen Dialog mit einem Denkanstoß fürs Wochenende", erklärt Göbel. "Das versuchen wir auf locker-pfiffige Art zu machen und beziehen aktuelle Anlässe mit ein." Manchmal auch ohne Worte: So stellten sie zum Beispiel nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs eine Kerze auf und luden Passanten ein, in kurzem, stillen Gebet für die Betroffenen zu verharren.

Das ökumenische Gespann grüßt ansonsten die Vorbeigehenden mit einem "Grüß Gott" und lässt sich ansprechen. Die Reaktionen auf ihr auffälliges Gefährt könnten unterschiedlicher nicht sein: "Von 'Scheißkirche' bis zu intensiven seelsorgerischen Gesprächen ist alles dabei", erzählt Kuschel. Aus manch rüder Begrüßung würde dann aber doch eine nette Unterhaltung, sagen die beiden. "Das lohnt sich. Es ist eine gute Möglichkeit, mit dem Menschen ins Gespräch zu kommen und Stimmungen aufzufangen – wie jetzt zum Beispiel mit den Flüchtlingen", meint Göbel. Daher wollen die beiden mit der Wagenkirche weitermachen. Auf die Menschen zuzugehen koste aber Überwindung: "So extrovertiert bin ich gar nicht", meint Kuschel. Göbel fügt hinzu: "Ich spreche die Leute manchmal schon zu viel an, also da ergänzen wir uns gut."

Nach all der Zeit gibt es schon so etwas wie eine Fangemeinde – sowohl im Internet, wo ihre Dialoge als Podcast und zum Nachlesen abrufbar sind, als auch in der Stadt. "Da ist zum Beispiel ein Pensionär, der uns jedes Mal anspricht, oder die Marktfrau, die uns Äpfel für unterwegs zusteckt", erzählt Göbel. Die Idee sei 2010 bei der Tagung des ökumenischen Netzwerks Citykirchenprojekte entstanden, so Kuschel. "Wir brauchen was in der Fußgängerzone", habe er sich seinerzeit gedacht. Da es nicht möglich gewesen sei, zentrale Räume für eine Ladenkirche oder ähnliches zu finden, habe man eben mit einer Kirche auf Rädern in die Stadt ziehen wollen. Diese habe dann die Gesellschaft für berufliche Förderung erbaut. "Sie ist so groß geworden, dass sogar die Garage, in der sie steht, etwas umgebaut werden musste", erinnert sich Kuschel. Vor jedem Einsatz müssen die beiden Seelsorger die Wagenkirche zusammenbauen – und manchmal auch putzen: "Heiko hat letztens die Kirche entstaubt, indem er Wasser mit einer Gießkanne drüber geschüttet hat", erzählt Göbel. "Als wir ein Foto davon bei Facebook hochgeladen haben, wurde es sofort entsprechend lustig kommentiert." Beide lachen. Das sei es eben, was sie motiviere, auch bei anderen ökumenischen Projekten neben der Wagenkirche: "Wir haben hier eine wunderbare Zusammenarbeit."

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