"Schüler brauchen eine 35-Stunden-Woche"
Frage: Frau Maier, viele Jugendliche stehen heute unter großem Leistungsdruck. Ihr Alltag ist straff durchorganisiert. Ist es nicht zu viel verlangt, ihnen zu sagen, jetzt müsst ihr euch auch noch politisch engagieren?
Maier: Wenn junge Menschen sich engagieren, dann tun sie das aus eigenem Antrieb, um ihre Wünsche und Interessen zu artikulieren, selbstbestimmt und selbstorganisiert. Sie schließen sich zusammen, gestalten ihre Freizeit gemeinsam und daraus ergeben sich Forderungen, die sie gerne transportieren möchten. Tatsächlich würden sich viele junge Menschen mehr engagieren, haben aber immer weniger Zeit. Deshalb brauchen sie mehr Freiräume.
Frage: Wie kann das konkret aussehen?
Maier: Wir fordern zum Beispiel eine 35-Stunden-Woche für Schülerinnen und Schüler. Durch die Ganztagsschule kommen viele Jugendliche mit Hausaufgaben weit über eine 40-Stunden-Woche hinaus. Wir hören immer wieder, dass sie bis in den Abend und auch am Wochenende lernen. Ähnlich geht es Studierenden in den Bachelor- und Masterstudiengängen, die auch in den Semesterferien kaum noch Zeit finden, mal eine Ferienfreizeit zu leiten...
Jugendpolitik ist Querschnittspolitik. Ein Umweltpolitiker muss junge Menschen genauso mitdenken, wie eine Finanzpolitikerin.
Lisi Meier
Frage: Und trotzdem ist das politische Interesse da. Im Mai stehen Kommunalwahlen in zehn Bundesländern an. Ist die kommunale Ebene ein guter politischer Einstieg für junge Menschen?
Maier: Ja, denn Jugendverbandsarbeit startet meist vor Ort und dort spüren die Jugendlichen die direkten Auswirkungen der Politik. Bei der Kommunalwahl in Bayern hat sich zum Beispiel die Katholische Landjugendbewegung sehr eingebracht und Bedürfnisse junger Menschen auf dem Land formuliert. Dabei ging es etwa um die Taktung des öffentlichen Nahverkehrs, der sich - wenig jugendfreundlich - nur an Ladenöffnungszeiten orientiert. In Großstädten geht es eher um die Einrichtung von Jugendzentren oder die Mitgestaltung von Bebauungsplänen.
Frage: Aber auch die Landes- und Bundespolitik hat viele Entscheidungen zu treffen, die für Jugendliche relevant sind...
Maier: Genau. Uns ist wichtig, dass Jugendpolitik Querschnittspolitik ist. Ein Umweltpolitiker muss junge Menschen genauso mitdenken, wie eine Finanzpolitikerin. Etwa, wenn es um die Frage geht: Wie setze ich Ressourcen ein, um Kindern und Jugendlichen heute ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen, ohne die kommenden Generationen zu sehr zu belasten? Die große Koalition will in Zusammenarbeit mit den Jugendverbänden einen "Jugendcheck" entwickeln. Die konkrete Ausgestaltung steht noch nicht fest. Unser Wunsch wäre aber, alle Gesetze aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen einschätzen zu lassen, indem Jugendvertreter im Vorfeld angehört werden.
Frage: Sie sitzen als Bundesvorsitzende des BDKJ in Berlin an einer Schnittstelle zwischen Jugendverband und Politik. Wie schätzen Sie Ihren Einfluss ein?
Maier: Wir haben gute Kontakte, sowohl in Ministerien, als auch bei Ansprechpartnern aller Parteien und im Jugendausschuss. Die Jugendverbände sind derzeit gut aufgestellt in Deutschland: Wir haben einen kontinuierlichen Zuwachs an Jugendlichen und wir hoffen, dass wir unsere Forderungen deutlich genug formulieren. Wichtig ist, dass wir nicht nur im Jugendausschuss gehört werden, sondern auch in anderen Bereichen, die Jugendliche betreffen - zum Beispiel Arbeitsmarktpolitik und Rentenpolitik - miteinbezogen werden.
Frage: Ist auch die Europawahl ein Thema für die Jugendlichen oder ist Europa weit weg?
Maier: Gerade in den letzten Jahrzehnten ist Europa für junge Menschen so etwas wie Heimat geworden. Sie reisen frei umher, studieren in unterschiedlichen Ländern oder machen ihre Ausbildung. Die Grenzen sind als solche kaum noch vorhanden. Bestimmte europäische Themen betreffen junge Menschen sehr stark. Gerade, wenn es um Flüchtlingspolitikund die "Festung Europa" geht, äußern sie sich in unseren Verbänden und machen sich als junge Christen stark für einen menschenwürdigen Umgang. Nicht zuletzt, weil auch Papst Franziskus sich mit dem Thema auseinandersetzt.
Die Jugendlichen identifizieren sich stark mit dem Verband, aus dem sie kommen.
Lisi Meier
Frage: Spielen christliche und kirchliche Wertvorstellungen grundsätzlich eine große Rolle für Jugendliche, die in den BDKJ-Verbänden engagiert sind?
Maier: Wenn es um Fragen der Menschenwürde geht, spielen diese Werte in ihrem politischen Bewusstsein durchaus eine Rolle. Die Jugendlichen identifizieren sich stark mit dem Verband, aus dem sie kommen. Seien es die Pfadfinder oder die Kolpingjugend oder eben die Katholische Landjugendbewegung. Gerade, wenn es um moralische Aspekte geht, betrachten sie die Dinge aus dieser Perspektive.
Frage: Würden Sie sagen, dass Jugendliche aus den Verbänden eher geneigt sind, eine politische Laufbahn einschlagen, als nichtorganisierte Jugendliche?
Maier: Ich glaube schon. Sie lernen bei uns, sich mit politischen Themen, die sie persönlich beschäftigen, auseinander zu setzen und erfahren, wie politische Prozesse funktionieren - zum Beispiel Wahlen oder das Engagement auf unterschiedlichen Ebenen: von der Pfarrei bist zur Bundesebene. Es gibt Studien, die besagen, dass Menschen, die in der Jugend nicht engagiert waren, sich auch später schwer damit tun. Wer sich aber schon früh engagiert, behält das oft das ganze Leben lang bei. Gerade bei den Kommunalwahlen in Bayern haben sich viele aus der katholischen Jugendverbandsarbeit aufgestellt. Aber auch im Bundestag sind viele Abgeordnete mit einer Jugendverbands-Vergangenheit.
Das Interview führte Janina Mogendorf
In einer Serie zu den bevorstehenden Europa- und Kommunalwahlen in vielen Bundesländern, beschäftigt sich katholisch.de mit dem politischen Engagement katholischer Jugendlicher und Jugendverbände. Hier finden Sie die bisherigen Themen der Serie: "Führungszeugnis? Ohne mich!" Podiumsdiskussion in Haltern am See"Schüler brauchen eine 35-Stunden-Woche" Interview mit Lisi Maier"Kolping im Herzen" Porträt von Florin Liening-Ewert