Schwere Geburt
Um dem mehrstufigen kirchlichen Entscheidungsweg auf die Sprünge zu helfen, kam es auch zu ungewöhnlichen Initiativen. So sprach der angehende Theologe Daniel Bertram aus dem thüringischen Eichsfeld den Papst darauf an. Bei einer Ministrantenwallfahrt im August erinnerte er den offensichtlich verblüfften Franziskus daran, dass die Thüringer "immer noch auf einen neuen Bischof warten", wie der 23-Jährige anschließend berichtete.
Ungewöhnliche Methoden
Ob dies das Verfahren beschleunigt hat, bleibt Spekulation. Immerhin hatte auch Weihbischof Reinhard Hauke, der das Bistum übergangsweise leitet, im Juni bei einer Wallfahrt seine Ungeduld öffentlich bekundet. Der Unmut wuchs, als Köln innerhalb von nur viereinhalb Monaten einen neuen Erzbischof erhielt und Papst Franziskus im Juli den Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki an den Rhein berief.
Vom Rhein kommt nun der lang ersehnte neue Oberhirte für das Bistum in der Mitte Deutschlands, das durch den Besuch von Benedikt XVI. 2011 zwei Tage im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stand. Dort tritt Neymeyr in große Fußstapfen. Mit über 21 Amtsjahren prägte Joachim Wanke die Diözese nachhaltig. Auch im Ruhestand ist der 73-Jährige für seine tiefgründigen und zugleich verständlichen Predigten bekannt.
Neue Formen der Seelsorge
Zusammen mit Weihbischof Hauke förderte Wanke zudem ungewöhnliche Formen der Seelsorge. Über das Bistum hinaus bekannt sind die "Feiern der Lebenswende" für ungetaufte Jugendliche als Alternative zur atheistischen Jugendweihe und die Segensfeiern für Paare am Valentinstag. Sie erreichen auch solche Menschen, die der Kirche sonst fern stehen. Die Deutsche Bischofskonferenz festigte Erfurts Ruf als Zentrum neuer Initiativen durch die Gründung der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral.
Solchen Aufbrüchen stehen im Bistum Erfurt zugleich anhaltende Schrumpfungsprozesse gegenüber. Seit Jahren ist die Zahl der Katholiken rückläufig. Sie beträgt nun gut 151.000, das sind rund 8 Prozent der Bevölkerung. Damit befindet sich das Bistum an viertletzter Stelle unter den 27 deutschen Diözesen, mit Blick auf die Fläche belegt es einen Mittelplatz. Allerdings sind seine Katholiken wie in den anderen Diaspora-Diözesen besonders "kirchentreu". So kommen im Durchschnitt fast 19 Prozent von ihnen zum Sonntagsgottesdienst, im Mittel der deutschen Diözesen sind es weniger als 11 Prozent.
Auch wegen des Priestermangels ist im Bistum Erfurt wie in anderen Diözesen eine einschneidende Gemeindereform im Gange. Von 120 im Jahr 2005 wird die Zahl der Pfarreien durch Zusammenlegungen auf 32 im Jahr 2020 reduziert. Das bedeutet Abschied von gewohnten Strukturen und die Notwendigkeit, das kirchliche Leben neu zu vernetzen. Im katholisch geprägten Eichsfeld und der krassen Minderheitensituation im übrigen Thüringen erfolgt dies unter ganz unterschiedlichen Bedingungen.
Die Zukunft der theologischen Fakultät ist ungewiss
In Erfurt steht der neue Bischof zudem vor der Aufgabe, die Zukunft der Katholisch-Theologischen Fakultät sicherzustellen. Im Rahmen der 1994 wiedergegründeten Universität ist sie die einzige in Ostdeutschland. Sie entstand aus dem "Philosophisch-Theologischen Studium", der einzigen akademischen Ausbildungsstätte für katholische Theologen in der DDR. Bis heute ist ihr Umfang mit der Funktion begründet, Priester auszubilden. Angesichts rückläufiger Kandidatenzahlen steht auch die Fakultät unter öffentlichem Spardruck.
Jeden Euro zwei Mal umdrehen muss auch das Bistum selbst. Wie andere Diaspora-Diözesen ist es auf die Solidarität der finanziell besser ausgestattenen West-Bistümer angewiesen. Schlanke Strukturen sind die Erfurter Katholiken deshalb gewöhnt – damit aber auch kürzere Wege zu ihrem Bischof.
Von Gregor Krumpholz (KNA)
Das Bistum Erfurt erstreckt sich über den größten Teil Thüringens. Ihm gehören rund 152.000 Katholiken an, das sind knapp acht Prozent der Bevölkerung. Stark katholisch geprägt ist nur das Eichsfeld im Nordwesten des Landes. Der heilige Bonifatius gründete im Jahre 742 ein erstes Bistum Erfurt, das nur wenige Jahre bestand. Danach kam das Gebiet für mehr als ein Jahrtausend zum Erzbistum Mainz. Nach 1930 gehörte es zu den Diözesen Fulda und Würzburg, deren Bischöfe durch die deutsche Teilung ihre Amtsvollmachten jedoch immer weniger ausüben konnten. Deshalb wurde 1973 von Papst Paul VI. ein Apostolischer Administrator für das Bischöfliche Amt Erfurt-Meiningen eingesetzt, der direkt dem Vatikan unterstellt war. Seit 1981 hatte Bischof Joachim Wanke dieses Amt inne. 1994 wurde er dann erster Bischof des Bistums Erfurt, das im selben Jahr im Rahmen der Neuorganisation der katholischen Kirche nach dem Ende der DDR wieder gegründet wurde. 1997 schlossen der Heilige Stuhl und der Freistaat Thüringen einen Vertrag. Er regelt das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche in dem Bundesland. Seit Wankes Amtsverzicht im Oktober 2012 leitet Weihbischof Reinhard Hauke das Bistums übergangsweise bis zum Amtsantritt eines neuen Bischofs. (KNA)