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Selbst engagierte Kirchenmitglieder wollen "nicht mehr bei uns bleiben"

Stadtdechant von Münster: Kirchen-Exodus für mich kaum aushaltbar

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Der Stadtdechant von Münster, Jörg Hagemann
Münster - Auch engagierte Gemeindemitglieder treten vermehrt aus der Kirche aus: Das schmerzt den Münsteraner Stadtdechanten Jörg Hagemann. Viele nähmen die Kirchen als "Täter-Organisation" wahr – und er erwische sich manchmal bei Gedanken an seine Rente.

Der Stadtdechant von Münster, Jörg Hagemann, hat sein tiefes Bedauern über die gegenwärtige Welle von Kirchenaustritten zum Ausdruck gebracht. Dass inzwischen selbst engagierte Gläubige aus der Mitte der Gemeinde der Kirche den Rücken kehrten, mache ihn fassungslos und traurig, sagte der leitende Geistliche am Dienstag im Interview mit dem Internetportal "Kirche+Leben". Es sei für ihn "kaum aushaltbar, dass so viele nicht mehr bei uns bleiben können oder wollen", so Hagemann.

Allein in den ersten drei Monaten des Jahres sind laut Information des WDR mehr als 3.500 Menschen aus dem Münsterland, eine der drei Regionen des Bistums Münster, aus der Kirche ausgetreten. Aus seiner Pfarrei berichtete Stadtdechant Hagemann, dass die Kirche von den Austrittswilligen als "Täter-Organisation" erfahren werde, die sie nicht länger unterstützen wollten. Die Gründe, die häufig zum Bruch mit dem "System" Kirche führen würden, seien die "kritischen Punkte, die schon seit Langem auf dem Tisch liegen", wie der Umgang mit Missbrauch, die Frage der Geschlechtergerechtigkeit und die kirchliche Sexualmoral. Der Umgang der Kirche mit diesen Themen habe nichts mehr mit den Überzeugungen zu tun, die viele Menschen in ihrem sozialen Umfeld lebten, so Hagemann. Bei der Entscheidung zum Austritt gehe es deshalb heute "nicht mehr um einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat – da ist ein ganzer Eimer obendrauf gekommen".

Erschrocken über Gedanken an eigene Rente

Der Exodus ehemals kirchlich Beheimateter ist für Hagemann "theologisch und praktisch eine Katastrophe", denn er bedeute, dass die Kirche ihrem "Auftrag, den Menschen ein Zeugnis von Gott zu geben, nicht gerecht" werde. Bei den großen Themen brauche es deshalb definitiv Veränderungen. Gleichzeitig müsse die Kirche auch für jene Heimat bleiben, die ein eher konservatives Kirchenbild vertreten, so der Münsteraner Stadtdechant. Er selbst habe zwar nie in Erwägung gezogen, aus der Kirche auszutreten. Aber er erwische sich manchmal bei dem Gedanken, wie lange er noch bis zur Rente brauche – "das erschreckt mich total", sagte Hagemann.

Hagemann ist seit 2014 Pfarrer von St. Nikolaus im Münsteraner Stadtteil Wolbeck und zugleich Stadtdechant von Münster. Am 10. Mai will er sich an der bundesweiten Aktion #liebegewinnt beteiligen und trotz des Verbots der Glaubenskongregation in seiner Kirche einen Segnungsgottesdienst für homosexuelle Paare anbieten. Er tue dies nicht aus strategischer Absicht, um etwa Menschen vom Kirchenaustritt abzuhalten. Vielmehr wolle er öffentlich "ein Bild davon geben, was Gott ist: Gott liebt Menschen – und im Segen will er Menschen nahe sein", so Hagemann. (mfi)

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