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Trends auf Friedhöfen

Steinmetz: Die Friedhofskultur darf nicht aussterben

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Ein junger Mann sitzt allein auf einer Parkbank auf einem Friedhof und blickt schweigend auf die Grabstätten. Die Szene steht symbolisch für Trauer, Verlust, Einsamkeit und stilles Gedenken an einen verstorbenen Menschen
Waibstadt - Michael Lutz ist Steinmetz in neunter Generation. Im Interview mit katholisch.de hat er über christliche Motive auf Grabsteinen, Trends und den Rückgang der Grabsteinzahlen gesprochen.

Seit über 250 Jahren besteht der Steinmetzbetreib von Michael Lutz und seinem Bruder Heinrich Lutz. Die ganze Familie arbeitet hier in Waibstadt in Baden-Württemberg. Sie erledigen Restaurationsarbeiten unter anderem an Kirchen und entwerfen Grabsteine. Die macht Michael Lutz am liebsten. Da könne er sich kreativ ausleben und "es erfüllt, wenn man den Leuten damit hilft". Aber er sieht auch einen Wandel in den Anfragen. Warum ihm klassische Inschriften am Herzen liegen und welche christlichen Motive noch gefragt sind, hat er im Interview verraten.

Frage: Friedwälder, moderne Grabgestaltung, Seebestattungen: Herr Lutz, werden Grabsteine unwichtiger?

Lutz: Schon ein bisschen. Der Trend geht weg vom Friedhof – Richtung Friedwald und andere Bestattungsformen. Aber das liegt nicht an der klassischen Beerdigung auf dem Friedhof oder einem Grab mit Grabstein an sich. Es gibt noch viele Leute, denen das wichtig ist. Aber sie wollen nicht, dass sich die Kinder um das Grab kümmern müssen – weil die zum Beispiel nicht vor Ort wohnen.

Frage: Wenn sich mehr Menschen nicht um die Gräber ihrer Angehörigen kümmern können, sind Grabplatten praktischer als klassische Gräber.  Merken Sie diese Entwicklung?

Lutz: Ja, das merkt man. Vor 30 Jahren haben wir hier im Ort noch 30 bis 40 Grabsteine pro Jahr gemacht, jetzt sind es maximal fünf bis zehn. Das ist schon drastisch zurückgegangen. Heute gestalten wir zu 90 Prozent Urnengräber. Und einige Leute entscheiden sich auch für Friedwälder, weil da die Arbeit noch weniger ist. Deswegen haben wir mit der Gemeinde Waibstadt etwas Neues entwickelt – ein Urnengemeinschaftsgrab.

Frage: Wie kann man sich das vorstellen?

Lutz: Das ist eine fertige Steinanlage für Urnen. In eine Röhre setzen wir die kompostierbare Urne. Das ist ähnlich wie bei Urnenstelen. Bei Stelen verrotten die Urnen aber nicht. Sie müssen nach 20 Jahren nochmal entnommen und beerdigt werden. Das ist hier nicht der Fall. Nachdem die Urne in die Röhre gesetzt wird, kommt eine Platte mit dem Namen des Verstorbenen darauf. Anders als im Friedwald ist bei uns die Urne wirklich da, wo die Schrift drauf ist. Die Leute haben ihr individuelles Grab. Das wird wirklich gut angenommen: Die Leute können im Heimatort begraben werden, es ist nicht anonym und die Angehörigen müssen es nicht pflegen. Da haben wir wirklich einen Nerv getroffen und da bin ich auch froh drum.

Eine Flächen aus verschiedenen Steinplatten ist auf einem Friedhof zu sehen. In der Mitte der Platten ist ein Baum gepflanzt.
Das Urnengemeinschaftsgrab soll den Angehörigen Arbeit abnehmen und trotzdem eine Beerdigung auf dem heimischen Friedhof ermöglichen.

Frage: Wenn Sie eine Anfrage für einen klassischen Grabstein haben: Gibt es dabei Unterschiede zwischen Anfragen für christliche und nicht kirchliche Beerdigungen?

Lutz: Für christliche Grabsteine ist das Beliebteste immer noch das Kreuz. Manche wollen auch betende Hände, eine Christusfigur oder einen Bibelspruch. Aber christliche Symbole haben wir fast gar nicht mehr. Bei Beerdigungen mit Trauerrednern sind die Symbole öfter berufsbezogen. Auch Hobbies verarbeiten wir oft. Wenn zum Beispiel ein Landwirt beerdigt wird, bekommt er eine Ähre. Das ist eigentlich auch ein christliches Symbol – genauso wie Herzen und Rosen. Aber die meisten meinen das nicht unbedingt christlich.

Frage: Verändern sich auch die Grabinschriften?

Lutz: Die sind einfacher geworden. Früher stand mehr auf den Grabsteinen, zum Beispiel noch ein Spruch. Heute beschränkt man sich auf den Namen und meistens nur das Geburts- und Sterbejahr, ohne die Tage. Ich persönlich mag es gerne klassisch und das lege ich auch den Kunden nahe.

Frage: Was bedeutet für Sie "klassisch"?

Lutz: Ich lege viel Wert darauf, dass Vorname, Familienname und – wenn jemand ein Familiengrab hat – auch die früheren Generationen stehen bleiben. Oft schreiben wir klein unten auf den Grabstein "Unvergessen und die Namen". Als zu wenig Platz auf der Vorderseite war, haben wir den Grabstein auch schonmal umgedreht. Der neue Name stand dann vorne und die Eltern auf der Rückseite. So werden die Verstorbenen nicht vergessen.

Der Friedhof an sich ist das Aushängeschild für eine Gemeinde.

Michael Lutz, Steinmetz aus Waibstadt

Frage: Ab und zu kann man auf Grabsteinen QR-Codes sehen, die zu Websites mit Erinnerungen an den Verstorbenen führen: Wie verändert die Digitalisierung Ihre Grabsteine?

Lutz: Leider noch wenig. Das ist ein Trend. Aber manche Friedhofssatzungen erlauben das gar nicht. Ich finde das ist eine gute Idee. Die Facebook-Seite oder Website hinter dem QR-Code erinnert an den Verstorbenen. Ich glaube, dass das zur Trauerbewältigung beiträgt. Leider geraten solche Seiten auch irgendwann in Vergessenheit und werden nicht mehr gepflegt. Aber das gehört auch zum normalen Trauerprozess.

Frage: Grabsteine können also wie ein Geschichtsbuch sein: Welche Bedeutung hat ein Grabstein für Sie persönlich?

Lutz: Genau, so sehe ich das. Der Friedhof an sich ist das Aushängeschild für eine Gemeinde. Wenn Leute in den Ort kommen – an Weihnachten oder zum Klassentreffen – gehen sie alle auf den Friedhof und besuchen frühere Bekannte. Da soll man am Grabstein erkennen, wer der Mensch war. Wenn ich das gestalten kann, dann erfüllt einen das im Handwerk – und dann ist das der perfekte Grabstein. Ich habe da auch ein kleines Beispiel…

Michael Lutz hält einen Hammer und Meißel in der Hand. Er arbeitet damit an einem Stein.
Michael Lutz ist Steinmetz in der neunten Generation in seinem Betrieb. Auch die zehnte Generation arbeitet schon im Betrieb mit.

Frage: Nur zu…

Lutz: Eine Frau hat uns einmal ihre Geschichte erzählt: Sie hat ihren Mann in Hamburg kennengelernt, beide waren Elvis-Fans und sie liebten Sylt. Daraus haben wir einen Grabstein gemacht. Vorne auf dem Grabstein waren ein Plattenspieler, eine Schallplatte und ein Piktogramm von Sylt. Der Stein hat ihre gemeinsame Lebensgeschichte erzählt. Die Frau war so glücklich. Das hat mich erfüllt, das war schön. Die Leute sind einen Schritt weiter, wenn der Grabstein steht.

Wir haben alle einen hektischen Alltag und da wird der Friedhof schnell vergessen. Früher war er das WhatsApp des Ortes. Das hat sich verändert.

Michael Lutz

Frage: Auch die Friedhofsordnungen bestimmen, was gewählt werden kann: Wie frei sind Sie denn überhaupt in der Gestaltung der Grabsteine?

Lutz: Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. In der Gestaltung betrifft mich das eigentlich gar nicht, da hat man viele Freiheiten. Aber bei den Maßen und Steinarten muss man darauf achten – zum Beispiel dürfen in manchen Orten nur naturbelassene Steine verwendet werden. Und umso ausgefallener die Idee des Kunden, umso vorsichtiger muss man sein.

Frage: Welche Rolle spielen Kosten für die Wahl eines Steines?

Lutz: Der Preis spielt immer eine Rolle. Aber eher bei der Auswahl der Gräber – ob Urnengrab oder großer Grabstein. Wenn sie einen Grabstein kaufen, interessiert es viele Leute nicht, ob der jetzt 3000, 4000 oder 5000 Euro kostet. Dass jemand wegen des Preises von seinem gestalteten Grabstein abweicht, kommt selten vor.

Auf dem linken Bild ist ein sandsteinfarbener Steinklotz zu sehen. Auf dem rechten Bild ist aus dem Steinklotz die Umrisse einer Kirche gemeißelt.
Ein Kunde von Michael Lutz hat sich einmal die Felsenkirche von Lalibela als Grabstein gewünscht. Aus einem einfachen Klotz entstand der Nachbau.

Frage: Was war der außergewöhnlichste Grabstein, den Sie bislang designt haben?

Lutz: Das war vor drei Jahren. Der Verstorbene war aus Äthiopien und wollte die Felsenkirchen von Lalibela als Grabstein haben. Das ist eine christliche Kirche in Äthiopien, die aus dem Felsen gehauen ist. Und das haben wir gemacht. Erst haben wir ein Modell erstellt und uns die Maße aus dem Internet zusammengesucht, damit auch die Proportionen passen – jedes Fenster, jede Tür. Wir konnten ja nicht einfach nach Äthiopien fliegen, um uns das Original anzuschauen. Zwei Monate hat die Vorbereitung gedauert. Am Schluss haben wir die Felsenkirche aus einem viereckigen Steinblock nachgebaut und auf den Friedhof versetzt. Dass da dann nichts passiert, war schon aufregend.

Frage: Möchten Sie zum Schluss noch etwas loswerden?

Lutz: Wir haben alle einen hektischen Alltag und da wird der Friedhof schnell vergessen. Früher war er das WhatsApp des Ortes. Das hat sich verändert. Aber wenn die Leute nach einem Sterbefall zu uns kommen, dann merkt man, dass der Tod und Friedhöfe wichtig sind. Und auf Friedhöfen trifft man auch heute noch einsame Menschen. Wenn man auf den Friedhof geht und dort miteinander redet, kann das also auch heute noch menschlich helfen. Es ist anders als früher, aber es ist wichtig, dass die Friedhofskultur nicht ausstirbt.

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