Timmerevers: Erfahrungen aus dem Osten beim "synodalen Weg" Raum geben
Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers hat kurz vor dem offiziellen Start des "synodalen Wegs" dazu aufgerufen, bei dem Reformprozess auch den unterschiedlichen Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland Raum zu geben. Dabei gehe es nicht um Ostquoten, "sondern um eine Kompetenz gelebten Glaubens, die Menschen in diesen Prozess bereichernd einbringen sollten", so Timmerevers in einem Gastkommentar für die "Herder Korrespondenz" (Dezember). Die Kirche in Deutschland solle mit ihren unterschiedlichen Glaubens- und Lebensbiografien eine neue Zuversicht vermitteln, weil sie Heimat nicht an Nationen binde, sondern ihren Anker im Unvergänglichen bezeuge.
Kirche "als eine Art geistlicher Ermöglicher"
Mit Blick auf die gesellschaftliche Aufgabe der Kirche skizzierte der Oberhirte in dem Beitrag die Rolle eines Entrepreneurs. Kirche solle "als eine Art geistlicher Ermöglicher" wirken, um Gottessucher zu befähigen, ihre Zweifel und Hoffnungen ins Wort zu fassen: "Was, wenn der Glaube sich in einer solchen Situation nicht aufdrängt, sondern einen Deutungshorizont anbietet, wo sich gesellschaftliche und individuelle Identität neu suchen will?" Dies brauche eine neue Sprachfähigkeit von Glaubenden, um einen authentischen Beweis der Existenz und Relevanz Gottes für die Fragen des Wohin, Wozu und Woher zu artikulieren.
Zugleich rief Timmerevers Ost- und Westdeutsche zu einem stärkeren Miteinander auf. Es könne eine Bereicherung sein, die "Ambivalenz der verschiedenen Erfahrungen" zwischen beiden Landesteilen auszuhalten. Dies sei keine Herausforderung für fünf Bundesländer im Osten der Republik, sondern für das ganze Land und sogar den ganzen Kontinent. "Gerade nach dem letzten Jahrhundert haben die Menschen in Mittel- und Osteuropa andere Geschichten des Scheiterns und Gelingens zu erzählen, als sie uns vielfach in Westeuropa vertraut sind", erklärte der 67-Jährige.
Timmerevers: Ostdeutschland nicht als defizitär wahrzunehmen
Die Reflexion der vergangenen drei Jahrzehnte führe vor Augen, "dass alles Menschliche immer auch von Versagen nicht frei ist". Vieles sei erreicht worden, aber nicht alles sei perfekt. "Was wäre, wenn wir – also die ganze Republik – empathischer als bisher wahrnehmen, was die Menschen in den Neuen Bundesländern erlebt haben? Als einer von ihnen, und zugleich mit ganz anderer biografischer Prägung, bereichert mein Leben die Begegnung mit jenen, die ihrem Träumen und Hoffen, Bangen und Trauern Ausdruck verleihen", so Timmerevers.
Dies, so der Bischof weiter, unterscheide sich von "billiger Ostalgie" oder dem blinden Zustimmen zu populistischen Thesen. Vielmehr werde es zum Ausdruck des Strebens nach einer Neubestimmung der individuellen und gesellschaftlichen Position. "Das verlangt in gleichem Maß Empathie für das einzelne Schicksal wie auch das deutliche Wort, wo die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird. Ich wünsche mir die ehrliche und vorteilsfreie Wahrnehmung aller erlebten Ambivalenzen", betonte Timmerevers, der in diesem Zusammenhang dazu aufrief, Ostdeutschland nicht als defizitär wahrzunehmen. Er erlebe als Bischof in Sachsen "eine Region, die einerseits über sich hinauswächst und Menschen, die ihre Biografien unter veränderten Vorzeichen mutig fortgeschrieben haben". (stz)