Und Gott fragt: Wo ist Dein Bruder?
Das war mir peinlich. Nach einer Beichte hatte ich mir Anfang des Jahres mal überlegt, mit welchen Leuten ich in meinem Leben Krach hatte. Und ich kam nach genauem Nachdenken auf immerhin etwa 15 Menschen, mit denen ich nach irgendeinem Streit oder einer Irritation keinen Kontakt mehr gesucht oder den Kontakt sogar abgebrochen hatte! Das ist für einen bekennenden katholischen Christen kein gutes Ergebnis. Zwar lag der Streit manchmal viele Jahre zurück und es bestand gar keine Gefahr, diesen Menschen im Leben noch einmal physisch zu begegnen, aber in den Augen Gottes war da nach wie vor ein Ärgernis, eine Lieblosigkeit, eine Unversöhnlichkeit. Das war nicht gut.
Am Jüngsten Tag könnte ich nichts mehr machen
Kein Zweifel, am Jüngsten Tag würde Gott mich fragen: Wo ist Dein Bruder? Und am Jüngsten Tag könnte ich nichts mehr machen, denn mit meinem Tod ist mein Leben "ausgezeitigt", wie Karl Rahner das mal genannt hat. Die Katholiken sprechen deswegen ja von den "armen Seelen", weil die nach dem Tod selber nichts mehr für sich tun können, so dass sie auf unsere Gebete angewiesen sind. Es ist schön, sich vorzustellen, dass die schönen Momente des Lebens die Zeit sprengen, dass sie sozusagen Ewigkeitscharakter haben, aber dann ist es eben zugleich ein ziemlich unangenehmer Gedanke, dass auch über Momente der Unversöhnlichkeit nicht einfach Gras wächst.
"Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden" heißt ein Buch, das ich mit dem eindrucksvollsten Menschen gemacht habe, den ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Jehuda Bacon hat Auschwitz überlebt und aus seinen entsetzlichen Erlebnissen so unglaublich humane Konsequenzen gezogen, dass es bei jedem Menschen, der ihm begegnet, ein wenig heller im Leben wird. Es ist die humorvolle Gelassenheit, aber auch der liebenswürdige Ernst, mit denen er über das Leben spricht. "Lebe dafür, solange du kannst, bei den anderen noch ein Lächeln zustande zu bringen“ sagte er einer seiner Studentinnen, die gerade eine Krebsdiagnose bekommen hatte und der die Ärzte gesagt hatten, sie habe nur noch drei Wochen zu leben. Es stellte sich dann zwar heraus, dass die Ärzte sich geirrt hatten und sie noch 40 Jahre lebte, aber dennoch lenkt Jehuda Bacon den Leser immer wieder auf die Unwiederholbarkeit jedes Moments und darauf, dass das ganze Leben eine Antwort auf Gottes Frage an Kain ist: Wo ist Dein Bruder?
Und damit bin ich wieder bei meinem Problem mit den Kontaktabbrüchen. Was soll man da machen? Zumal wir nicht mehr viel Zeit haben, denn wir sterben ja alle mehr oder weniger bald, spätestens irgendwann in diesem Jahrhundert. Die Juden hatten da eine gute Tradition. Sie kannten das Jobeljahr. Alle 50 Jahre gab es dieses Jahr, in dem alle Schulden erlassen werden mussten, in dem man also einen wirklichen Neuanfang machen konnte. Die katholische Kirche begeht seit 700 Jahren die so genannten Heiligen Jahre, in denen man ebenfalls einen Neuanfang machen kann. Für alles Leid, das man in seinem Leben angerichtet hatte, konnte man selber die Last einer Wallfahrt auf sich nehmen. Damit zeigte man, dass man nicht nur seine Schuld in der Beichte zu bekennen bereit war und ganz auf die Gnade Gottes setzte, die allein imstande ist, uns von unserer eigenen Bosheit zu befreien, sondern dass wir auch selber freiwillig dafür zu büßen bereit waren, was wir getan hatten. Und dass dieser Bußakt nicht sinnlos war, dafür stand die Kirche ein.
Das Heilige Jahr als Gesprächsangebot
Für 2016 hatte nun Papst Franziskus ein solches außerordentliches Heiliges Jahr ausgerufen als Aufforderung zum Neubeginn im Vertrauen auf die Gnade Gottes. Und da habe ich mir dann gedacht: Wie wäre es, das zum Anlass zu nehmen, allen Menschen, mit denen ich irgendwie mal Krach hatte, ein Gespräch anzubieten? Gedacht, getan. Und so habe ich etwa 15 Mails oder Briefe rausgeschickt, in denen ich unseren damaligen Streit kurz in Erinnerung rief, mich gegebenenfalls entschuldigte, sollte ich damals verletzend gewesen sein (ohne damit freilich auch meine damalige Meinung zu ändern), dann aber erwähnte, dass wir Katholiken – und das habe ich natürlich auch Kirchenfernen und Atheisten geschrieben – derzeit das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr feiern, das uns auffordert, einen Neuanfang zu machen und deswegen würde ich ein Gespräch anbieten. Und dann habe ich immer hinzugefügt: Wenn Sie das aber für einen absurden Gedanken halten, können Sie diese Mail gerne kommentarlos im Papierkorb versenken. Zwar waren diese Formulierungen immer etwas ähnlich, dennoch war das immer ganz echt und persönlich so gemeint.
Die Reaktionen waren erstaunlich und sie waren sehr unterschiedlich. Nur von einem Menschen kam gar keine Reaktion, vielleicht bin ich da aber auch einfach im Spam-Filter gelandet. Bei den anderen ging es von tiefer Dankbarkeit, die mich sehr berührte, bis zu einem gewissen Erstaunen, dass man das doch gar nicht als so schlimm erlebt habe. Es gab auch Fälle, wo Altes nochmal aufgerührt wurde, aber dann doch endlich begraben werden konnte. In jedem Fall empfand ich diese Aktion als total sinnvoll. Nun hat Papst Franziskus darauf hingewiesen, dass die Aufforderung zum Neuanfang auch nach dem Heiligen Jahr weiter gilt. Und so kann ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser nur empfehlen, das auch mal zu versuchen. Es kostet nicht viel, Briefporto oder bei Mails nur einen Klick. Man braucht eigentlich gar keinen Grund dafür, das zu machen. Jeder müsste das machen, es sei denn es gäbe einen Grund dagegen. Ich habe aber jetzt nochmal eindringlich nachgedacht. Mir fällt beim besten Willen keiner ein.