Und los geht's
Katholikentag festlich eröffnet
Mit einem stimmungsvollen Fest ist am Mittwochabend in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag eröffnet worden. Bundespräsident Joachim Gauck rief auf dem Marktplatz dazu auf, die Welt zu einem besseren Ort zu machen: "Geschichte kann sich auch in eine gute Richtung entwickeln, nämlich in Richtung Verständnis, Toleranz, Versöhnung. Inmitten all der meist schlimmen oder bedrohlichen Nachrichten der jüngsten Zeit sollten wir das nicht vergessen."
Bei bedecktem Himmel betonten Vertreter aus Politik und Kirche die Rolle des Christentums für die moderne Gesellschaft. Papst Franziskus forderte in einer eingespielten Videobotschaft dazu auf, "der Stimme der Armen und Zerschlagenen immer mehr Raum" zu geben. In der auf Deutsch gehaltenen Rede kritisierte er: "Wir sehen, wie Menschen bloßgestellt, hin und her gestoßen und ihrer Würde beraubt werden, weil sie keine Arbeit haben oder weil sie Flüchtlinge sind."
Sternberg würdigt gesellschaftliches Engagement
Kurz vor Beginn Katholikentages hat der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, das gesellschaftliche und politische Engagement von Christen gewürdigt. Bei den Katholikentagen sei es "von Anfang an auch um eine Verbesserung der Lebensbedingungen in unserem Land" gegangen, sagte Sternberg laut Redemanuskript bei einem Festakt am Mittwoch in Leipzig. Am Abend beginnt der Jubiläumskatholikentag, der bis Sonntag andauert.
Sternberg verwies auf das Leitwort "Seht, da ist der Mensch". Das sei kein exklusives Motto für den 100. Katholikentag. Auf jedem dieser Glaubensfeste hätte ein Redner seine Worte mit dem Bibelzitat beginnen können, so der Präsident des höchsten repräsentativen Gremiums des deutschen Laien-Katholizismus: "Seht, da sind Menschen, die uns brauchen - als Einzelne oder Gruppen, die eine Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse brauchen, mehr Bildung, mehr Gerechtigkeit und einen Wandel der Strukturen."
Seit Jahrzehnten seien Katholikentage "Orte gelebter Ökumene und des interreligiösen Dialogs", betonte Sternberg, der auch Vertreter der evangelischen und der orthodoxen Kirche sowie des Judentums und des Islam begrüßte.
100 Katholikentage sei eine beeindruckende Zahl, sagte Sternberg mit Blick auf den Jubiläumskatholikentag. Es herrsche Freude und Dankbarkeit. "Denn wer freut sich nicht, wenn er bei guter Gesundheit einen hohen, runden Geburtstag feiern darf. Wer lädt nicht gerne Verwandte, Freunde und Nachbarn ein, um mit ihnen ein rundes Jubiläum zu begehen. Es ist nicht nur guter Brauch, es ist auch guter Stil, die Freude über ein langes Leben und den Dank darüber gemeinsam mit anderen zu feiern."
Tillich fordert Akzeptanz aller Religionen
Zu mehr Dialog der Religionen untereinander und mit der Gesellschaft ruft Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) auf. Ein solcher Dialog sei heute wichtiger denn je, sagte Tillich laut Redemanuskript. Er rief dazu auf, Gespräche "mit Verständnis und Akzeptanz gegenüber allen anderen Religionen" zu führen. "Zeigen wir damit, dass Religion zum Alltag gehört." Zudem sei Religionsfreiheit "keine Einbahnstraße", betonte Katholik Tillich: "Es geht darum, seinen Glauben leben zu können. Und es geht darum, der Gesellschaft etwas zurückzugeben."
Mit Blick auf die vielen Nichtchristen in der Gastgeberstadt sagte der Christdemokrat, es sei gut, "dass sich der Katholikentag nicht nur mit der Kirche selbst beschäftigt". Es gehe vielmehr um "christliche Antworten auf viele politische Fragen unserer Zeit". Tillich nannte Christen "glaubensfrohe Gesellschaftsmacher, die mitten im Leben stehen". Er warb darüber hinaus für Respekt und Toleranz, "die dem christlichen Menschenbild zu eigen sind". Er wünsche sich, "dass der Katholikentag zum Engagement und zur Zuversicht ermutigt, dass wir die Aufgaben unserer Tage gemeinsam meistern werden".
Tillich begrüßte auch den bisherigen Münsteraner Weihbischof Heinrich Timmerevers im Bistum Dresden-Meißen als Nachfolger von Heiner Koch. Dieser war als Erzbischof nach Berlin gewechselt. Die Amtseinführung von Timmerevers ist für Ende August geplant. Das gastgebende Bistum dürfe sich glücklich schätzen, "dass es rechtzeitig einen neuen Bischof bekommen hat", so Tillich. "Es ist übrigens der 50. Bischof pünktlich zum 100. Katholikentag."
Historiker Wolf erwartet Signal für das Frauendiakonat
Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat die Katholikentage als Erfolgsgeschichte gewürdigt und zugleich Neuerungen angemahnt. Ohne 100 Katholikentage sähe nicht nur die Kirche, sondern auch Deutschland anders aus, sagte Wolf. Zum Beispiel gäbe es weder den Sozialstaat noch den Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes.
Der 100. Katholikentag sei aber "nicht nur ein harmlos schönes Jubiläum", betonte Wolf und regte Reformanstöße für künftige Treffen an. So müssten diese mutig und ohne Denkverbote und Tabus für Reformen in der Gesellschaft und in der Kirche eintreten - notfalls auch mit einem "Schuss Ungehorsam gegenüber der Hierarchie - immer dann, wenn diese sich den Zeichen der Zeit gegenüber verschließen sollte".
Derzeit aber drohe die Gefahr, sich in Buntheit und Beliebigkeit zu verzetteln. Früher hätten Katholikentage "nicht selten klare Beschlüsse gefasst und erfolgreich versucht, diese umzusetzen". Eindeutige Stellungnahmen zu zentralen politischen oder innerkirchlichen Themen könnten ein erster Schritt sein.
"Was spricht eigentlich gegen ein klares Votum des Leipziger Katholikentags für die Weihe von Frauen zu Diakoninnen?", fragte Wolf und erhielt dafür großen Beifall. Nach den jüngsten Anregungen von Papst Franziskus "wäre das ein deutliches Signal. Dann wäre das heutige Jubiläum nicht nur ein harmloses Fest".
Vor dem Festakt: AfD nicht eingeladen...
Spitzenvertreter der Partei Alternative für Deutschland (AfD) sind nach den Worten Sternbergs vom Katholikentag zu keiner Zeit ausgeladen worden. "Sie wurden nie eingeladen, das ist ein Unterschied", sagte er bereits am Mittwochmittag.
Die Podien würden nicht nach einem "Talkshow-Prinzip" besetzt, um möglichst viele Spitzenvertreter von Parteien einzubinden, betonte er. Es gehe um konstruktive Dialoge, anstatt den teilweise menschenverachtenden Parolen der AfD eine Bühne zu bieten. "Glauben Sie, wir hätten einen besseren Katholikentag vor uns, wenn irgendwer gegen Frau Petry antritt und wir uns einen Schaukampf liefern?", so der ZdK-Präsident vor Journalisten.
Mit Blick auf die Flüchtlingspolitik hob er hervor, die Sorgen und Probleme der Menschen würden in Leipzig aufgegriffen. Der Katholikentag verstehe sich nicht als "Affirmationsveranstaltung" für die Bundesregierung. Es gebe allerdings "christliche Essentials", die unverhandelbar seien, sagte Sternberg. Dazu gehörten Menschlichkeit, Integrationsfähigkeit und Internationalität. "Nicht die Würde des Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar."
...dafür aber die Konfessionslosen
Eingeladen hatte Sternberg dagegen die Konfessionslosen. "Es soll ein Katholikentag zum Anfassen, zur Begegnung und zum Dialog werden", so der ZdK-Präsident. Die Stadt stehe für Weltoffenheit und Internationalität. Von hier aus solle "ein Signal für Offenheit, Dialog und Gastfreundschaft" ausgehen.
Leipzig und die Umgebung seien für den Katholikentag zugleich ein neuer Erfahrungsraum, so Sternberg: "Der Osten Deutschlands ist eine der am meisten säkularisierten Regionen Europas." Dies bringe einen Perspektivwechsel, etwa in der Frage, wie man als Kirche in solch einer Umgebung lebt und mit christliche Themen auftritt. Der Katholikentag könne Gelegenheit sein, für eine "heilsame Verunsicherung auf Augenhöhe" von Christen und Konfessionslosen sowie Diskussionen über das, was wichtig für den Menschen sei.
Der Diözesanadministrator des gastgebenden Bistums Dresden-Meißen, Andreas Kutschke, hob hervor, dass die Kirche in Ostdeutschland oft Pionierarbeit leiste, "die in anderen Teilen Deutschlands vielleicht noch Zukunftsmusik ist". Kutschke, der das Bistum bis zum Amtsantritt des neuen Bischofs Heinrich Timmerevers leitet, erklärte: "Für uns ist die Frage Alltag, wie wir wir auf eine extrem religionslose Gemeinschaft reagieren können, die doch nach Orientierung sucht." Kirche habe da viel zu bieten.
Kutschke erinnerte daran, dass die Ankündigung eines Katholikentags in Leipzig nicht nur Begeisterung ausgelöst habe, etwa in der Frage des städtischen Zuschusses. Leipzig unterstützt das Treffen, zu dem mindestens 50.000 Besucher erwartet werden, mit einer Million Euro. "Dennoch hoffe ich, dass sich die Leipziger jetzt von der fröhlichen Stimmung des Katholikentags mitreißen lassen", so Kutschke. "Nicht nur der Aufstieg der Fußballmannschaft RB Leipzig zeigt: Leipzig ist erste Liga". (bod/KNA)