Unter Vorbestraften
Matthias Matussek ist in die ostdeutsche Provinz gereist. Hier wird er an diesem Abend, auf den Tag genau 23 Jahre nach dem Mauerfall, lesen und plaudern. Er liest aus seinem neuen Buch "Die Apokalypse nach Richard". Er spricht aber auch über "Das katholische Abenteuer", sein Vorgängerbuch. Und er staunt darüber, wie katholisch die ostdeutsche Diaspora ist.
Die Lesung beginnt ungewöhnlich. "Folgen, Leben mit Jesus hat Folgen" heißt das Lied, das die Besucher anstimmen. Dazu spielt ein Mädchen auf der Gitarre, ein junger Mann begleitet am Klavier. Matussek applaudiert anschließend und beginnt den Abend mit einem Kompliment an die Zuhörer: "So voll ist es hier! Im Westen erlebe ich das nicht so oft".
Die etwa 100 Zuhörer sind bunt zusammengewürfelt: Jugendliche, die an der Diözesanversammlung des BDKJ teilnehmen, Rentner aus Cottbus, eine Ordensschwester und einige Priester aus der Umgebung. Sie alle sind gekommen, um Matthias Matussek zu erleben, den Journalisten, der mit seinem Buch "Das katholische Abenteuer" ein Plädoyer für die Kirche veröffentlicht hat, in Talkshows kontrovers diskutiert und überhaupt an der Kontroverse seine helle Freude hat.
Starker Glauben in extremer Diaspora
"Katholisch sein ist nicht markttauglich. Das wird von Manchem als Vorstrafe aufgefasst", berichtet er vom Westen. "Sie hier erleben Ihren Glauben stärker als in irgendeiner erschlafften Großstadtgesellschaft". Das sitzt! Und es tut den Zuhörern gut. Sie sind katholische Christen in einer nahezu gottlosen Umgebung. 3,9 Prozent der Bevölkerung in der Diözese Görlitz sind katholisch. Das sind etwa 30.000 Katholiken zwischen Berliner Stadtgrenze und Görlitz, zwischen Finsterwalde und Eisenhüttenstadt. Diaspora extrem.
Sie hier erleben Ihren Glauben stärker als in irgendeiner erschlafften Großstadtgesellschaft.
Matthias Mattusek
Matussek legt los und berichtet von seinen zahlreichen Talkshow-Auftritten. Er nennt Heiner Geißler einen "Scheinrebellen mit über 70". Und er zeigt Respekt vor dem Papst, dem über 80-Jährigen. Er erzählt über "Das katholische Abenteuer" und von den Reportagen die darin stehen von Orten, an denen Glauben sehr viel abenteuerlicher ist als in Deutschland. "Außer hier", schiebt Matussek für die Cottbuser Zuhörer nach, "hier ist es sehr abenteuerlich".
Dann beginnt er aus seinem neuen Buch "Die Apokalypse nach Richard" zu lesen. Gleich das erste Kapitel passt nach Neuhausen, in die Diaspora. Richard, der Hauptfigur, widerfährt darin ein Wunder: Er kann wieder sehen. Anschließend besucht er die Morgenmesse. Matussek beschreibt ausführlich die Besucher des Gottesdienstes und wie Richard aus dem Petrusbrief liest. "Es waren nicht viele, die an diesem Morgen die Ankunft des Herrn erwarteten. Mit ihm (Richard) waren es fünf."
"Rein zufällige" Änlichkeiten zwischen Autor und Romanfigur
Dann liest Matussek, wie Richards Enkel Nick sich auf den Weg aus dem Internat in Bonn nach Hamburg macht. Er beschreibt den Journalisten Roman, Richards Sohn und Vater von Nick, wie er kifft und trinkt und auf Feuilleton-Phrasen schimpft. Die Geschichte spielt zu Weihnachten. Waltraut, Richards Frau, misslingt die Weihnachtsgans. Die Innereien steckten im Hals der Gans. Der Metzger hatte Richard ausdrücklich darauf hingewiesen, der hing aber anderen, wichtigeren Gedanken nach und hatte vergessen, es Waltraut zu sagen. Richard erwartete nämlich zu Weihnachten, dem Hochfest der Geburt des Herrn, die Apokalypse, die Wiederkehr des Herrn.
Die Ähnlichkeiten zwischen Matthias Matussek und seinen Romanfiguren seien "rein zufällig" behauptet der Autor anschließend augenzwinkernd. Gerade die Figur des Journalisten Roman habe ihm viel Spaß gemacht. Er habe ihn fast aus der "Süddeutschen Zeitung" abgeschrieben.
Nach zweieinhalb Stunden Plaudern, Lesen und Bücher signieren raucht Matthias Matussek die erste Zigarette. Er sei ganz begeistert vom Gesang zum Anfang der Lesung. Das habe er noch nicht erlebt, sagt er. In seiner Heimatgemeinde in Hamburg waren nur dreiundzwanzig Leute auf seiner Lesung – hier waren es einhundert.
Von Markus Kremser